Syrische Armee beschießt kurdische Stadtviertel von Aleppo

Menschen fliehen aus dem kurdischen Viertel Aschrafijeh
Menschen fliehen aus dem kurdischen Viertel Aschrafijeh
© AFP
Nach Gefechten mit kurdischen Kämpfern hat die syrische Armee am Mittwoch die kurdisch kontrollierten Stadtviertel der Großstadt Aleppo beschossen. Wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP aus der nordsyrischen Stadt berichtete, feuerte die Armee Artilleriegeschosse ab. Die Armee hatte die zwei Stadtteile Scheich Maksud und Aschrafijeh zuvor zu militärischem Sperrgebiet erklärt. Tausende Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, ergriffen die Flucht.

Seit dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad im Dezember 2024 wird das nordsyrische Aleppo von der neuen islamistischen Übergangsregierung kontrolliert. Nur die Stadtviertel Scheich Maksud und Aschrafijeh standen bisher noch unter der Kontrolle kurdischer Einheiten, die Verbindungen zu den mehrheitlich kurdischen Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) und anderen kurdischen Milizen im Nordosten des Landes haben.

Am Montag und Dienstag war es in Aleppo zu Gefechten zwischen Truppen der Übergangsregierung und kurdischen Kämpfern gekommen, am Dienstag gab es nach Berichten der Staatsmedien neun Tote.

Am Mittwoch kam es weiter zu vereinzelten Zusammenstößen. Schulen, Hochschulen, Behörden und der Flughafen der zweitgrößten Stadt Syriens blieben geschlossen. Die Armee erklärte zudem, die kurdisch kontrollierten Stadtviertel Scheich Maksud und Aschrafijeh seien ab dem Nachmittag für Zivilisten gesperrt. Die Bewohner könnten sie bis dahin über zwei "humanitäre Korridore" verlassen.

"Wir sind aus Scheich Maksud geflohen, aber wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen", sagte der 38-jährige Ahmed, der seinen kleinen Sohn auf dem Rücken trug. "Ich habe sechs Kinder, darunter zwei Kleinkinder", berichtete ein 41-jähriger Vater, der vor sechs Jahren während des Bürgerkriegs mit seiner Familie aus Manbidsch nach Aleppo geflohen war und seitdem in Aschrafijeh lebte.

Die Armee hatte die Menschen in Aleppo gewarnt, sie betrachte alle Militärstellungen der SDF in Scheich Maksud und Aschrafijeh als "legitime militärische Ziele". Nach kurdischen Angaben rollten neben dem Artilleriebeschuss auch Panzer auf die kurdischen Stadtviertel zu. Die internationale Hilfsorganisation Help setzte wegen der Angriffe nach eigenen Angaben ihre medizinische Hilfe vor Ort aus.

Der hochrangige Kurden-Vertreter Ilham Ahmed warf der Übergangsregierung in Damaskus vor, einen "völkermörderischen Krieg" gegen die Kurden zu führen. Er rief sie dazu auf, einen "Weg der Vernunft" einzuschlagen und "Probleme durch Dialog zu lösen".

Gemäß einem im März zwischen Damaskus und den SDF geschlossenen Abkommen sollten die zivilen und militärischen Institutionen der Kurden eigentlich bis zum Jahresende in die syrische Zentralregierung und Armee integriert werden. Doch trotz internationalen Drucks hat sich die Umsetzung des Abkommens aufgrund von Differenzen verzögert.

Die syrischen Kurden kontrollieren einen Großteil des ölreichen und für seinen fruchtbaren Ackerboden bekannten Nordostens des Landes. Seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 genossen sie dort de facto Autonomie. Beim Sieg über die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien 2019 spielten die von den USA unterstützten SDF eine entscheidende Rolle.

Seit Assads Sturz hat die Sorge um die Rechte und die Sicherheit von Minderheiten in Syrien zugenommen. Der islamistische Regierung in Damaskus mit dem früheren Dschihadisten Ahmed al-Scharaa an der Spitze wird vorgeworfen, Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Kurden nicht ausreichend zu schützen.

AFP

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