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Volker Kutscher: NEON-Traumjob: Wie wird man eigentlich … Bestsellerautor?

Traumjob gefunden: Volker hat das geschafft, wovon viele träumen und ist hauptberuflich Autor. Inzwischen sind seine Bücher sogar als "Babylon Berlin" verfilmt worden. Aber wie wird man das eigentlich? Und wie sieht so ein Arbeitsalltag aus? Mit NEON sprach er über Blockaden und den Wert der eigenen Arbeit.

Volker Kutscher

Volker Kutschers Gereon-Rath-Reihe stürmt mit jedem neuen Band die Bestseller-Listen. Auf ihnen basiert die TV-Sensation "Babylon Berlin".

Um wen geht's?

Volker Kutscher, 56, schreibt Romane. Seit er seine Reihe um den Kriminalkommissar Gereon Rath begonnen hat, die im Berlin der Jahre 1929 bis 1938 spielt, landen seine Bücher regelmäßig auf den Bestsellerlisten.

Was machst du den ganzen Tag?

Das hängt ganz davon ab, in welcher Phase ich mich befinde. Ist ein Buch gerade herausgekommen – wie aktuell mein neuer Roman "Marlow" – dann bin ich unterwegs auf Lesereise. Das heißt, tagsüber sitze ich in Zügen oder Hotels und gebe Interviews, abends lese ich aus meinem Roman und komme mit meinen Lesern ins Gespräch.

Aber das ist natürlich nicht das, was das Berufsbild ausmacht. Mein eigentlicher Job ist Schreiben, Schreiben und nochmal Schreiben. Wenn ich einen neuen Roman angehe, beginnt das allerdings erst einmal mit Recherche und Konzipieren. Da ich historische Romane schreibe, trage ich zunächst alles Mögliche an wichtigem und unwichtigem Kram zusammen, der sich in der Zeit, in der mein neuer Roman spielen soll, zugetragen hat. Das gibt manchmal hilfreiche Impulse für die Geschichte, die ich erzählen will. Wenn ich da eine grobe Vorstellung habe, wie die Geschichte aussieht, dann beginne ich mit dem Schreiben. Das ist die einsamste und anstrengendste Tätigkeit in meinem Beruf. Und natürlich die entscheidende.

Auch wenn das Bearbeiten für mich immer ein mindestens ebenso wichtiger Schritt ist: Ohne Schreiben hat man nichts zum Bearbeiten, das muss man also erst einmal erledigen. Und während mir das Bearbeiten meist leicht von der Hand geht, ist das eigentliche Schreiben fast immer eine von Selbstzweifeln gespickte Quälerei. Aber da muss man durch, das ist das entscheidende, und das geht nur mit Disziplin. Ich setze mir ein Tageslimit von fünf Seiten, das ich schaffen muss, vorher höre ich nicht auf. Und manchmal, meistens spätabends, nachdem ich mich schon viele Stunden gequält habe, werde ich auch mit einem Schreibrausch belohnt, jene raren Momente, in denen sich eine Szene fast von alleine schreibt. Aber wirklich nur manchmal.

"Der nasse Fisch" von Volker Kutscher

"Der nasse Fisch" ist der erste Fall aus der Gereon-Rath-Reihe, auf der "Babylon Berlin" basiert

Wie wird man das?

Schriftsteller ist kein Lehrberuf. Aber trotzdem kann man fiktionales Schreiben lernen, ein gewisses Talent vorausgesetzt. Viel Lesen hilft schon einmal, das ist unerlässlich. Und viel Schreiben. Sich ausprobieren. Dann merkt man schon, ob eine gewisse Begabung da ist. Begabung ist die Voraussetzung, aber darüberhinaus gibt es auch Handwerkszeug, das man erlernen kann. (Und sollte.) In den USA schon lange üblich, geht das mittlerweile zum Glück auch in Deutschland. Es gibt sogar Studiengänge für kreatives Schreiben, zum Beispiel an den Unis in Leipzig oder Hildesheim.

Das Problem beim Schreiben ist: Ganz gleich wie gut ihr seid, das ist noch lange keine Garantie dafür, auch Geld damit zu verdienen. Erst einmal müsst ihr euer Manuskript zu Ende bringen, das ist das Wichtigste . Und ich sage euch, das ist ein unbezahlbares Gefühl, so einen Roman auf die Beine gestellt zu haben. Wenn ihr aber auch Geld damit verdienen wollt, braucht ihr einen Verlag, und um da den geeigneten zu finden, würde ich euch unbedingt eine Literaturagentur ans Herz legen. Seriöse Agenturen erkennt man daran, dass sie nur im Erfolgsfall Geld von euch nehmen (einen prozentualen Anteil von euren Tantiemen); möchte jemand vorab von euch bezahlt werden, lasst die Finger davon. Solche Firmen verdienen ihr Geld nicht mit dem Vermitteln von Literatur, sondern mit dem Ausnehmen von Menschen, deren größter Traum es ist, ein Buch zu veröffentlichen.

Schreiben ist kein Hauptberuf, nur mit sehr viel Fleiß und Glück kann es einer werden. Ich würde jedem empfehlen: Schreibt, weil ihr schreiben müsst, weil ihr schreiben wollt, nicht um reich und berühmt zu werden, das haut mit dem Schreiben nämlich nur ganz selten hin. Ihr solltet euch also einen Brotberuf suchen, wenn ihr gerne schreibt, am besten etwas Verwandtes, zum Beispiel Journalismus. Viele Schriftsteller waren im Hauptberuf aber auch Juristen oder Mediziner. Ganz egal: Sucht euch einen Job, der euch Spaß macht und mit dem ihr genügend Geld verdient und der euch genügend Zeit lässt zum Schreiben.

