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Selbstversuch: Too Good To Go: Wie ich eine Woche versuchte, Essen zu retten – und scheiterte

Unsere Autorin will ihren Teil zum Kampf gegen Lebensmittelverschwendung beitragen und hat fünf Tage lang versucht, via App übrig gebliebenes Essen aus Restaurants vor der Tonne zu retten. Doch das war gar nicht so einfach, wie sie gedacht hatte. 

Too Good To Go Essen und Bild von Autorin

Eine Woche lang habe ich mir Essen über eine App bestellt. Mein Ziel: Lebensmittelverschwendung vermeiden.

Unsplash

Ich liebe Kochen und kann das auch ganz gut. Oft bin ich aber zu faul, mir Gedanken darüber zu machen, was ich die Woche über zubereiten will. Endlich weiß ich, wie sich meine Oma fühlt, die mich immer, wenn ich einen Besuch ankündige, genervt fragt, was ich denn essen will, und ich immer sage: "Ist mir egal, Omi." Das ist der Horror! Ich wohne seit fast einem Jahr mit meinem Freund zusammen und kann jetzt schon nicht mehr. (Und jetzt bitte keine "Oh das ist aber nicht gerade feministisch"-Ausrufe, ich kann wie gesagt einfach besser kochen.) Deshalb: Warum nicht die Entscheidung aus der Hand geben und dabei noch etwas Gutes tun – nämlich das essen, was sonst im Müll landen würde?

Schließlich werden in Deutschland jährlich 11 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt, davon 61 Prozent von den Verbrauchern. Neun von zehn Deutschen verschätzten sich 2018 beim Einkaufen und schmissen Essen weg, wie eine aktuelle forsa-Studie herausfand. 14 Prozent der Jugendlichen gaben sogar zu, mehrmals die Woche Essbares weggeschmissen zu haben.

Und es ist nicht nur schade um das gute Essen, auch unsere Umwelt leidet darunter. Energie, Wasser, Anbauflächen: Mit jedem weggeworfenen Lebensmittel verschwenden wir kostbare Ressourcen unseres Planeten. Pro Kilo Nahrung entsteht laut Angaben der Welternährungsorganisation der UN rund ein Kilo CO2. Somit produzieren wir durch den Transport der von uns weggeworfenen Lebensmittel weltweit jährlich Treibhausgas-Emissionen von 1,3 Milliarden Tonnen. Ähnlich dramatisch sieht es beim Wasserverbrauch aus: Laut dem Water Footprint Network gehen mit jeder verschwendeten Tomate rund 49 Liter Wasser verloren, mit 100 Gramm Rindfleisch sogar über 6800 Liter. Hinzu kommen Dünge- und Pflanzenschutzmittel, deren Einsatz die Böden belastet.

Bloß: Wie geht man das Projekt Lebensmittel-Rettung am besten an? Als ich in der Redaktion nach Erfahrungen frage, melden sich gleich mehrere meiner Kollegen. Eine hat sich beispielsweise bei der wohl bekanntesten Seite für Lebensmittelrettung, foodsharing.de, angemeldet. Hier musste sie zuerst einen Test machen, der sie als "Foodsaver" qualifiziert. Nachdem sie den Test beim zweiten Anlauf geschafft hatte, konnte sie jedoch trotzdem nicht teilnehmen, da es in ihrem Umkreis keinen freien Platz als Foodsaver mehr gab. Vielleicht also kein idealer Einstieg für mich.

Eine andere Möglichkeit: Containern, also sich aus den gewerblichen Müllcontainern von Supermärkten bedienen. Einige Märkte erlauben das Containern zwar und geben sogar Tipps zur Genießbarkeit der weggeworfenen Kost (mehr dazu könnt ihr hier lesen). Aber in vielen Fällen ist das Containern noch illegal (im vergangenen Jahr erregte der Fall zweier Studentinnen Aufmerksamkeit, die deswegen des Diebstahls schuldig gesprochen wurden).

