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"Fortnite" & Co.: Zombies im Wohnzimmer: Wenn das Zocken überhand nimmt

Wenn 14-Jährige online "Fortnite" und Co. zocken, mutieren sie manchmal zu Zombies. Eltern fragen sich dann immer wieder, ob das noch gesund ist. So auch unsere Autorin.

Von Andrea Müller

Ein Junge sitzt vor einem Bildschirm und spielt Computerspiele

Der 14-jährige Sohn unserer Autorin verbringt erschreckend viel Zeit vor dem Bildschirm (Symbolfoto)

Getty Images

Ein Jahr lang lebe ich mitten in der Kampfzone. 

Im Wohnzimmer: täglich der Sound von Aleppo. Auf dem Teppich liegt ein Zocker-Zombie, in seiner Duftwolke aus Axe und Achselschweiß. (Wegen anfallartiger Deo-Überdosen, weil: Waschen zu stressig!). Seine Daumen zucken am Kontroller, er ist blass um die Nase, seine Locken ragen wirr aus dem Headset. Links von ihm schwimmen einzelne Flips aufgelöst in einem Cola-Glas. Rechts von ihm: sein Handy, auf laut gestellt. Schließlich muss er mit Zocker-Kumpels kommunizieren, die ebenfalls Avatare im Match haben. 

Zocker-Zombies, das sind ihrer Seelen beraubte, willenlose Wesen männlichen Geschlechts im Teenager-Alter, die von einer fremden Macht gesteuert werden, sobald sie vor der X-Box sitzen.

Zocker-Zombie: "Echt jetzt, sorry Mama, das Headset ist kaputt!". Will heißen: Mit Skas bewaffnete Avatare ballern in ungefilterter Lautstärke durch mein Wohnzimmer. Sie hüpfen über den Bildschirm wie früher Flip, der Grashüpfer in "Biene Maja", alle paar Sekunden geht ein Toter zu Boden. Zwar ohne Blut, doch der Sound des Krieges ist grausam, ja für mithörende Außenstehende unzumutbar. 

Das "Fortnite"-Setting ist disneyartig kindgerecht

Auch wenn Fortnite-Zocker knapp dem Biene-Maja-Alter entwachsen sind: Das Setting ist disneyartig kindgerecht, Schwerter aus Fischen, Berglandschaften und Fantasie-Gebäude erneuern sich fast schneller, als die Kämpfer hüpfen können. Die Pobacken der Kämpferinnen sehen aus wie aneinandergetackerte Wassermelonen, die Mischung aus Sex, Crime und Fantasy scheint exakt auf den Gemütszustand 14-jähriger Jungs abgestimmt. Kinder sind sie nicht mehr. Aber Männer eben auch noch lange nicht. 

Und ich, verdammt noch mal, mitten in der Kampfzone.

Mein Handy klingelt. 

Karl, mein Journalistenfreund, mit dem ich ab und an über anstehende Jobs spreche.

Karl: "Hey, ich höre dich ja gar nicht! Wo bist du? Hast du das jetzt echt gemacht, mit Afghanistan? Bist du in Sicherheit?" 

Ich verlasse die Kampfzone in Richtung Küche. Stimmt, ich hatte Karl zuletzt von Plänen berichtet, eine Bundswehr-Soldatin zum Einsatz in Mazar-e Sharif zu begleiten. 

Ich: Im Krieg ja. Aber nicht Afghanistan. Eher zu Hause. 

Karl findet das nicht lustig. Er versteht nicht, warum ich als Mutter nicht in der Lage bin, den Hausfrieden zu bewahren. Ich soll Caspar einfach die X-Box wegnehmen. 

Einfach! Ich bedanke mich für den Ratschlag des Vaters eines Musterschülers, der keine Sekunde seines Lebens mit ungemütlichen Ausartungen seines Sprößlings zu tun hatte. Als würde man als Mutter nicht selbst auf diese Idee kommen!

Karl legt auf. Bei der Geräuschkulisse könne man ja nicht mehr normal mit mir reden!. Ciao, Klugscheißer. 

Im gleichen Moment schwebt das 14-Jährige, 1,80 Meter lange Element mit Sieben-Meilen-Stiefeln an mir vorbei in Richtung Toilette. Und nach zwei Sekunden wieder zurück. Es schließt weder den Klodeckel, noch die Badezimmertür, von Hände waschen keine Rede. 

Was soll's, ich kann wohl froh sein, dass er überhaupt noch pinkeln geht. 

"Keine Zeit, sonst bin ich tot!" sagt Caspar. Im Wohnzimmer fliegt sein Avatar gerade mithilfe eines gelben Fallschirms mit Augen durch die Landschaft. 

Da brüllt er ins Handy: "Alda, echt, ich bin so eine Missgeburt, ich kann da nicht landen!" 

Du musst den verfickten Baum da kaputtmachen, Diggaaaa!