Philipp Büttner steht als Aladdin auf der Bühne des Theaters "Neue Flora" in Hamburg

Welchen Satz kannst du nicht mehr hören?

"Wir müssen Ihnen doch kein Honorar zahlen für Ihre Lesung, oder? Ist doch eine gute Werbung für Sie."

Wie ist die Bezahlung?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt entscheidend davon ab, wie viele Bücher man verkauft, denn Schriftsteller sind Freiberufler. Romanautoren bekommen Tantiemen, also pro verkauftem Buch einen bestimmten Prozentsatz vom Ladenverkaufspreis. Die beginnen bei Taschenbüchern je nach Vertrag zwischen 5 und 10 Prozent, bei gebundenen Büchern etwas höher, zwischen 8 und 12. Kann auch höher oder tiefer sein, hängt immer ein bisschen davon ab, wie renommiert der Autor ist und wie viel der Verlag sich von ihm verspricht.

Meist sind die Prozente auch nach Auflagenhöhe gestaffelt, das heißt, je mehr Bücher ihr verkauft, desto höher wird euer Anteil. Habt ihr einen Verlag gefunden, zahlt der euch in der Regel einen Vorschuss. Den müsst ihr nicht zurückzahlen, sollte sich euer Buch nicht so gut verkaufen wie erwartet, der wird aber mit euren Tantiemen verrechnet. Verträge mit Verlagen können höchst unterschiedlich gestaltet sein, auch da ist ein Agent, der einen möglichst guten Vertrag aushandelt, sehr sehr hilfreich.

Und dann gibt es da noch die Lesungshonorare, eine zweite wichtige Einnahmequelle. Verkauft euch nicht unter Wert, lasst euch von Buchhändlern nicht einreden, dass sei doch eine Werbemaßnahme für euch, das könntet ihr doch umsonst machen. Der Buchhändler hat eine deutlich höhere Gewinnmarge pro verkauftem Buch als der Autor, für ihn ist es die lukrativere Werbemaßnahme, wenn er dank der Lesung ein paar Bücher mehr verkauft.

Was ist das Beste am Job?

Das schöne Gefühl, eine Geschichte das erste Mal bis zu ihrem Ende erzählt zu haben, auch wenn man weiß, dass es noch einiges zu bearbeiten gibt. Aber zu wissen, man hat es mal wieder trotz aller Widrigkeiten und Zweifel durch diesen Dschungel geschafft, das ist schon ein unbeschreibliches Gefühl. Ebenso schön: Das fertig lektorierte, gedruckte und gebundene Buch endlich in den Händen zu halten und die Druckerschwärze und das Papier zu riechen. Und natürlich: Zu sehen, wie das Ganze bei den Lesern ankommt, dass das eigene Geschriebene in ihren Köpfen etwas auslöst, einen eigenen Film ins Rollen bringt. Das erfährt man dann auf den Lesungen.

Was das Nervigste?

Das Schreiben. Hört sich komisch an, nicht wahr? Ohne Schreiben geht es natürlich nicht, und natürlich ist Schreiben ein sehr erfüllender Beruf, deswegen mache ich das ja. Aber die einsamen langen Stunden, Tage, Wochen und Monate, in denen man sich in die Geschichte, die man erzählen möchte, schreibend hineinfindet, verirrt und wieder auf den richtigen Weg zurückfindet, die zerren ganz schön an den Nerven. Umso schöner das Gefühl, wenn man irgendwann denkt: Doch, es wird was, die Geschichte funktioniert!

Nicht unbedingt nervig, aber unbedingt auszuhalten ist es, wenn eurem Werk auch negative Kritik entgegenschlägt. Das wird unweigerlich passieren. Darüber müsst ihr euch im Klaren sein: Ihr setzt euch mit einem Produkt, in das viel Herzblut geflossen ist, der Öffentlichkeit aus, und die zahlt nicht nur mit Bewunderung zurück. Mein Tipp: Unsachliche und boshafte Kritik ignorieren (so schwer es auch fällt); sachliche und konstruktive Kritik zu Herzen nehmen, wenn sie euch denn weiterhilft. Lasst euch aber nicht reinreden, was persönliche Vorlieben angeht (etwa: "In Ihren Büchern sind viel zu viele Krimianteile." Oder das Gegenteil: "Ich fände es viel besser, wenn Ihre Bücher weniger Kriminalromane und mehr Gesellschaftsromane wären." Habe ich alles schon gehört.) Man kann (und soll) es nicht jedermann recht machen. Schreibt die Bücher, die ihr selbst lesen wollt, dann seid ihr auf der richtigen Spur.

Dein Tipp für Newcomer?

Lasst euch nicht unterkriegen. Macht weiter trotz aller Zweifel, der eigenen wie der der anderen. Macht weiter trotz aller Bedenkenträger. Trotz aller Ablenkungen. Wenn ihr schreibt, dann müsst ihr schreiben. Nicht fernsehen, nicht zocken, nicht ausgehen. Und auch nicht Fenster putzen. Eine ganz einfache Regel, aber schwer zu beherzigen. Lasst so ein Wort wie Schreibblockade nicht gelten. Das sind nur Tage, an denen es nicht so gut läuft (und die sind, nebenbei bemerkt, die häufigsten). Weiterschreiben, nicht beirren lassen.

Der Text ist nicht so gut wie erhofft? Egal, das ist er nie. Der erste Entwurf ist immer Mist, wie schon Hemingway sagte. Ein paar Tage liegen lassen, sich das Ganze wieder vornehmen. Und besser machen. Bearbeiten ist wichtig. Nicht aufgeben auch. Und macht euch nichts vor: Romanschreiben ist Maloche, aber hallo! Strengt tierisch an. Und ist dennoch der schönste Beruf der Welt.

Johann Waschnewski