Apps gegen Lebensmittelverschwendung

Bleibt noch: Essen retten übers Smartphone. Schon öfter habe ich von Kollegen und Freunden von Apps gehört, die Lebensmittel aus Restaurants und Supermärkten vor der Tonne bewahren sollen. Bei Too Good To Go, ResQ oder MealSaver können Gastwirte und Ladenbesitzer übrig gebliebene Speisen zum Selbstabholen anbieten. Ich suche mir Too Good to Go aus und lade mir die App aufs Handy. Jetzt kann ich zubereitete Gerichte kurz vor Ladenschluss in Restaurants, Cafés und Supermärkten abholen – meist sogar zum halben Preis. Über eine Millionen Nutzer und rund 2700 teilnehmende Läden kann Too Good To Go bereits aufweisen. Die App finanziert sich über eine Provision, die in den Preisen inbegriffen ist, erklärt mir Teresa , die Pressesprecherin von Too Good To Go.

Klingt erst einmal wundervoll: Nie wieder kochen, nie wieder Entscheidungen treffen, nie wieder in überfüllten Supermärkten einkaufen. Fünf Tage – eine Arbeitswoche lang – habe ich versucht, täglich eine Mahlzeit zu retten. Und soviel vorweg: Leider war es nicht die Erlösung, die ich mir erhofft hatte.

Tag 1

Die App runterzuladen und sich zu registrieren, ist super einfach. Durch den Ortungsdienst finde ich Restaurants in meiner Nähe. Bezahlen muss ich vorher, beispielsweise per PayPal. Ich suche mir also mein erstes Essen aus – zwei Stunden später liege ich krank im Bett, ohne Essen ... so weit, so unbefriedigend. Mir das Geld zurückzuholen, vergesse ich in meinem Zustand auch. Was für ein erfolgreicher Start in mein Experiment. Kann nur besser werden. 

Tag 2

Für mein zweites erstes Essen entscheide ich mich für einen veganen Imbiss, da dieser am wenigsten weit von zu Hause entfernt liegt.

Screenshot aus der Too Good To Go App

Mit jeder Essens-Buchung feiert dich die App – schon ein bisschen süß und super motivierend

Das Problem: Abholzeit 21.45 Uhr bis 22 Uhr. Eigentlich habe ich um diese Uhrzeit schon gegessen und liege pappsatt auf meiner Couch. Wie das aber manchmal ist, habe ich total vergessen, Mittag zu essen und um 18 Uhr hört mein Magen nicht mehr auf zu knurren. Dem stattlichen Bären in meinem Bauch kann ich nicht lange standhalten und schmiere mir eine Stulle. Eigentlich gar nicht mehr hungrig fahre ich um viertel vor zehn zu dem veganen Imbiss in der Hamburger Schanze. Die Jungs an der Theke sind supernett und fragen mich direkt , ob ich von Too Good To Go komme. Leider ist das Tagesgericht schon ausverkauft und es gibt nur noch Bohnen und Reis. Der Mitarbeiter bietet mir aber an, dass er mein Ticket nicht entwertet, sodass ich morgen nochmal kommen kann. Er arbeite ab 17 Uhr, und ich könne schon früher als in der App angegeben vorbeikommen, sagt er mir.

Aber wie funktioniert das eigentlich – woher wissen die Restaurants schon am Vortag, wie viele Portionen übrig bleiben? "Unsere Partnerbetriebe führen ihre Restaurants, Bäckereien, Cafés oder Supermärkte meist bereits seit vielen Jahren. Daher können sie zwar so kalkulieren, dass möglichst wenig übrig bleibt, aber ganz vermeiden lassen sich Überschüsse leider meist nicht", erklärt mir Teresa. "Diese Portionen werden in der App angegeben. Wenn dann am Tag doch mal mehr oder auch weniger übrig bleibt, kann der Betrieb die Anzahl der angebotenen Portionen einfach erhöhen oder reduzieren." Hab ich wohl einfach Pech, dass so viele Menschen Lust auf vegane Kohlrouladen hatten.

