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"Dein Kind auch nicht": "Ich habe mich unwohl gefühlt": Wie das peinliche Shooting für Wilson Gonzalez und Toyah war

Die Aktion "Dein Kind auch nicht", mit der Toyah Diebel und Wilson Gonzalez Ochsenknecht auf die Problematik von Kinderbildern auf Instagram und Co. aufmerksam machen wollen, geht gerade viral. Wir haben mit beiden gesprochen.

"Dein Kind auch nicht": Wilson Gonzalez Ochsenknecht und Toyah Diebel

Für die Aktion "Dein Kind auch nicht" zeigen sich Wilson Gonzalez Ochsenknecht und Toyah Diebel in Posen, wie sie auf "niedlichen" Kinderfotos zu sehen sind und bei Instagram millionenfach geteilt werden

Plattformen wie Instagram, Youtube und Co. sind voll von niedlichen Bildern und Videos von kleinen Kindern. Bei ihnen findet man das irgendwie süß, wenn sie verheult oder verschmiert fotografiert werden – bei Erwachsenen sieht es einfach nur peinlich aus. Das beweist die Aktion "Dein Kind auch nicht" von Bloggerin Toyah Diebel. Sie legt sich auf ihrem eigenen Instagram-Kanal immer wieder mit Mamabloggerinnen und Eltern an. Denn die zahlreichen Fotos, auf denen man die Gesichter der Kinder oder sie in sehr intimen Situationen sieht, sind ihr schon lange ein Dorn im Auge. Zusammen mit Schauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht hat sie sich ablichten lassen – in typischen Posen von Kinderfotos, die millionenfach auf Social Media mit der ganzen Welt geteilt werden. Aber warum interessieren die beiden sich für dieses Thema? Wir haben uns mit Toyah und Wilson einzeln zum Telefoninterview verabredet und nachgefragt.

Peinliche Kinderfotos auf Instagram und Co.

"Ich bin selber sehr aktiv auf Instagram. Mir ist aufgefallen, dass dort Kinder ein riesiges Thema sind. Das ist mir vorher in meiner Bubble gar nicht bewusst gewesen, weil ich selbst auch keine Kinder habe", erzählt uns Toyah. "Instagram wird nicht nur genutzt, um süße Bilder zu posten, sondern auch, um sich auszutauschen über Probleme mit dem Stillen oder warum das Baby noch nicht trocken ist. Das ist wie in einem Forum. Ich finde es toll, dass sich Eltern austauschen können. Allerdings ist mir dann schnell aufgefallen, dass oft Bilder dazu gepostet werden, bei denen ich mir denke: Krass, wenn ich dieses Kind wäre, wäre es mir voll peinlich."

Ein besonders schockierendes Beispiel davon habe sie erst gerade entdeckt, weil eine Instagram-Userin eines der Kampagnenfotos auf Instagram kommentiert habe. Auf deren Profil habe sie dann ein Foto entdeckt, auf dem man den Sohn der Userin neben einem Töpfchen sitzen sieht – darunter eine Bildunterschrift wie: "Unser kleiner Mann hat ja Probleme beim Trockenwerden. Heute wollte er mal wieder nicht aufs Töpfchen, aber vielleicht haben wir morgen mehr Glück." Für Toyah ein absolutes No-Go: "Im Prinzip ist die Intention ja gut, aber wenn ich mir vorstelle, dass seine Mitschüler später dieses Bild sehen und sagen: 'Na, kannste immer noch nicht alleine aufs Klo? Musst du immer noch Windeln tragen?’"

Wilson Gonzalez Ochsenknecht: "Kinder brauchen Freiheit und einen eigenen Willen"

Und auch Wilson  findet die Entwicklung in den sozialen Netzwerken beunruhigend: "Ich finde es schwierig, wenn die ganze Welt das Kind kennt, bevor es sich selbst überhaupt kennt. Und vor allem wenn man eine große Reichweite hat und im schlimmsten Fall sogar noch davon profitieren will." Damit spricht er einen weiteren Punkt an, den die Aktion kritisiert: die Vermarktung des eigenen Kindes. Eltern posten auf ihren Blogs und Profilen Kinderfotos, die voller Werbung sind und verdienen so ihr Geld.

Angesprochen auf seine eigene Kindheit, die teilweise in der Öffentlichkeit stattgefunden hat, erzählt er uns: "Wenn überhaupt dann war es immer, weil ich das wollte. Meistens waren das auch so Disney-Premieren, zu denen wir sowieso unbedingt hin wollten. Es gibt auch Kinderbilder, die mit meiner Mutter abgesprochen sind, die sie heute auch ab und zu postet. Aber auch nicht alles, denn es war schon sehr privat, wie wir aufgewachsen sind." Er selbst sei ein Mensch, der sein Privatleben lieber für sich behält – auch wenn jedes Mitglied aus seiner Familie in der Öffentlichkeit steht. "Das würde ich auch machen, wenn ich ein Kind hätte. Kinder brauchen Freiheit und einen eigenen Willen", sagt er.

