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Interview

Modeindustrie: Warum Leihen das neue Shoppen ist - und glücklich macht

Unter dem Motto "Stil hast du, Kleider leihst du" können Kundinnen der Kleiderei sich Klamotten ausleihen statt alles neu zu kaufen. Im Interview mit NEON erzählen die beiden Gründerinnen, wie sie Fast-Fashion-Anbietern mit ihrer nachhaltigen Alternative die Stirn bieten wollen.

Von Laila Keuthage

Mehr als 3000 Kleidungsstücke gibt der Fundus der Kleiderei her.

Mehr als 3000 Kleidungsstücke gibt der Fundus der Kleiderei her.

Der Aufzug rattert in den 7. Stock, die Türen schieben sich zur Seite, dahinter wird es bunt. Kleiderstange an Kleiderstange, Bluse an Bluse, Muster an Muster. Pola Fendel durchquert mit einem Wäschekorb vor der Brust den Fundus der Kleiderei, stellt die frisch gewaschene Kleidung neben eines der Bügelbretter. In der Küche wartet die andere Hälfte des Business-Duos, Thekla Wilkening. Pola und Thekla haben sich vor dem Abitur in Köln kennengelernt und sind heute mit Ende 20 erfolgreiche Gründerinnen.

Das Cover des Buchs "Einfach leben: der Guide für einen minimalistischen Lebensstil".

In Lina Jachmanns kürzlich erschienenem Buch "Einfach Leben: Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil" wird die Kleiderei als Paradebeispiel für einen nachhaltigen Mode-Konsum vorgestellt.

Seit 2012 können sich Kundinnen der Kleiderei unter dem Motto "Stil hast du, Kleider leihst du" jeden Monat vier gebrauchte Teile ausleihen. Nach einem Monat werden diese dann gegen vier andere Stücke ausgetauscht. Online kostet das Kleiderleihen 39 Euro im Monat, in der bisher einzigen Franchise-Filiale in Köln 25 Euro. Die Kundin füllt vorab einen Fragebogen aus, damit beim Zusammenstellen des Pakets durch das Team der Kleiderei auch Kleidungsstil und eventuelle Problemzonen berücksichtigt werden können. 

Thekla Wilkening und Pola Fendel

Thekla Wilkening (links) und Pola Fendel sind nicht nur gute Freundinnen, sondern führen auch gemeinsam ein erfolgreiches Business: die Kleiderei.


39 Euro, davon könnte ich mir locker vier Teile bei Primark kaufen. Warum sollte ich mir für das Geld gebrauchte Klamotten ausleihen?

Pola: Wir beuten Arbeitskräfte der Textilindustrie am anderen Ende der Welt aus und nur deshalb ist unsere Mode so billig. Punkt. Das ist einfach widerlich.

Aber ihr macht in der Kleiderei doch auch Umsatz mit Kleidung von Zara und H&M. Ist das nicht ein Widerspruch? 

Thekla: Uns geht es darum, dass man alle Sachen bewahrt, die eh schon produziert und noch wie neu sind. Teile einfach wegzuschmeißen, nur weil sie Fast Fashion sind, das wäre alles andere als nachhaltig.

Ihr führt Shirts, Hosen, Kleider, Schuhe, Röcke, Taschen, Jacken, Pullover - kurz: alles Mögliche. Woher bekommt ihr denn die ganze Kleidung?

Pola: Angefangen haben wir mit unseren eigenen Klamotten. Wir dachten uns: Okay, wenn unser Konzept ist, weniger zu besitzen, dann müssen wir uns erstmal an die eigene Nase fassen. Wenn du mal wirklich, wirklich ausmistet, also nicht so halbherzig, sondern wenn du sagst: Alles, was nicht Lieblingsteil ist, kommt raus - das ist unglaublich. Wir hatten am Anfang alleine von unseren Kleiderschränken, einigen Freunden und der Familie ein paar Hundert Kleidungsstücke. Dinge, die ungenutzt rumhingen.

Aber das wird ja inzwischen nicht mehr reichen...

Pola: Genau, mittlerweile haben wir drei Wege, wie wir an unsere Sachen kommen. Der Erste ist, dass wir nach wie vor sagen: Jeder kann uns seine Fehlkäufe und Ex-Lieblingsstücke zuschicken. Der Zweite ist, dass wir Flohmärkte, Fundus-Aufkäufe und Vintage-Läden abgrasen. Und der dritte Weg sind Kooperationen mit Slow-Fashion-Designern, bei denen wir den größten Teil der Produktion überwachen können.

Wenn ich nachhaltig sein will, könnte ich mir ja auch einfach bei Fair-Fashion-Labels die Kleidung kaufen, die mir gefällt. Weshalb soll ich auf euch zurückgreifen?

Thekla: Wir kennen das ja alle, dass man sich in einem Pullover, den man sich von einer Freundin oder vom Freund geliehen hat, immer besser fühlt als in den Sachen, die schon ewig im eigenen Kleiderschrank hängen. Wir haben früher zusammen in einer WG gelebt und damals schon immer unsere Kleidung getauscht.

Pola: Dabei ging es erstmal gar nicht um dieses Minimalismus-Thema, aber wir haben dadurch gemerkt: Ich muss Dinge nicht besitzen, damit sie was mit mir machen und mir Freude bereiten.

Pola führt durch den Fundus der Kleiderei.

Pola führt durch den Fundus der Kleiderei. Hier hängen neben ausgewählten Teilen von Fair-Fashion-Designern nur gebrauchte Klamotten.

Das hättet ihr ja auch einfach privat halten können. Warum war es euch so wichtig, diesen Gedanken unter die Leute zu bringen?

