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Anmachsprüche: "Ich dachte, du liebst es, geknallt zu werden": Was ich mir als Kellnerin anhören musste

Gerade geht ein Video viral, in dem eine Kellnerin einem Gast, der ihr an den Hintern fasst, wütend in einen Stuhl schubst. Geschieht ihm recht, findet unsere Autorin. Denn manchmal können betrunkene Männer richtig eklige Penner sein.

Kellern: Unsere Autorin in einem bayerischen Bierhaus in London

Drei Jahre kellnerte unsere Autorin in einem bayerischen Bierhaus in London – natürlich im Dirndl

Zur Zeit geht ein Video durch die Medien. Zu sehen ist eine junge Frau, die während ihrer Arbeit in einem Restaurant von einem Mann begrapscht wird. Sie dreht sich um, packt ihn am Hals und wirft ihn in einen Stuhl. Daraufhin soll sie die Polizei gerufen haben. You go girl! Das sollte sich niemand gefallen lassen. Tatsächlich sind sexuelle Übergriffe in der Gastronomie viel häufiger als man denkt. Besonders dann, wenn Gäste den Unterschied zwischen Kellnerin und persönlicher Bediensteter nicht verstehen.

Wie viele andere Menschen habe auch ich mir das Studium mit Kellnern finanziert. Jedes Wochenende schmiss ich mich in mein Dirndl und verbrachte die Tage damit, in einem bayreischen Bierhaus in London Schnitzel, Jägermeister und literweise Bier zu servieren. Dass die Briten sich am Wochenende gerne mal das eine oder andere Bier (zu viel) gönnen, ist nichts Neues.  Dass betrunkene Männer gerne mal ihren Anstand vergessen, auch nicht. Stellt man sich diese Dinge in trauter Zweisamkeit vor, bekommt man ein ziemlich gutes Bild davon, womit wir uns als Kellnerinnen Woche für Woche rumschlugen. (Im übertragenen Sinne. Wobei, einem hab ich auch mal eine gescheuert… Aber das ist eine andere Geschichte.)

Geht's noch? Vier Dinge, die ich mir als Kellnerin anhören musste

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass ich meinen Job sehr geliebt habe. Und dass ich mir auch sehr im Klaren darüber war, dass das Trinkgeld schneller klimpert, wenn ich die Bluse ein bisschen enger schnüre. Fand ich in Ordnung, bin ich immer sehr offen mit umgegangen – bedeutet aber trotzdem nicht, dass ich Freiwild war – und da scheinen einige Männer gedanklich falsch abgebogen zu sein. 

#1 Das Penisbild aus dem Hinterhalt

Es kam nicht selten vor, dass Gäste mich darum baten, ein Bild von ihrer Gruppe zu machen. Manchmal sollte ich mit drauf, manchmal sollte ich einfach nur auf den Auslöser drücken. Super, beides völlig in Ordnung für mich. An diesem Abend kam die Bitte von einem Mann, der gemeinsam mit seiner Familie seinen 50. Geburtstag feierte. Woher weiß ich das? Nunja, zunächst einmal unterhielt ich mich immer gerne mit meinen Gästen und außerdem prangte auf seiner Brust ein großer Button mit der Aufschrit "50 TODAY" – war also schwer zu übersehen.

Die Familie rückt also ein wenig näher zusammen, alle grinsen, der Mann drückt mir ein Handy in die Hand, ich halte es hoch, um das Foto zu machen und – KUCKUCK – werde von einem Bild von seinem Penis begrüßt. Kein Witz. In Hochauflösung. Ich guck das Foto an, guck den Typen an, guck das Foto an – WHAT?!?!?! Was sagt man in diesem Moment? Gibt wahrscheinlich kein Richtig oder Falsch in der Situation. Ich habe mich auf jeden Fall für "Entschuldigung, ist das Ihr Handy? Da scheint ein Foto von einem sehr kleinen Penis drauf zu sein", entschieden. War das das ladylikeste, was ich hätte sagen können? Nein. Klopfe ich mir trotzdem manchmal noch insgeheim auf die eigene Schulter und flüstere "Gut gemacht, Schulte." Jep. 

#2 Der große Knall

Wie das mit Restaurants, in denen laute Musik läuft und das Bier in großen Gläsern ausgeschenkt wird, so ist, tummelten sich bei uns auch fast jedes Wochenende die Junggesellenabschiede. Klingt schlimmer als es ist. Normalerweise machten die zwar auf dicke Hose, waren schlussendlich aber schnell ziemlich kleinlaut, wenn man ihnen mal kurz die Leviten gelesen hat. Ich befürchte dieser junge Mann war einfach ziemlich überfordert von der explosiven Mischung aus Jägerbomben und Hormonen, die sich zu fortgeschrittener Stunde in seinem Körper tummelten.

