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Leben im Zug: Warum ich meine miese und nervige zweijährige Fernbeziehung nicht bereue

Fernbeziehungen sind toll. Liest man immer wieder. Unsere Autorin hält dagegen. Sie sagt: Fernbeziehungen sind perfekt für Menschen mit Bindungsängsten, mehr aber auch nicht.

Fernbeziehung

20 volle Tage hat NEON-Autorin Ivy in den vergangenen beiden Jahren im Zug verbracht (Symbolbild)

Wenn du jemanden nur gerne genug magst, um unter der Woche mit ihm zu schreiben und deine Wochenenden mit ihm zu verbringen, dann hast du eine andere Vorstellung von Beziehungen als ich, oder du bist noch sehr, sehr jung. Klar, am Anfang heißt es: "Fernbeziehung ist super. Mega entspannt! Wir machen uns keinen Stress, wenn der andere einmal nicht schreibt, weißt du?!"

Natürlich ist es einfach, weniger Verantwortung zu übernehmen. Diskussionen über alltägliche Dinge immer wieder aufs nächste Wochenende zu verschieben, weil man in der kurzen Zeit, in der man sich sieht, nicht streiten will. Aber nach zwei Jahren wollte ich einfach mehr als nur diese aufregenden Wochenenden. Warum ich trotzdem froh bin, zwei Jahre getrennt voneinander gelebt zu haben?

Um das zu erklären, muss ich von vorne anfangen.

Zwei Wochen vor der Fernbeziehung

Als klar wurde, dass wir nach dem Studium in verschiedene Städte ziehen würden, sorgte das bei uns Beiden schon für ein sehr mulmiges Gefühl in der Magengrube. Aber hey: Wir lieben uns doch sooo sehr, da ist das doch kein großes Ding! Die Ausbildung ist ja auch nur auf zwei Jahre begrenzt und dann sehen wir weiter. Damit das alles funktioniert, stellten wir Regeln auf:

  1. Wir sagen uns jeden Tag "Guten Morgen" und "Gute Nacht".
  2. Wir sehen uns alle zwei Wochen.

Spoiler Alert: Beide Regeln haben nicht funktioniert. Aber allein der Wille, sie einzuhalten, hat oft schon ausgereicht.
Und so wohnten wir fortan 418 Kilometer voneinander entfernt. Für den Job.

Die 1. Woche Fernbeziehung


War dann ganz ok. Ganz ehrlich. Es passiert so viel Neues. Du lernst so viele neue Leute kennen. Und hey: Wir lieben uns doch soooo und sind nicht eifersüchtig (das hat für mich ganze anderthalb Jahre gestimmt.) Nach einer Woche war tatsächlich alles super, wir waren euphorisch uns wieder zu sehen – so als wären wir vorher nie eine Woche voneinander getrennt gewesen. Wir haben alleine neue Erfahrungen gesammelt. Waren nicht mehr so krass auf den anderen fixiert, haben unser eigenes Ding durchgezogen, und hatten trotzdem jemanden, auf den wir uns verlassen konnten, dem wir vom fiesen Boss erzählen konnten. Jemanden, der dir sagt, dass er dich liebt.

Drei Monate Fernbeziehung


So ging es zunächst weiter. Die ersten Monate lief alles super. Regel 2 wurde gleich zu Beginn ausgesetzt. War ja alles so neu und dann ist da noch die Feier von der Arbeit und die neuen Freunde haben Geburtstag und da kannst du ja schlecht absagen. Aber plötzlich, als schließlich etwas Ruhe reingekommen war hat es uns beide ganz schön auf den harten Fliesenboden der Realität geknallt: Das ist es jetzt. Das ist jetzt unser Ding. Wir haben eine Fernbeziehung. Wir können uns nicht mehr einfach so spontan auf einen Kaffee treffen. Nicht nach der Party doch noch mit zum anderen gehen. Wir können uns bei einem Streit nicht in die Augen schauen und einander zeigen, wie schlimm das jetzt gerade war. Und wir können uns auch nicht wieder versöhnen und gegenseitig in den Armen liegen. So dauern Streits, die vorher nur eine kleine Diskussion gewesen wären, plötzlich drei Tage.

1 Jahr Fernbeziehung


Sich drei Tage nicht zu melden ist kindisch. Und dem anderen nicht ehrlich zu sagen, was man denkt, um einem Streit aus dem Weg zu gehen, auch. Nach einem Jahr hatten wir uns eingegroovt. Und ich war routiniert im Zugfahren. Ich habe mehr verdient, hatte eine Bahncard 50, weniger Wochenenddienste und wurde somit zur Reisenden. Oft habe ich gescherzt, darüber ein Buch zu schreiben: "Mein Leben im Zug" würde doch bestimmt ein Bestseller, dachte ich. Binnen eines Jahres gab ich 2450 Euro für Zugtickets aus. Und ja, es war erst Halbzeit. In einem Jahr habe ich volle zehn Tage im Zug verbracht, wenn man die reguläre Fahrtzeit berechnet (und wir kennen alle die Deutsche Bahn). Und ja, es war erst Halbzeit.