Pola: Das war eigentlich erstmal so eine Schnapsidee. Wir haben uns vorgestellt, wie viel Spaß es machen würde, Kleidung zu leihen, wie in einer Bücherei. Dann ist uns durch Theklas Studium in Bekleidungstechnik und -Management und durch Medienberichte klar geworden, wie die Modeindustrie aussieht. Dass uns das anwidert und dass wir etwas tun müssen. So kam dann 2012 diese Business-Idee, wir dachten: Das könnte die Alternative zu Fast Fashion sein.

Was genau stört euch denn an der Modeindustrie?

Thekla: Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung. Da war einfach so eine Machtlosigkeit. Dass man weder an Labels noch am Preis erkennen konnte, was man mit gutem Gewissen kaufen kann. Wir haben uns einfach verarscht gefühlt von der ganzen Industrie.

Pola: Für mich war es immer die Ausbeutung. Ich kann das wirklich nicht ertragen, ein Kleidungsstück zu tragen, von dem ich weiß, dass da das Blut von jemandem dranklebt. Ganz pathetisch gesagt, aber es ist ja nun mal so.

Und die Kleiderei soll eine Alternative für Konsumentinnen bieten. Was unterscheidet euch von anderen Tauschkonzepten wie der Tauschen-Funktion auf Kleiderkreisel?

Thekla: Wir sind der festen Überzeugung, dass Nachhaltigkeit sich nur durchsetzen kann, wenn man es den Konsumenten möglichst leicht macht. Zugang statt Besitz ist die Lösung. Deswegen ist die Kleiderei auch kein Tauschprinzip im klassischen Sinne, sondern ein Fundus, in dem jeder nur seinen eigenen Monatsbeitrag eintauscht gegen etwas neues. Das ist wesentlich flexibler, als wenn man Ware gegen Ware tauscht. Da musst du erst was mitbringen, damit du was bekommst. Bei uns dürfen alle mitmachen.

Machen denn auch alle mit? Ich würde eure Kundinnen jetzt eher nicht in der breiten Masse vermuten.

Thekla: Genau da sind wir aber. Die Kleiderei ist kein Konzept, das ausschließlich für Fashionistas funktioniert. Unsere Kundin ist eine normale Frau.

Die Kleiderei steht vor allem für außergewöhnliche Teile. Basics gibt es eher selten.

Die Kleiderei steht vor allem für außergewöhnliche Teile. Basics gibt es eher selten.

Was wollt ihr bei euren Kundinnen bewirken, außer dass sie Spaß am Kleiderleihen haben?

Pola: Wir hatten von Anfang an den Anspruch, unsere Kundinnen ein wenig umzuerziehen.

Inwiefern?

Pola: Man muss einfach merken: Je weniger ich habe, desto mehr schätze ich diese Teile wert. Du kombinierst ganz neu, arbeitest mit dem, was du hast. Wenn man anfängt, sich davon zu lösen, dass man alles haben muss, dann wird das immer weitreichender und lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen, Stichwort Carsharing.

Was ist auf lange Sicht das Ziel? Sollen eure Kundinnen nie wieder Kleidung einkaufen?

Pola: Es gibt immer so radikale Slow-Fashion-Menschen, die fordern, dass gar nichts mehr gekauft werden soll. Das kann auf keinen Fall die Lösung sein, es ist einfach nicht möglich. Wir müssen andere Wege finden, uns zu reduzieren und sinnvoller zu konsumieren.

Wie wird sich die Modeindustrie eurer Meinung nach in Zukunft entwickeln? Wird sich da weiterhin was tun oder denkt ihr, dass der Nachhaltigkeits-Trend bald wieder verflogen ist?

Thekla: Ich glaube nicht, dass das passiert und das darf auch nicht passieren. Es wird auch für Labels und Unternehmen immer schwieriger, weil der öffentliche Druck weiter wächst. Mit dem Internet wird auch die Aufklärung viel einfacher. Bald werden auch die ausgebeuteten Arbeitskräfte alle Smartphones haben und dann werden Fotos und Videos aus Fabriken auftauchen. Kein Unternehmen kann es sich bald mehr leisten, mit irgendeinem Produkt einen Shitstorm im Netz auszulösen.

H&M versucht ja momentan schon das Image aufzubessern, mit einer "Conscious", also einer nachhaltigen Kollektion, zu niedrigen Preisen. Wie bewertet ihr sowas?

Thekla: Man ist dann erst einmal skeptisch, aber grundsätzlich ist es ja genau die richtige Entwicklung, weil es zeigt, wie sehr die Industrie unter Druck steht.

Pola: Die Alternativen werden einfach immer sexier. Öko-Mode war mal so ein Hippie-Birkenstock-Filz-Gedanke, aber mittlerweile gibt’s total coole, sexy und auch günstige Eco-Labels. Und irgendwann gibt es dann jemanden, der in der Größenordnung von H&M Fair Fashion macht.

In Köln kann man euch mittlerweile nicht nur im Internet, sondern auch auf der Straße finden. Da habt ihr letztes Jahr euren ersten Franchise-Store eröffnet, wie soll es weitergehen mit der Kleiderei?

Pola: Um die Menschen deutschlandweit zu erreichen, ist es wichtig, dass wir online sind. Aber wir lieben auch den persönlichen Kundenkontakt und es gibt Menschen, die einfach lieber vor Ort anprobieren und aussuchen.

Das heißt?

Thekla: Längerfristig wäre ein Store auf der Highstreet natürlich schlau, auch damit wir gesehen werden.

Pola: Wir sind so günstig wie Fast Fashion. Deshalb würde es Sinn ergeben, sich direkt neben den großen Anbietern zu positionieren und zu sagen: "Hi, wir sind hier und wir sind die bessere Variante für alle Beteiligten."