Da ich aber jetzt Hunger und keine Alternative habe, nehme ich die übrig gebliebenen Beilagen mit. Bohnen und Reis. "Immerhin müsst ihr so wirklich nichts wegschmeißen", sage ich noch zu dem netten Kerl an der Theke. Er verrät mir im Flüsterton, sie würden das sowieso nicht machen, sondern an Bedürftige weitergeben. Das und die Tatsache, dass die Portion Reis nicht zu den rund 1,9 Millionen Tonnen, die Restaurants im Jahr wegwerfen müssen, gehört, versüßt mir den tristen Anblick meines Abendessens.

Bohnen und Reis

Bohnen und Reis, mein neues Lieblingsgericht. Es hat nicht schlecht geschmeckt, aber wirklich zusammengepasst hat es nicht.

Da ich sowieso nicht mehr wirklich Hunger habe – es ist jetzt schon 22.30 Uhr –, stelle ich die Hälfte des Essens in den Kühlschrank, was mir am nächsten Tag noch zugute kommen soll ...

Tag 3 

Ich bin am Mittwoch mit der Buchung etwas spät dran. Im besten Fall sollte man morgens schon wissen, was man am Abend essen will, da jedes Restaurant nur begrenzt "Plätze" hat. In der Mittagspause fällt es mir dann siedend heiß ein. Zum Glück finde ich ein Restaurant, das auf dem Nachhauseweg liegt und noch etwas für mich hat. Ich bestelle gleich zwei Portionen, damit ich mit meinem Freund zusammen essen kann. Der Feinkost-Italiener wirbt mit leckeren Antipasti, für die zwei Portionen zahle ich sechs Euro. Ein fairer Preis, wenn man denn auch etwas dafür bekommt: Der Italiener hat bei meiner Ankunft nämlich geschlossen. Ich muss zweimal auf die Uhr schauen – ich bin doch perfekt in der Abholfrist angekommen. Dann sehe ich es, ein Schild, ganz klein an der Tür: "Wir haben Betriebsferien." Ein bisschen sauer bin ich da schon. Teresa von der App sagt mir auf Nachfrage, dass sich die Betriebe eigentlich an die Abholzeiten halten müssen bzw. früh genug Bescheid geben sollten, wenn etwas nicht klappt: "Es kann natürlich trotzdem passieren, dass ein Betrieb so etwas mal versäumt. Wir setzen uns mit den Betrieben dann in Verbindung, so dass dies in Zukunft nicht mehr vorkommt."

Jetzt muss ich zusehen, dass ich noch kurzfristig etwas zu essen bekomme. In der App finde ich nur noch übrig gebliebene Backwaren – und ich habe tatsächlich einfach zum Abendessen keine Lust auf alte Brötchen, sorry. Nach kurzer Zeit kommt dann auch noch eine zweite Frau, die sich auch auf leckere Antipasti gefreut hat. Sie erzählt mir, ihr sei so etwas noch nicht passiert und sie benutze die App regelmäßig. Immerhin. Ich kann über ein Kontaktformular meine Bestellung stornieren, das Geld ist am gleichen Tag auf mein PayPal-Konto zurücküberwiesen. Wie es aussieht, wird mein Abendessen heute eher mau ausfallen – die Reste von gestern. Also bestelle ich mir vorsichtshalber schon mein Mittagessen für Donnerstag.

Tag 4

Mission Mittagessen. Immer mal wieder hatte ich in der Vergangenheit versucht, abends so viel zu kochen, dass ich den Rest am nächsten Tag mit auf die Arbeit nehmen kann– immer ohne Erfolg. Blieb doch mal was über, habe ich es zu Hause vergessen.

An meinem vierten Tag habe ich sehr früh im Voraus gebucht und war erfolgreich. Die Abholzeit des Feinkostladens ist 14.30 Uhr, ganz schön spät für Mittagspause, aber gut. Ich will ja auch herausfinden, ob es eine gute Alternative für die Kantine sein kann, also nehme ich die lange Hungerperiode in Kauf. Den Laden finde ich nicht sofort, da er etwas versteckt in der Hafencity in Hamburg liegt. Fünf Minuten mit dem Fahrrad von der Arbeit. Jetzt muss ich nur noch eine Gabel auftreiben und los geht’s. Bohnen, Frikadellen und Bratkartoffeln – eine ganz schön ordentliche Portion. Die Bohnen sind super lecker, die Kartoffeln aber eher mittelmäßig. 

