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Kommentar

Leipzig : Umstrittener Jura-Professor im stern-Interview: Was wir noch sagen wollten

Thomas Rauschers Thesen sind maximal umstritten und aus ethischer Sicht für viele ohnehin eine Zumutung. Aber darf man dem Jura-Professor deshalb das Wort verbieten, das Gehalt kürzen, ihn aus der Uni werfen?

Herr Rauscher ist auf Twitter laut, im realen Leben habe ich seine Stimme nie gehört. Das Interview mit dem Professor fand schriftlich statt. Ein Telefonat lehnte er ab. Der Professor hatte zuvor das Interview mit seinem Vorgesetzten Tim Drygala, dem Dekan der Juristenfakultät an der Uni Leipzig im stern gelesen. Darin unterstellte ihm der Dekan eine Nähe zur Identitären Bewegung, laut Rauscher ist dies unwahr, Drygala relativierte seine Aussage.

Die vergangenen Wochen waren hart für Thomas Rauscher. Es gehe ihm "beschissen", sagte er vor ein paar Tagen der "Zeit". Das kann man verstehen. Thomas Rauscher ist jener Juraprofessor, gegen den Studenten in Leipzig seit Wochen Sturm laufen. Sie tragen "Rauscher, rausch ab!"-Plakate über den Campus. Die Unileitung prüft die Einleitung dienstrechtlicher Schritte, für den Professor könnten sie schlimmstenfalls mit einer Entlassung enden. Medien schreiben über ihn - mit Namen und Foto - und die allerwenigsten berichten Gutes. Auf dem Campus und im Netz heißt es: Rauscher, das ist doch der Rassist. Eine Hexenjagd sei das, sagt Rauscher. Jeder redet über ihn. Nur mit ihm rede niemand, sagt er.

Der stern wollte mit Rauscher reden. Mitte November hatte sich der 62-Jährige zum wiederholten Male höchst strittig auf Twitter geäußert, dort unter anderem geschrieben: "Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben." Danach war online und offline die Hölle los. Der stern wollte den Professor mit den Vorwürfen konfrontieren und ihm die Möglichkeit bieten, seine Sicht darzustellen - und stimmte dem schriftlichen Interview zu. Per Mail gingen elf Fragen an Rauscher, wenige Stunden später hatte der Professor auch schon geantwortet.

Jura-Professor fragt, Experten antworten

Einer der Nachteile am schriftlichen Interview: Die Möglichkeit zum Nachfragen und Nachhaken fehlt gänzlich. Manchmal ließ Professor Fragen aus unserer Sicht teilweise ins Leere laufen und manchmal warf er selbst Fragen auf, die wir nicht aufgreifen konnten oder zu denen wir keine weiteren Fragen stellen konnten. Sie provozieren allerdings, dass man darauf eine Antwort finden möchte. Deshalb holen wir das an dieser Stelle nach. 

So bezweifelte Rauscher in seiner Antwort auf Frage sechs, dass es einen Zusammenhang zwischen Kolonialisierung und miserabler Verwaltung in den einstigen Kolonialstaaten gebe. Der stern hat die Fragen an Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg weitergegeben.

Er antwortet: "Nicht die gesamten Probleme können auf den Kolonialismus zurückgeführt werden und korrupte Eliten haben ihren Anteil daran. Es ist aber nicht zu leugnen, dass die Kolonialmächte fast nichts dazu beigetragen haben, ihre ehemaligen Kolonien auf die Unabhängigkeit vorzubereiten. Sie investierten nicht in "Entwicklung", sondern in Bereiche, die der Ausbeutung dienten. In vielen Kolonien, wie etwa in Zimbabwe, musste die Unabhängigkeit in blutigen Kämpfen erstritten werden, was auch zur Entwicklung von Befreiungsbewegungen mit bestimmten autoritären Tendenzen führte. Diese autoritären Tendenzen setzen sich nach der erlangten Unabhängigkeit fort und verstärkten sich.

Auch ist das Handelssystem bis heute global nicht so strukturiert, dass alle Staaten die gleiche Chance haben, Wohlstand zu erarbeiten. Dass Bevölkerungswachstum mit Gesundheitssystem und Wohlstand zusammenhängt, ist auch bekannt. Konfliktparteien der sogenannten 'Stammesfehden' werden von Ländern des Globalen Nordens unterstützt, vom Waffenexport ganz zu schweigen. Überhaupt ist das Bild, der gesamte Kontinent sei verwüstet, auch schon nicht korrekt. Für die kurze Zeit der Unabhängigkeit haben afrikanische Gesellschaften erstaunliche Leistungen vollbracht, über die hier kaum berichtet wird. Was nun den Hinweis auf den Fleiß der Deutschen angeht, die alles aus eigener Kraft geschaffen haben, so blendet dieser die Ressourcen- und Finanzakkumulation in Europa durch 600 Jahre Kolonisation und Sklaverei völlig aus. Dass der Klimawandel, der zu einem entscheidenden Push-Faktor für Migration wird, ebenfalls seine Ursachen im Globalen Norden hat, sei hier nur am Rande erwähnt." 

Ob denn die Kolonialzeit schuld daran sei, dass Schiiten und Sunniten seit Jahrhunderten verfeindet seien und deshalb die arabische Welt im Krieg versinke, war eine weitere Frage von Professor Rauscher, der bereits früher getwittert hatte: "Es gibt keinen friedlichen Islam. Dschihad ist der Auftrag dieser Leute. Deutschland wird sich mit dem wohlmeinenden Irrtum selbst zerstören."

Schirin Amir-Moazami, Professorin am Institut für Islamwissenschaften an der Freien Uni Berlin, antwortet darauf: "Die Äußerungen von Herrn Rauscher sind derartig pauschalisierend, diffamierend und unwissenschaftlich, dass ich mich in dieser Form dazu nicht mit wissenschaftlichen Argumenten einbringen möchte."

Professor wettert auf Twitter - Meinungsfreiheit

Man kann über Thomas Rauscher streiten, der Mann liefert mit seinen Aussagen allen Grund dazu. Einige seiner Thesen halten Experten inhaltlich für nicht korrekt (siehe Passagen oben), und aus ethischer Sicht sind sie für viele Menschen ohnehin eine Zumutung: Nicht nur Studenten, auch Kollegen, die eigene Uni und die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, distanzieren sich von dem Professor. Aber darf man ihm deshalb das Wort verbieten, das Gehalt kürzen, ihn aus der Uni werfen?

Das sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst hat in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium Rauschers private Tweets von Juristen prüfen lassen, dem stern liegt das Ergebnis vor. Darin heißt es: "Laut unserer Prüfung sind die Äußerungen von Prof. Rauscher vom grundgesetzlich geschützten Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt. Herr Prof. Rauscher hat sich als Privatperson geäußert. Die dienstrechtlichen Bewertungen ergaben, dass eine Verletzung der Dienstpflichten durch Prof. Rauscher nicht gegeben ist." Thomas Rauscher darf laut Gutachten also weiter laut sein, scheinbar Unsagbares in die reale oder virtuelle Welt hinausbrüllen. Das ist sein Recht als Bürger - und das ist gut so. Doch es ist genauso Recht, ihn dafür hart zu kritisieren. Oder - wenn einem der Quatsch irgendwann gar zu viel wird - ihm im Zweifel auch erst gar nicht zuzuhören.