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Highlands und High Life: Glasgow ist die beliebteste Stadt für Auswanderer – Anna hat dort studiert und weiß, warum

Laut einer aktuellen Studie ist Glasgow die beste Stadt, um in Europa auszuwandern. Die 26-jährige Anna hat dort ein Jahr lang studiert. Im NEON-Interview erzählt sie, warum selbst Wandermuffel in Schottland eine Chance haben und wie ihre Zeit als Expat war.

Glasgow

Anna, 26, hat ein Jahr im schottischen Glasgow studiert

Goodbye Deutschland - der Traum vom Auswandern ist ungebrochen groß. Laut einer aktuellen Studie des Baufinanzierungsunternehmens "LoanLink" spielen 15 Prozent der Deutschen mit dem Gedanken, irgendwann den Schritt in die Ferne zu wagen. Wer vorübergehend im Ausland lebt oder arbeitet, oder sogar ganz auswandert, wird gern als Expat bezeichnet: Expatriate, also heraus (ex) aus dem Heimatland (patria).

Die Studie hat 70 Länder verglichen und kommt zu dem Ergebnis: Kanadas Hauptstadt Ottawa ist das beliebteste Auswandererziel der Welt. In Deutschland führt überraschenderweise Frankfurt am Main vor Berlin das Ranking an. Und in Europa liegt das schottische Glasgow auf dem ersten Platz. Die Stadt in den Highlands überzeugt mit günstigen Immobilienpreisen und sauberer Luft. Die 26-jährige Anna hat ihren Master in Glasgow gemacht und berichtet im NEON-Interview, warum die Stadt so beliebt ist.

Anna, Glasgow ist laut einer aktuellen Studie die beste Stadt für Auswanderer in Europa. Du hast in der schottischen Metropole deinen Master gemacht. Was macht Glasgow für dich so besonders?

Die Stadt hat einen ganz besonderen Charme und eine wirklich hohe Lebensqualität. Obwohl Glasgow mit über 600.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt in Großbritannien ist, kennen die meisten Touristen eher die schottische Hauptstadt Edinburgh. Glasgow hat eher einen rauen Charme und galt lange als "Arbeiterstadt", weil dort viel Industrie angesiedelt war. In der Nachkriegszeit hat die Stadt dann aber einen wirtschaftlichen Niedergang erlebt und sich erst in den letzten Jahrzehnten davon erholt. Heute ist sie sehr jung, es gibt mehrere Universitäten, unglaubliche viele internationale Bewohner und ein große Kunstszene. Im Vergleich zu anderen Städten wie Bristol oder London kann man dort außerdem noch verhältnismäßig günstig leben und studieren.

Warum hast du dich damals noch für die Stadt entschieden?

Ich habe ein duales Studium in Münster gemacht und wollte für den Master ein anderes Fach studieren. Das ist in Großbritannien deutlich leichter als in Deutschland. Zudem wollte ich mein Englisch verbessern und internationale Erfahrung sammeln. Meine Entscheidung ist dann auf Großbritannien gefallen, da es noch in Europa liegt und die Unis und die Betreuung dort einen extrem guten Ruf haben. Zusagen habe ich schließlich aus Warwick, Plymouth, Bath und Glasgow bekommen und mich aufgrund der Größe der Stadt, der guten Anbindung und der Internationalität für Glasgow entschieden. Außerdem ist Glasgow super angebunden: Es gibt einen Flughafen, der super mit dem Nahverkehr erreichbar ist und auch zum Flughafen in Edinburgh kommt man einfach und schnell.

Wie ist dort das Studentenleben?

In Glasgow ist das Studentenleben sehr ausgeprägt. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es dort viele organisierte Verbindungen, die gemeinsame Aktivitäten und Partys anbieten. Ich habe während meiner Zeit im Studentenwohnheim direkt an der Uni gelebt – das war mit 150 Pfund pro Woche nicht gerade günstig, aber vom Preis-Leistungs-Verhältnis immer noch in Ordnung. Im Vergleich zu den Wohnungspreisen in London oder Bristol ist das für Großbritannien immer noch sehr bezahlbar. Zudem hat man direkt die Highlands vor der Tür. Ich war vorher wirklich kein Wandertyp, aber dort bin ich auf den Geschmack gekommen.

Für dein Studium musstest du aber auch Gebühren zahlen, oder?

Ja, für den einjährigen Master, also insgesamt drei Trimester, habe ich knapp 5000 Pfund gezahlt. Das klingt erst einmal viel – aber im Vergleich zu England oder auch Amerika, wo man fünfstellige Beträge zahlt, sind die Kosten in Schottland noch im Rahmen. Während meiner Studienzeit gab es noch eine Regelung, dass Europäer per Gesetz nicht mehr zahlen durften als schottische Studenten. Internationale Studenten oder Briten haben damals das Vierfache gezahlt. Im kommenden Semester sind die Gebühren allerdings nur noch für Internationals höher.

Was waren in Glasgow die größten Herausforderungen für dich?

Wie jeder, der einen Neustart im Ausland wagt, war die ganze Umstellung am Anfang natürlich nicht leicht. Man gibt schließlich sein gewohntes Umfeld auf. Außerdem habe ich einen ganz neuen Studiengang begonnen und musste plötzlich Programmieren lernen. Damit habe ich wirklich gekämpft und einmal mitten in der Nacht meinem Dozent eine E-Mail geschrieben. Er hat direkt am nächsten Morgen geantwortet und mit mir zusammen nach einer Lösung gesucht. Das Kennenlernen von anderen Studenten war hingegen sehr leicht – es gab eine "Freshers-Week" für alle Neuankömmlinge und ich habe im Wohnheim mit anderen Studenten zusammengewohnt.

Nun steht vielleicht der Brexit vor der Tür. Wie schätzt du die aktuelle Situation ein?

Ich habe mich bewusst gegen eine Promotion in Glasgow entschieden, da mir die Lage dort zu unsicher war. Wenn man sich drei Jahre oder mehr an eine Doktorarbeit bindet, braucht man auch eine gewisse Sicherheit. Aber von Freunden und von den Professoren habe ich wahrgenommen, dass die meisten Schotten im Falle eines Brexits die Unabhängigkeit anstreben.