Ich habe mir viel einfallen lassen, um die Fahrten angenehmer zu machen. Podcasts haben auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich rückblickend dankbar für die Fernbeziehung bin. Für mich kam Lesen nicht infrage, obwohl ich Bücher in zwei Tagen verschlingen kann. Mir wird dabei im Zug einfach schlecht. Also: Kopfhörer auf und los! Nach einem Jahr investierte ich dann auch noch in gute Noise-Cancelling-Kopfhörer, was eine Zugfahrt mit einem schreienden Kind hinter dir, einer Seniorengruppe im Vierer vor dir und dem jungen Typen neben dir, der sich noch schnell "The Big Bang Theory" auf Netflix runtergeladen, aber keine Kopfhörer dabei hat, auf jeden Fall erträglicher. Außerdem durften sich meine Lieblingspodcasts über emotionale "Ihr macht meine Fernbeziehung erträglicher"-Nachrichten freuen. Eine Antwort habe ich von keinem bekommen. Gelernt habe ich auch, dass der Ruhebereich der Bahn sich selten durch Ruhe auszeichnet. Dass keiner der neu zugestiegenen Passagiere sich auf den freien Platz neben dir setzt, während du auf der Toilette bist, und dass ich aus Zeitmangel oft selbst die verhasste Döneresserin im Abteil bin. Ich habe ICE-Fahren quasi professionalisiert.

1,5 Jahre Fernbeziehung


Druck. Druck. Druck. Druck. Nach eineinhalb Jahren, habe ich nur noch Druck verspürt. Wenn sogar dein emotional eher verhaltener Freund dir irgendwann sagt, es wäre scheiße, nicht weiter planen zu können, dann machst du dir Stress. Mit "nicht weiter planen" meint er nämlich: heiraten, Hund und Kinder. Und ja, das ist auch ein bisschen süß, und ja, da ist im Moment noch überhaupt nicht dran zu denken. Aber falls wir es wollten, käme es für uns trotzdem nicht infrage, solange wir nicht am selben Ort leben. Also fing ich an, Bewerbungen zu schreiben. Ich beschloss, alles zu versuchen, um bei ihm zu sein. Sein Job war noch auf ein weiteres Jahr befristet. Er konnte nichts an der Situation ändern. Was ich ihm auch nicht übel nahm.

Aber nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung und drei Jahren Beziehung insgesamt, wollte ich natürlich auch das haben, was meine Freunde hatten: eine schöne schnucklige Wohnung, vielleicht heiraten. Kitschig und spießig, aber wahr. Und um diese Dinge überhaupt potenziell möglich zu machen, hing alles an mir. Ich musste einen Job finden. Ich musste trotzdem weiterhin immer nach Hamburg fahren. Ich war verantwortlich. Klar gehören immer zwei Menschen zu einer Beziehung, aber die einzige, die etwas an der Rahmenbedingung ändern konnte, war in dem Moment ich. Und das fühlt sich richtig scheiße an.

Hinzu kam, dass mich plötzlich seine neuen Bekanntschaften wahnsinnig machten: Wer ist dieses Mädchen und warum verbringst du so viel Zeit mit ihr? Ich glaube, ich war nicht mal misstrauisch, ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass er treu ist. Aber sich in der Mittagspause zum Essen zu treffen, nach der Arbeit noch in eine Bar zu gehen, spontan auf ein Konzert unter der Woche – das waren Dinge, die ich nicht haben konnte. Ich hatte Angst, meinen besten Freund zu verlieren.

Als ich das erste Mal sagte, wie ich mich fühlte war er beleidigt. Verständlich. Immerhin habe auch ich viele männliche Freunde, bei denen ich bis spät in die Nacht auf dem Sofa saß. Ich habe mich schuldig für meine Eifersucht gefühlt und mich selbst unter Druck gesetzt, mich anders zu fühlen. Was wenn ich keinen Job in seiner Nähe bekomme? Mache ich auch etwas auf das ich gar keine Lust habe, um bei ihm zu sein? Schaffen wir das Ganze noch länger? Lieben wir uns überhaupt noch soooo sehr? Druck. Druck. Druck. Druck.

2 Jahre Fernbeziehung


4900 Euro, 22,923 Tage im Zug, unzählige Verspätungen und 3 Hotelübernachtungen wegen Zugausfällen später, wohnen wir jetzt zusammen. Und es ist toll. Und aufregend. Und schwierig. Aber um 10.000% einfacher als eine Fernbeziehung. Nebeneinander einschlafen und wieder nebeneinander aufwachen, ist schon ganz nett. Trotzdem bereue ich die letzten Jahre nicht. Getrennt voneinander zu sein, hat uns zusammengeschweißt, und während wir mit der Distanz kämpften, sind befreundete Pärchen an der Nähe gescheitert. Vielleicht würden wir uns die Nähe zum anderen gar nicht so dringend wünschen, wenn wir nicht so lange voneinander getrennt gewesen wären. Ob ich tatsächlich heiraten oder Kinder kriegen will? Keine Ahnung. Aber wir haben es geschafft. Wie es jetzt weiter geht? Ich glaube, es wird gut.

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