Essen von Too Good to Go

Die Portion war riesig und ich musste das, was ich nicht geschafft habe an meine Kollegin weitergeben – Hauptsache es wird nicht weggeschmissen.

Vegetarier hätten jetzt Pech gehabt. Bei den meisten Angeboten bekommt man eine Überraschung, kann sich vorher also nicht aussuchen, was man gerne essen würde. In der App gibt es einen Reiter, unter dem man nur vegetarische Angebote findet, doch davon wäre für mich außer dem veganen Imbiss von Tag 2 nichts infrage gekommen, da die Läden oft viel zu weit weg liegen. Diese Kritik äußere ich auch gegenüber Teresa. "Bei den Too-Good-To-Go-Portionen handelt es sich in den meisten Fällen um Essen, das am jeweiligen Tag überschüssig ist und am nächsten Tag nicht mehr angeboten werden kann", sagt sie mir. "Das heißt, dass unsere Läden in den seltensten Fällen vorher sagen können, welche Speisen letztlich in der Tüte landen. So können Läden, die generell auch nicht-vegetarische Speisen anbieten, nur selten eine rein vegetarische Option garantieren." Daher sei es für VegetarierInnen sicherer, bei Läden eine Überraschungstüte zu kaufen, die garantiert vegetarische Speisen anbieten. Außerdem gebe es zusätzlich noch einen "vegetarisch" Filter, der, wie Teresa sagt, aber noch nicht ganz ausgereift sei. Vielleicht liegt es daran, dass ich technisch eine komplette Null bin, aber ich habe diese Filter-Option bis jetzt noch nicht gefunden.

Tag 5

Der letzte Tag meines Experiments, und ich habe die Hoffnung auf eine Erleuchtung in Sachen Lebensmittelrettung irgendwie aufgegeben. Morgens bei der Arbeit bestelle ich meine letzte Mahlzeit. Heute gibt es Indisch, das Schnellrestaurant liegt auf dem Nachhauseweg und die Abholzeit ist tatsächlich zu einer angemessenen Feierabend-Nachhauseweg-Uhrzeit. Um 19.30 Uhr hole ich mir Reis mit Soße ab. Scheint wohl mein neues Go-To-Gericht zu werden. Zuhause angekommen ist mein Essen leider schon kalt und der Geschmack ist jetzt auch nicht überragend ...

Essen über die App – keine Dauerlösung

Kurzum: Eine Alternative zum täglichen Kochen ist die App nicht. Ich musste mir tatsächlich sogar mehr Gedanken um mein Essen machen als vorher. Mit einem Vollzeit-Job, bei dem du nicht mal eben Mittagspause machen kannst, wann du willst, ist es kein Ersatz für die Kantine. Das aber, so sagt Teresa, soll Too Good To Go auch gar nicht sein: "Die KundInnen haben in erster Linie die Möglichkeit, nachhaltig zu konsumieren und selbst etwas gegen die Lebensmittelverschwendung zu tun."

In Zukunft werde ich wohl weiterhin immer nur das einkaufen, was ich für das geplante Gericht tatsächlich auch brauche. Bei Wocheneinkäufen bleiben nach meinen Erfahrungen die meisten Lebensmittel ungenutzt im Kühlschrank liegen. Trotzdem werde ich Too Good To Go nicht auf den Friedhof der ungenutzten Apps verbannen. Es ist vielleicht keine Alternative zum Kochen, aber sicher für die Abende, von denen ich schon im Voraus weiß, dass ich keine Lust haben werde, einkaufen zu gehen. Und bevor ich mir dann frustriert eine Pizza bestelle, radle ich lieber noch zwei Kilometer zum Restaurant und gönne mir frisch zubereitetes Essen, das ansonsten auf dem Müll landen würde.

Quellen: forsa-Studie, "Ceres", Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, FAO, "Zu gut für die Tonne", "Brot für die Welt"