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Tipps zum Arbeiten und Studieren im Ausland: Lisa, 31, ist nach Spanien ausgewandert – und lebt gerade von ihren Ersparnissen

Lisa wollte immer eine zweite Sprache neben Englisch lernen. Nun lebt die 31-Jährige seit sechs Jahren in Barcelona. Im NEON-Interview spricht sie über ihre Erfahrungen und warum die Deutschen mehr spanisch kochen sollten.

Spanien Ausland Studieren

Lisa hat in Barcelona promoviert und studiert dort aktuell Wissenschaftskommunikation

Warum wolltest du ins Ausland?
Ich war in der Schule ein halbes Jahr in den USA, nach dem Abitur ein halbes Jahr in Spanien und im Masterstudium in Heidelberg ein Jahr in Chile. Danach hatte ich Lust, für den Doktor ins Ausland zu gehen – ich habe mich auch gar nicht in Deutschland beworben. Mein Biologie-Studium war sehr darauf ausgelegt, dass man die Möglichkeit hat, im Ausland zu lernen und zu arbeiten. Außerdem wollte ich eine zweite Sprache sehr gut beherrschen.

Wie kamst du auf Spanien?
Meine Wahl ist nach dem Studium auf Barcelona gefallen, weil ich dort aus meiner Zeit in Chile schon einige Freunde hatte. Außerdem hat mir das wissenschaftliche Angebot an der Universität sehr gut gefallen. Ich bin mit einem Stipendium nach Spanien gegangen und habe für meinen Doktor ein sehr gutes Gehalt bekommen. Es war für mich forschungs- und karrieretechnisch also nicht unter der Qualität, die ich in den USA, in England oder in Deutschland bekommen hätte.

Was schätzt du besonders an Spanien?
Spanien bietet einfach tolle Lebensbedingungen: Das Wetter ist schön, die Leute sind unglaublich offen, gehen gern weg, alles ist sehr spontan. Barcelona selbst ist sehr international, du hast das Meer auf der einen, Berge auf der anderen Seite. Da ich direkt mit meinem Umzug eine WG gegründet habe, war dieser Start für mich leichter. Vor sechs Jahren, als ich hier hergezogen bin, war auch alles noch deutlich günstiger wie auswärts Essen oder Feiern gehen.

Welche Möglichkeiten bietet Spanien als Student und zum Arbeiten?
Man merkt in Spanien deutlich die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Der Mindestlohn für einen Vollzeitjob lag bis vor kurzem bei 735 Euro im Monat, seit dem 1. Januar 2019 ist er auf 900 Euro im Monat gestiegen. Für eine Wohnung zahlst du aber 16 Euro pro Quadratmeter. Zudem kommen alle Menschen in die großen Städte, denn das Jobangebot auf dem Land ist nicht sehr groß. Somit herrscht große Konkurrenz. Ich hatte das Glück, dass meine Ausbildung aus Deutschland hier sehr angesehen ist – zudem konnte ich sehr gut Englisch, was in Spanien nicht selbstverständlich ist. Ich würde Leuten auf jeden Fall raten, in Spanien mit einem Stipendium wie Erasmus zu studieren oder hier zu arbeiten, wenn der deutsche Arbeitgeber eine Außenstelle hat. Aber in Spanien einfach nach einem Job zu suchen, macht keinen Sinn.

Wie hast du dein Studium finanziert?
Für meine Promotion hatte ich ein Stipendium und war mit einem Vier-Jahres-Vertrag angestellt. Das heißt, ich habe für spanische Verhältnisse gutes Geld und eine große Sicherheit bekommen. Damals waren hier die Mieten und Lebenshaltungskosten aber auch deutlich günstiger. Jetzt in meinem zweiten Masterstudium habe ich zuerst versucht, nebenbei noch zu arbeiten, aber das war zu aufwändig. Nun lebe ich für ein Jahr von meinen Ersparnissen.

Was war schwierig beim Neustart?
Es war schwierig, vom Uni-Leben in eine Vollzeitstelle zu wechseln und sich noch komplett kulturell umzustellen. Als Doktorand bist du sehr eigenständig und arbeitest eigentlich immer mehr als du sollst. Ich konnte zwar Spanisch, aber hier spricht man die Landessprache Catalan – mit der Zeit versteht man die Leute zwar sehr gut, aber die fehlenden Kenntnisse zeichnen dich doch immer als Außenseiter aus. Hinzu kommen Dinge des alltäglichen Lebens: Wo kaufe ich zum Beispiel Schrauben? Hier in Spanien gibt es keine Baumärkte, sondern kleine Eisenwarengeschäfte – aber das muss man wissen. Solche Dinge sind besonders am Anfang extrem anstrengend. Auch ein Bankkonto zu eröffnen oder sich beim Amt zu melden, ist in einer anderen Sprache eine Herausforderung, selbst wenn man sie schon gut beherrscht.

Was vermisst du an Deutschland – und was nicht?
Oh, da gibt es viele Dinge. Zum Beispiel das dunkle Brot. Und natürlich meine Familie. Aktuell brauche ich mit Flug fünf Stunden von Tür zu Tür. Außerdem sind viele Dinge in Deutschland wirklich sinnvoller geregelt, wie zum Beispiel die Absicherung im Alter. Was ich nicht vermisse, ist die Verstocktheit der Deutschen –dass man zum Beispiel nach 22 Uhr kein Glas mehr in den Container werfen darf. Und außer Brot fehlt mir das Essen überhaupt nicht. Mein Freund ist Koch und wir haben im Zuge meines Kommunikationsstudiums einen Kochblog gegründet. Wir sind viel rumgekommen, weil man hier häufig von Freunden zu deren Familien eingeladen wird. Dort gibt es immer sehr gutes Essen – wir sammeln jetzt die Rezepte, kochen sie nach und versuchen sie mit einfachen Zutaten für jeden kochbar zu machen.

Welche Tipps hast du für Leute, die auswandern wollen?

Man sollte vorher schon einmal in der Stadt oder zumindest dem Land gewesen sein und schauen, ob es einem wirklich dort gefällt. Auch regionale Kontakte sind immer sinnvoll. Zudem sollte man die Sprache beherrschen und nicht immer alles mit Deutschland vergleichen, sondern offen für neue Erfahrungen sein.

Willst du irgendwann wieder zurück nach Deutschland?
Das ist für mich nur eine Option. Ich weiß, was ich beruflich machen möchte und würde daher meinem Job immer hinterherziehen. Gerade habe ich noch einen zweiten Master in Wissenschaftskommunikation begonnen, der ein Jahr dauert. In Spanien entwickelt sich dieser Sektor erst langsam, in Deutschland boomt er gerade – deshalb hätte ich es wahrscheinlich einfach, dort aktuell einen Job zu finden. Ich habe hier meinen Freundeskreis und bin sehr glücklich. Jedes Mal, wenn man umzieht, muss man sich ein neues Umfeld aufbauen. Wo ich das dann mache, wäre mir aber egal. Wenn ich hier einen guten Job finde, dann bleibe ich. Finanziell wäre meine Lebensqualität und meine finanzielle Absicherung in Deutschland aber besser und das wird mir mittlerweile immer wichtiger.

Auf Bratwurst und Brezeln kann man in Deutschland schwer verzichten