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Interview

Nachhaltige Textilindustrie: Barbara Meier: "Fair-Fashion ist eben nicht dieser kratzende Öko-Jutesack"

Barbara Meier kennen die meisten nur als Gewinnerin der zweiten Staffel "Germany's Next Topmodel" – dabei engagiert sich das Model seit Jahren für den Umweltschutz und mehr Nachhaltigkeit in der Textilindustrie. NEON hat sie zum Interview getroffen.

Interview: Barbara Meier über Nachhaltigkeit und Fair-Fashion

Model Barbara Meier setzt sich seit Jahren für den Umweltschutz und mehr Nachhaltigkeit in der Textilindustrie ein

Barbara Meier ist für viele die rothaarige Gewinnerin der zweiten Staffel "Germany's Next Topmodel". Man kennt sie als Model, Schauspielerin und Werbegesicht für Marken wie den Kosmetikhersteller Schaebens. Was viele nicht wissen: Sie ist seit 2017 Fair-Fashion-Botschafterin des Bundesministeriums für Entwicklung. Zusammen mit dem WWF setzt sie sich außerdem seit vier Jahren gegen die Vermüllung der Weltmeere durch Plastikabfall und sogenannte "Geisternetze". Das sind Fischernetze, die bei der Arbeit verloren gegangen sind. Sie machen laut WWF schätzungsweise zehn Prozent des Kunststoffmülls im Meer aus. 

Bei ihrer Hochzeit mit dem österreichischen Unternehmer Klemens Hallmann am 1. Juni 2019 in Venedig gab es keine Strohhalme und die Kleider der Brautjungfern wurden nachhaltig produziert. NEON hat Barbara Meier bei einem Event in Berlin zum Thema Nachhaltigkeit getroffen und sie gefragt, wie es zu ihrem Engagement für die Umwelt gekommen ist. 

Barbara Meier im Interview zum Thema Nachhaltigkeit

Wie und wann bist du auf das Thema Nachhaltigkeit gekommen?

Ich war beim Zukunftskongress in München und habe dort Gerd Müller kennengelernt, den Entwicklungsminister, und eigentlich dachte ich: Wenn ich ihm jetzt gleich die Hand schüttel, dann spreche ich ihn auf das Thema Plastikmüll im Meer an. Ich bin nämlich Botschafterin vom WWF. Aber er hatte eine andere Mission. Er meinte: "Frau Meier, Sie arbeiten ja in der Modeindustrie. Was denken Sie denn so über Fair Fashion?" Mit dieser einen Frage hat er mich vollkommen aus dem Konzept gebracht.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon zehn Jahre als Model gearbeitet – doch mir war überhaupt nicht bewusst, unter welchen Umständen diese Kleidung teilweise produziert wird. Das ist meine Branche, ich müsste eigentlich alles darüber wissen. Und dann kommt ein Minister und weiß mehr darüber als ich. Das hat mich total aufgerüttelt. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto schockierter war ich. Aber ich war auch fasziniert, was für schöne Alternativen es gibt: Taschen aus Apfelresten, Leder, das mit Rhabarber gegerbt wird, Bikinis aus alten Fischernetzen ... Da habe ich gelernt, dass Fair-Fashion eben nicht dieser kratzende Öko-Jutesack ist – was man halt oft so denkt – sondern, dass es eigentlich die neuste Technologie ist. 

Hat sich seitdem auch in deinem Privatleben etwas verändert?

Ich versuche ein umweltbewusstes Leben zu führen. Ich muss zugeben, das geht bei mir nicht so leicht. Ich werde auch nie behaupten, dass ich alles richtig mache – ich bin wahrscheinlich weit davon entfernt. Aber ich versuche immer, einen Schritt weiterzugehen. Ich möchte auch keine 100 Prozent Fair-Fashion in meinem Kleiderschrank, weil ich weiß, dass das nicht realistisch ist. Mein Ziel ist momentan 20 Prozent.

