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Nokia 3310 No(kia)stalgie – die Rückkehr des Kulthandys

Nokia 3310: No(kia)stalgie – die Rückkehr des Kulthandys
Ende Mai kommt das Nokia 3310 in Deutschland auf den Markt, ein Anti-Smartphone ohne Apps und mit nur rudimentärer Internetausstattung. Neon-Praktikantin Vera Siebnich hat es schon bestellt.

Der 31. Mai ist in meinem Kalender rot angestrichen. Ich habe mir alle möglichen (und die unmöglichen) Routen von Wohnung und Arbeitsplatz zum Elektromarkt im Bahnhof Altona notiert, um trotz der Tatsache, dass ich mich sicher verlaufen werde, vor Ladenschluss dort zu sein. Der Grund dafür hat ein gerade mal 2,4 Zoll großes Display und lässt sich lieber drücken, statt gestreichelt zu werden: Das Nokia 3310 ist kein Smartphone, sondern ein Handy. Schon kurz nach der Produktvorstellung kam die Frage auf, warum man sich das kleine Mobiltelefon kaufen sollte, wenn man für weniger Geld auch ein Smartphone bekommen kann, das wesentlich mehr Funktionen anbietet. Immerhin muss ich dafür 59,90 Euro auf den Tresen legen.

Nokia selbst, das wird in der Werbekampagne deutlich, setzt mit der Neuauflage seines Klassikers vor allem auf den Nostalgiefaktor. Das 3310 war für viele das erste Mobiltelefon überhaupt und genau diese ehemaligen Nutzer sollen nun an die "guten alten Zeiten" zurückdenken. "Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Sie das Haus ohne Ladegerät verlassen konnten?", schreibt Nokia auf seiner Website über das Rückkehr-Phone und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Ich werde es als Wecker nutzen, weil ich aus Erfahrung mit Vorgängermodellen weiß, dass es mich auch dann noch zuverlässig aus dem Schlaf klingeln wird, wenn abends auf der Batterieanzeige nur noch ein Balken zu sehen ist. Und es so laut, dass ich es auf jeden Fall mitbekomme. Denn während das leise Rauschen und Geklimper, das andere Telefone als Weckerklingelton anbieten, eher dazu verführt, dass ich mich eventuell noch einmal umdrehe und berieseln lasse, sind die Weckgeräusche der Nokia-Knochen derart erbarmungslos, dass an Weiterdösen nicht zu denken ist. Auch, wenn ich es mehr als eine Woche lang nicht aufgeladen habe.

Der ultimative Freundschaftstest

Für mich war die Aussicht auf einen Reisebegleiter verlockend, mit dem ich auch im "Oh mein Gott, ich hatte mehr als 15 Stunden keinen Zugang zu einer Steckdose!"-Notfall noch telefonieren kann. Kein panisches Herunterdrehen der Bildschirmbeleuchtung oder Kappen der mobilen Datenverbindung, damit das Ding bloß nicht den Geist aufgibt, bis ich das nächste Mal eine Steckdose finde. Stromfresser wie Spiele oder Musik gibt es zwar auch auf dem Nokia 3310, aber Apps wie Whatsapp und Facebook fehlen. Lediglich über den Browser kann man ein bisschen im Web surfen. Die Verlockung, das Telefon nicht mehr aus der Hand zu legen, ist also deutlich geringer als beim Smartphone. Seitdem ich mal planlos eine dreiviertel Stunde durch Prag geirrt bin, da ich mein Smartphone verloren hatte und nicht einmal in meinem Hostel anrufen konnte, weiß ich: Es ist ein sehr gutes Gefühl, eine Alternative zu haben, die einfach die ganze Reise über im Rucksack bleibt, weil sie nicht ständig klingelnd und piepend nach Aufmerksamkeit verlangt.

Generell ist so ein nicht schlaues Telefon im Zeitalter von Whatsapp auch ein nettes Sozialexperiment: Wem bin ich es eigentlich wert, dass er für mich das kuschelige WhatsApp-Interface verlässt und wieder SMS schreibt? Welche Informationen sind auch dann wichtig genug, um als Nachricht verschickt  zu werden, wenn man einen Tarif ohne SMS-Flatrate nutzt und folglich extra dafür bezahlen muss? Während meiner smartphonelosen sechs Tage nach der Pragreise stellte ich fest, dass die Anzahl der Nachrichten, die nur aus Smileys bestand, extrem rückläufig war. Kommunikation statt chatten. Ich mag das und das Nokia 3310 ist ein sehr schöner Grund, vielleicht wieder öfter darauf zurückzugreifen. "WhatsApp? Nee, sorry, hab ich grade nicht. Aber wir können gerne telefonieren!"

Das Unkaputtbare

Aber das 3310 ist keineswegs das einzige Nicht-Smartphone auf dem Markt, vergleichbare Handys kosten nur die Hälfte. Warum also ein Nokia? Nun, die Antwort steckt in der Frage: Ja, auch ich tue mit meiner Fahrt zum Elektrohändler nichts anderes, als die Apple-Jünger, die im Herbst wieder vor den Läden campen werden. Oder die Samsung-Anhänger, die im April die Hotlines der Mobilfunkanbieter heißlaufen ließen, weil das S8 nicht wie versprochen zum Verkaufsstart bei ihnen zu Hause eintrudelte. Aus genau den gleichen Gründen. Es ist ein Nokia. Es ist praktisch, das neue Modell ist schön, es war irgendwie schon immer da und die Marke hat nicht umsonst den Ruf, unkaputtbar zu sein. Während meines Auslandsjahres in Finnland zeigte mir meine Gastmutter stolz ihr Nokia X3-02 und erzählte, dass es ihr erst kürzlich in den Schnee gefallen sei und sie, weil sie  es nicht bemerkt hatte, mit dem Auto darübergefahren war. Und bis auf eine Taste funktionierte es nach wie vor einwandfrei, lediglich das Gehäuse hatte ein paar Kratzer. Für jemanden, dem Mobiltelefone gerne mal aus Hosen- oder Jackentasche fallen, eine beruhigende Aussicht.

Das sind alles gute Argumente, oder? Nun, so wahr sie auch sind und bestimmt meine Entscheidung beeinflusst haben, einer ist wohl hinfällig: Das Nokia 3310 wird auch bei meiner nächsten Reise nicht die ganze Zeit im Rucksack bleiben. Die Möglichkeit, auf einer dreieinhalb Stunden langen Busfahrt ein bisschen "Snake" spielen zu können – in Farbe! – ist einfach zu verlockend.

Nokia 3310: No(kia)stalgie – die Rückkehr des Kulthandys

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