 

Als er direkt neben mir auftauchte, dachte ich mir erstmal nichts Böses. Er ist betrunken, will wahrscheinlich irgendwas und wird mir das jetzt mit viel Nuscheln und fliegender Spucke zuraunen, nur um es 20 Sekunden später nochmal zu wiederholen. Läuft. Als mit einem Mal ein Ballon di-rekt neben meinem Ohr zerplatzte, war ich dann aber doch kurz überrascht. Erstens: Wer hat dem Kerl eine Nadel gegeben und zweitens: Was soll der Mist? Ich drehte mich abrupt um und schaute ihn fragend an. Er grinste ziemlich schief und schielte ein bisschen. "Hat dir der Knall gefallen?", lallte er mir ins Ohr. "Nicht wirklich." Höflich bleiben. "Achso, ich dachte, du liebst es, geknallt zu werden." Excuse me? Ich ziehe kurz in Erwägung, ihn einfach rauszuschmeißen. Mein Lieblingstürsteher hatte uns schon seit dem Knall im Auge und zog fragend die Augenbrauen hoch. Dann entschied ich mich für die effektivere Variante: "Weißt du", sagte ich, "das könntest du eh niemals gut genug."

Nachdem ich seinen besten Kumpel freundlich darauf hingewiesen hatte, dass ich den Knallkopf demnächst vor die Tür setzen würde, wenn er nicht anfange, sich zu benehmen, kam er dann übrigens und wollte sich entschuldigen – und mich um ein Date bitten. Muss man nicht verstehen.

#3 Der "Künstler"

Eine Gruppe unscheinbar aussehender Männer hatte es sich an einem eher unbeliebten Tisch bequem gemacht. Unbeliebt, weil er ein wenig abseits von den anderen Tischen und nicht in Sichtweite der Bar lag. Nach ein paar Bier wollten sie gemeinsam mit mir ein Foto machen. In Ordnung dachte ich und setzte mich zu ihnen auf die Bank. Grinsen, Auslöser, kurz vom Blitz blind werden, aufsteh– … in diesem Moment ließ sich auf meiner anderen Seite ein weiterer Mann nieder und blockierte mir damit den Weg. "Sorry", sagte ich, "darf ich da noch kurz raus?" "Lass uns doch noch ein Foto machen. Ein sehr künstlerisches. Von deinem Kopf in meinem Schritt." Bitte? "Lass mal." Doch die beiden rückten immer näher an mich ran. "Doch doch, das wird super." So langsam wurde es mir unheimlich. "Ich will kein beschissenes Foto von meinem beschissenem Gesicht in deinem beschissenen Schritt machen. Alles klar?" Nichts schien klar zu sein.

 

In diesem Moment erschien auf der Bank gegenüber ein haariges, lederbehostes Bein – und ich hätte es knutschen können. Ein Musiker aus der Oktoberfestband war gerade in der Pause mit seinem Bier an uns vorbeigeschlendert. "Alles in Ordnung, Jule?" fragte er. "Prima, ich wollte nur grad zurück an die Bar." "Na dann wollen wir die Dame doch mal durchlassen – oder?" JA! JA! JA! WOLLEN WIR! (An dieser Stelle nochmal: Danke, Tom. Hast was gut bei mir.)

#4 Die Sache mit den Bildern

"Könntest du hier nochmal wischen?" "Würdest du mir das Bier nochmal auf der Karte zeigen?" "Guck mal kurz, wackelt unser Tisch?" Kann ich alles total gerne machen, aber erst wenn die Handys weggesteckt sind. Denn was wie eine harmlose Frage klingt, war in 80 Prozent der Fälle ein Versuch, mir in den Ausschnitt zu fotografieren. Kein Mist. Hab ich damals auf die harte Tour gelernt. Wie gesagt, ich hatte nie ein Problem damit, mich für sämtliche Fotos in Pose zu werfen. Dass eine Hamburgerin im Dirndl völlig unauthentisch ist, wussten die meisten Gäste ohnehin nicht und hatten hinterher das Gefühl, ein Foto mit so einem RICHTIG DEUTSCHEN MADL gemacht zu haben. Meinetwegen. Und zu einem Dirndl gehört nun mal auch ein gut geschnürter Ausschnitt. Aber ich bin kein Ersatz für den Playboy. Die fünf Öcken wirst du wohl oder übel rausrücken müssen.