Fliegen ist bei mir momentan noch ein Riesenproblem, das muss ich im Job oft. Ich pendel zwischen München und Wien, weil mein Mann Wiener ist – da fahre ich so oft es geht mit dem Zug.. Der erste Schritt ist, sich Sachen bewusst zu machen. Und ich glaube, es muss auch Spaß machen. Ich habe einen Bikini aus alten Fischernetzen und bin da total stolz drauf und erzähle das auch jedem, der danach fragt. Ich versuche, Kleinigkeiten in meinen Alltag zu integrieren. Das ist nicht immer leicht. Das Umweltbewussteste wäre wahrscheinlich, wenn wir alle nackt im Wald leben würden – aber das tun wir halt nicht. Ich war letztens auf einer Party, auf der gab es statt Strohhalmen Makkaroni-Nudeln – eine super Idee. Alle haben zwar auf diesen ungekochten Nudeln rumgekaut – das war irgendwie witzig – aber das sind so Sachen, die machen einfach Spaß. Ich finde, so muss es sein. Ohne erhobenen Zeigefinger. Wenn man zwei Gläser mit Strohhalmen und Makkaronis hinstellt, werden sich die Leute für die Nudeln entscheiden, weil sie mehr Spaß machen.

Wichtig ist es am Anfang, sich nicht zu überfordern, nicht zu glauben, dass man sofort alles richtig macht, denn dann verliert man die Motivation, weil das nicht funktionieren wird. Kaum jemand schafft es, sich von einem auf den anderen Tag zu verändern. Kleine Schritte machen: Laufen statt mit dem Auto zu fahren, Baumwollwattestäbchen statt welche aus Plastik, ein T-Shirt aus Bio-Baumwolle ... Dann kann man auch auf jeden kleinen Schritt stolz sein.

Hast du das Gefühl, dass auf Instagram gerade ein Umdenken stattfindet?

Instagram lebt dir vor: Du musst jeden Tag ein anderes Outfit tragen. Das fördert diesen Wegwerf-Gedanken. Ich glaube, dass es nachhaltige Accounts immer noch schwer haben und es nicht so schnell gehen wird. Es ist schwer, sich gegen alles andere, das bunt, fröhlich und leicht zu konsumieren ist, durchzusetzen. Da kann man alles posten, ohne einen Shitstorm zu riskieren – denn den bekommen ja die, die versuchen, es richtig zu machen. Aber ich hoffe sehr, dass das kommen wird.

Welchen Satz kannst du nicht mehr hören, wenn du mit Leuten über das Thema sprichst?

Ich finde es immer schade, wenn es heißt, Nachhaltigkeit sei viel zu teuer. Ja, es ist ein bisschen teurer, aber wenn man Qualität über Quantität stellt, kann man das auch mit dem gleichen Budget händeln. Und ich finde es auch nicht schön, dass die Leute bei Fair Fashion immer an einen kratzenden Jutesack denken. Das ist immer noch ein ganz falsches Bild, das viele haben.

Warum ist es so wichtig, dass die gerade Fashion-Industrie nachhaltiger wird?

Die Textilindustrie ist im Ranking sehr weit oben, was Umweltverschmutzung angeht. Da sollte keiner mehr sagen, das hätte keinen Einfluss. Es ist schön, dass jetzt alle versuchen, Strohhalme zu vermeiden, aber die Textilindustrie ist ein viel größeres Problem. Damit quälen wir Menschen. Bei den Baumwollbauern gibt es eine Selbstmordserie, wie sie es in der Geschichte noch nie gegeben hat [Anm. d. Red.: Laut einer Studie von 2017 sind schätzungsweise 60.000 Suizide von Baumwollbauern in den letzten 30 Jahren in Indien auf die Klimaerwärmung zurückzuführen.] Weil sie entweder wegen der Chemikalien Krebs bekommen oder weil sie von den Unternehmen so unter Druck gesetzt werden. Da bringen sich Menschen um wegen unserer Kleidung!

Wir kämpfen in Deutschland so viel dafür, dass unsere Arbeitsbedingungen gut sind, um den Mindestlohn und Gleichberechtigung – aber sobald unsere Landesgrenze überschritten wird, ist uns das gar nicht mehr bewusst. Wir kämpfen für die deutschen Frauen, aber nicht für die in Bangladesch. Wir müssen alle zusammenhalten. Auch bei #MeToo müssen wir mit den Näherinnen zusammenhalten. Es geht nicht nur um sexuelle Belästigung von Schauspielerinnen.