"Man muss sich mal vorstellen: Bevor ein Kind 14 Jahre alt wird, müssen die Eltern das Kind gar nicht fragen – rein rechtlich", erzählt Toyah. "Ich war mit 13 war total frühreif und war auch schon im Internet unterwegs. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Mutter einfach legal Bilder von mir hätte posten dürfen, wäre ich ganz schön angefressen gewesen. Aber rechtlich ist es möglich."

"Dein Kind auch nicht" ist ein voller Erfolg

Für die Aktion haben sich trotzdem beide so fotografieren lassen, wie sie es als Kinder wahrscheinlich nie gewollt hätten. Wilson musste sogar komplett die Hüllen fallen lassen. "Klar bin ich Schauspieler und muss das ab und zu auch in Filmen machen, aber es ist trotzdem eine Überwindung. Sexszenen sind im Film auch nicht meine Lieblingsszenen. Im Gegenteil, das sind für mich mit die schwierigsten Dinge, weil es für mich sehr privat ist", erzählt er NEON. "Deswegen habe ich mich beim Shooting auch unwohl gefühlt. Ich war komplett nackt. Ich durfte nicht mal eine Unterhose anziehen oder was abkleben. Und das Shooting war in einem Hinterhof, da sind ständig Leute dran vorbeigelaufen."

Aber auch für Toyah war das Shooting kein Kinderspiel. "Natürlich wollte ich in diese Posen gehen, um die Bilder nachzustellen – deswegen war es jetzt nicht furchtbar unangenehm – aber ich muss keinem erzählen, dass es ein sehr merkwürdiges Gefühl ist, wenn man sich nackt vor anderen ausziehen muss", erzählt sie. "Aber ich denke, indem wir diese Posen gemacht haben, können sich manche Erwachsene besser in die Situation reinversetzen. Es ist dann nicht mehr so abstrakt. Wie soll man sich auch sonst in ein Kind reinversetzen?"

Wie sich zeigt, hat sich all die Überwindung gelohnt, denn die Aktion scheint einen Nerv getroffen zu haben. "Ich hatte gehofft, dass es ein paar Leute erreicht – aber ich habe nicht damit gerechnet, was da losgetreten wurde", sagt Wilson. "Das hat doch mehr erreicht, als ich gedacht hab." Auf seinem Instagram-Profil hatte er auch ein Kampagnen-Motiv gepostet: "Erstaunlicherweise ist das der erste Post von mir, unter dem kein negativer Kommentar steht. Das sind mittlerweile über 280 Kommentare und jeder ist positiv. Die Zustimmung hat mich echt überrascht."

Und auch Toyah ist zufrieden, im Großen und Ganzen sei die Aktion sehr gut angekommen. "Aber wie bei jedem kontroversen Thema gibt es auch Gegenstimmen und Kritiker. Das finde ich aber gut, weil über das Thema diskutiert werden muss", sagt sie. "Was nur ein bisschen lustig ist, ist, dass dieser Gegenwind hauptsächlich von Menschen kommt, die ihre Kinder posten. Natürlich finden die die Kampagne blöd, sonst müssten sie ja zugeben, dass sie etwas falsch machen."

Wie geht es weiter?

Auf dem Erfolg ihrer Aktion ruht sich Toyah aber nun nicht aus. Es soll weiter gehen. Die Website "DeinKindAuchNicht.org" wird gerade auch auf englisch übersetzt, denn intime Kinderfotos werden nicht nur in Deutschland massenweise gepostet. Mit dem Cyberkriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger hat Toyah in ihrem Podcast "Toyah aber billig" schon drei Folgen aufgenommen. Daraus soll nun ein komplett neues Format mit eigenem Podcast werden. Außerdem sind vier Panel-ähnliche Abendveranstaltungen in Berlin, Köln, Hamburg und München geplant, bei denen die 29-Jährige mit Experten zum Thema Cyberkriminalität und Kinderbilder im Netz spricht. "Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn zu einem dieser Termine eine Mamabloggerin erscheinen würde", sagt Toyah – viel Hoffnung habe sie aber nicht. Dafür habe sie es schon oft genug versucht. 

Alle Motive der Kampagne "Dein Kind auch nicht" findet ihr auch in unserer Fotostrecke:

Fotoprojekt von Toyah Diebel: Peinliche Kinderfotos auf Instagram? Diese Aktion zeigt, dass das problematisch sein kann
Wilson Gonzalez Ochsenknecht auf dem Töpfchen

"Ach, guck mal wie süß!" Tauscht man das Baby durch einen Erwachsenen (in diesem Fall Wilson Gonzalez Ochsenknecht), wird das Foto plötzlich ganz schön peinlich