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Enes Kanter: Todesangst und Verstoßung: Die Geschichte eines NBA-Stars, der sich gegen Erdogan wandte

Enes Kanter ist einer von aktuell fünf türkischen Basketballspielern in der NBA. In seiner Heimat ist er trotzdem ein Verstoßener, weil er gegen Erdogan ist. Deshalb will seine Familie nichts mehr von ihm wissen. Nun hat er sogar Todesangst.

Basketballspieler Enes Kanter

Enes Kanter spielt für eine der Traditionsmannschaften der nordamerikanischen Basketballliga NBA, für die New York Knicks

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Enes Kanter ist ein Kerl von einem Mann: 2,11 Meter groß, 113 Kilogramm schwer, sportlich und muskulös. Es muss schon viel passieren, damit ein solcher Typ Angst um sein Leben hat. Und doch steht er am Freitagabend in der Umkleidekabine seines Teams, den New York Knicks, vor den fragenden Reportern und erzählt von seiner Todesangst: "Ich könnte dort getötet werden." Mit "dort" meint der 26-Jährige Basketballspieler London. In wenigen Wochen spielt seine Mannschaft in der britischen Hauptstadt im alljährlichen Global Game gegen die Washington Wizards. Allerdings ohne ihn, wie Kanter nun unmissverständlich bekannt gab: "Ich werde leider wegen dieses verdammten Irren, dem türkischen Präsidenten, nicht dorthin reisen."

Der türkische Staatspräsidenten ein "verdammter Irrer"? Für Kanter ist das nicht nur so ein Spruch, sondern er hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, Recep Tayyip Erdogan zu kritisieren: Seinetwegen ist der Center der Knicks aktuell ein Staatenloser. Seinetwegen flog er aus der Nationalmannschaft. Seinetwegen hat ihn seine Familie verstoßen. Seinetwegen reist er nicht mehr ins Ausland – wenn überhaupt nach Kanada, wenn sein Team gegen die Toronto Raptors spielt. Das sei aber auch das höchste der Gefühle, erzählt er jetzt. Ein Spiel in Europa komme überhaupt nicht in Frage: "Sie haben dort jede Menge Spione. Ich kann da ganz leicht umgebracht werden. Das ist eine sehr hässliche Situation."

Deshalb ist Enes Kanters Angst berechtigt

Aber warum hat der Basketballspieler solche Angst? Es gibt doch einige Türken, die Erdogan öffentlich kritisieren – und trotzdem nicht um ihr Leben fürchten müssen. Die Antwort: Fethullah Gülen. Enes Kanter ist bekennender Anhänger des islamischen Geistlichen, den Erdogan für den Putsch gegen ihn verantwortlich macht. Als Gülen-Anhänger ist die Gefahr groß, festgenommen oder sogar getötet zu werden. Es soll sogar "Zwangsrückführungen" von türkischen Gülen-Anhängern aus Kosovo, der Ukraine und aus Malaysia gegeben haben, wie das TV-Magazin "Frontal 21" berichtete.

Regierungsnahe türkische Medien bezeichnen solche Berichte zwar als "schwarze Propaganda", dennoch hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nie bestritten, dass sein Land auch außerhalb des eigenen Territoriums nach Anhängern Gülens sucht. Im Juli des vergangenen Jahres sagte Erdogan sogar im türkischen Parlament, dass man "einen nach dem anderen" der ins Ausland Geflüchteten zurück "in unser Land" bringen und sie vor Gericht stellen werde. Kanters Angst ist also durchaus berechtigt – zumal der NBA-Star in den vergangenen Jahren schon öfters Probleme mit der türkischen Regierung hatte.

Erdogan und Kanter – chronologisch

Es beginnt alles im Sommer 2016. Kurz nach dem gescheiterten Militär-Putsch bekennt sich Kanter öffentlich zu Gülen. Als Folge wird er von seiner Familie enteignet. Sein Vater entschuldigt sich sogar öffentlich in einem Zeitungsinterview. Es tue ihm leid "einen solchen Sohn" zu haben, sagt er. Daraufhin veröffentlicht Kanter im August 2016 selbst einen Brief auf Twitter. Darin schreibt er: "Ich habe heute meinen Vater, meine Mutter und alle meine Verwandten verloren. Mein eigener Vater hat mich dazu aufgefordert, meinen Nachnamen zu ändern. Meine Mutter, die mir mein Leben geschenkt hat, hat mich ausgestoßen. Meine Brüder und Schwestern wollen mich nie mehr sehen."

Von da verschlechtert sich seine Situation mit jedem Monat. Im Mai 2017 darf Kanter noch nicht einmal nach Rumänien einreisen, weil sein türkischer Pass annulliert worden ist. Er sitzt sogar kurzzeitig am Flughafen von Bukarest fest. Nur mit Hilfe der US-Behörden kann er in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Der Höhepunkt folgt im Dezember 2017. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Erdogan in den sozialen Medien "verunglimpft und verspottet" zu haben. Deshalb drohen ihm nun bis zu vier Jahre Haft.

Trotzdem sollte die Gülen-Bewegung kritisch beäugt werden

Doch schon damals zeigt Kanter, dass er sich nicht einschüchtern lässt. Spöttisch sagt er: "Das ist es, nur vier Jahre? Bei all dem Müll, den ich erzählt habe? Der Typ ist ein Irrer." Auch gestern, am Freitagabend, lässt er sich nicht einschüchtern. Er nennt den wahren Grund, warum er nicht mit seinem Team nach London fliegt, obwohl ein Knicks-Mitarbeiter kurz zuvor ein Problem mit dem Visum als offiziellen Grund genannt hatte. Und auch wenn die Gülen-Bewegung zurecht kritisch beäugt werden sollte, zeigt Enes Kanter mit seinem öffentlichen Auftreten, dass er Größer ist als seine 2,11 Meter.

Türkischer Staatschef: Warum Erdogan wegen Hetze schon im Gefängnis saß

Quellen: Süddeutsche / ESPN / Zeit Online / Twitter / Spiegel / Frontal 21