Zombie zwei (mit furchterregendem Stimmbruch aus dem Handy): "Der fucking Baum da, du musst den verfickten Baum da kaputtmachen, Diggaaaa!" 

Caspar: "Zu spät, Fettsack, ich hab null Ressourcen, das war's, ich bin tot." 

Dann sagt er noch ein paar Dinge wie "Jetzt gönnt euch mal 'n Loot" (Munition), "Ich hab keine Verbände mehr, aber ich hab 'ne blaue Pam (Scharfes Gewehr)." Und: "Ich hab den Spawnpoint (Stützpunkt) voll hart vercheckt."   

Die Übersetzungen hab ich bei Google-Translate gecheckt. Dann google ich auch mal "Fortnite." Positiv: Es geht nicht NUR ums Ballern. Sondern auch um taktische Erwägungen, ums Waffenbauen, Deckungen schaffen, Ressourcen verwalten und ums Teamworken. Tatsächlich hat es einen Sinn und scheint mir intellektuell immer noch anspruchsvoller als "Mensch ärgere Dich nicht", analog mit Oma. 

Negativ: Es hat denselben Suchtfaktor wie alle anderen Internet-Spiele, die Spieler fühlen den Zwang, immer besser und besser zu werden und können (wie Zocker-Zombie) nicht mal mehr auf Toilette gehen. Ließe man Jugendliche mit X-Box in Behausungen ohne Erwachsene unter sich, würden sie mit Controller in der Hand vor dem Bildschirm verhungern und/oder an Schlafmangel verenden. 

Wie viel Internet-Konsum ist tragbar?

Aber mal ernsthaft: Schlafmangel ist ein Risikofaktor für Depressionen, die   permanente Verlockung des Smartphones (worauf man inzwischen dummerweise auch "Fortnite" spielen kann) führt zu gestörter Nachtruhe. Ständiges Starren auf den Bildschirm macht Konzentrationsprobleme, führt zu Stress in der Schule und ergo mit den Eltern. Laut einer kürzlichen Umfrage der DAK zum Thema Sucht im Jugendalter war jeder dritte Teenager von problematischem Mediengebrauch betroffen.

Natürlich fragen wir Eltern uns, wie viel Internet-Konsum, Playstation und X-Box noch tragbar ist. Für Schule, Psyche und Gesundheit. Inwieweit 14-Jährige in der Lage sind, das Geballere in Spielen von der Realität zu distanzieren. 

Für viele Teenager ist das Internet ein Parallel-Universum. In Online-Spielen/Plattformen erringt man leichter Siege als im wahren Leben. Und Jugendliche pflegen ihre Offline-Freundschaften eben auch durch Online-Aktivität: genau wie wir Erwachsenen auch. 

Viele Experten sehen im Internet inzwischen aber auch einen positiven Einfluss auf Jugendliche. Es bietet Humor, Unterhaltung, auch im positiven Sinne und Wissen, das uns offline nicht zugänglich wäre. 

Caspars und mein Problem? Maßhalten

Der Hamburger Jugendpsychiater Prof. Michael Schulte-Markwort findet es inadäquat, im Zeitalter elektronischer Medien den Umgang mit denselben zu verteufeln. "Bullerbü war gestern. Früher konnten Kinder eben besser rückwärts hüpfen oder auf Bäume klettern. Heute sind sie dafür feinmotorisch begabter, können eine Fernbedienung programmieren." Eine Runde "Fortnite" oder "Rainbow Six", das habe noch keinen blöder gemacht.

Doch mit Caspar scheitere ich an der kurz gefassten, sich immer wiederholenden goldenen Regel aller Sucht-Themen: maßhalten. 

Neulich, ich komme nach Hause, stolpere wie immer flankiert vom Duft aus Axe und Achselschweiss über Schulranzen, Jacken, Turnschuhe im Flur. Im Wohnzimmer: volle Kanne Syrien-Soundtrack. Mehrere 14-Jährige, Flips-zermalmende Zocker-Zombies liegen auf dem Fußboden, kommentieren im umwerfenden Vier-Oktaven-Stimmbruch Sachverhalte, die ich hier nicht wiedergeben kann.

Nach Abzug der Zocker-Truppe fand Caspar trotz zahlreicher Abmahnungen meinerseits und touretteartiger Versprechungen seinerseits – "Gleich, Mama, gleich, gleich, gleich, eine Runde noch. Bitte, bitte, bitte ..." – auch Stunden später kein Ende. Seine X-Box wurde am gleichen Abend annektiert. Sein Vater lagert sie in einem (nicht sehr geheimen) Geheimversteck.

Der Zocker-Zombie sagt täglich, wie sinnlos sein Leben jetzt sei, wie leer und trist, ohne seine X-Box. Ein rein subjektiver Einruck. Er geht wieder öfter zum Fußball, zum Rudern und macht ab und an sogar Hausaufgaben. 

Bei uns bleibt jetzt erstmal Waffenstillstand.

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