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Interview

"New Dads on the Blog": "Keine Angst vorm Vatersein" Daddy-Blogger über Gleichberechtigung und Vaterliebe

Mummy Blogger sind inzwischen schon fast ein feststehender Begriff. Nur für junge Väter gibt es im Internet noch keine wirkliche Community. Das wollen Bo und Thomy mit ihrem Blog ändern.

Thomy (l.) und Bo von "New Dads on the Blog"

Thomas "Thomy" Schmidt (l.) und Boris "Bo" Hafke sind die "New Dads on the Blog" – und damit ziemlich erfolgreich

Wer sich mal in den Weiten des Internets umschaut, wird Unmengen an Blogs und Communities für Mütter finden. Frauen geben anderen Frauen Tipps, unterstützen sich gegenseitig und helfen sich bei den kleinen bis großen Problemen, die im Leben einer jungen Mutter auftauchen können. Doch wo sind die Gruppen für junge Väter

Für eine Studie, die "Gillette" in Auftrag gab, wurden über 1000 Männer zwischen 22 und 37 Jahren zu den Themen Werte, Männlichkeit und Vorbilder befragt. 54 Prozent der Männer gaben hierbei an, dass eine eigene Familie und Kinder sehr wichtig für sie seien. Für 24 Prozent waren diese Themen "eher wichtig" und nur fünf Prozent der Befragten sagten, dass ihnen eine eigene Familie und Kinder überhaupt nicht wichtig seien.

Und obwohl 44 Prozent der befragten Männer "sehr stark" das Gefühl haben, für ihre Familie da sein zu müssen, scheint es in der Gesellschaft immer noch das alteingesessene Familienbild zu geben, in dem Mama zu Hause mit den Kindern bleibt, während Papa arbeiten geht. 

Das bemerkten auch Thomas "Thomy" Schmidt und Boris "Bo" Hafke, als sie sich entschieden, in Elternzeit zu gehen. Daraufhin gründeten sie gemeinsam den Blog "New Dads on the Blog", wo sie Einblicke in ihr Leben als junge Väter geben. Mit NIDO sprachen sie über Gleichberechtigung, Stigmen und warum wir uns in Schweden einiges abgucken können.

NIDO: Ihr seid Daddy Blogger, was heißt das?

Thomy: Wir bloggen über Themen, die uns in unserem Familienalltag begegnen, was allerdings nicht heißt, dass es immer um Kinder gehen muss.

Bo: Wir machen das, was Mummy Blogger auch machen – nur aus der Sicht zweier Daddys. Wir beleuchten die gleichen Themen, haben aber eine etwas andere Herangehensweise. Wir beschäftigen uns mit allem rund um die Familie.

Wie seid ihr zum Bloggen gekommen?

Bo: Als ich meine Elternzeit im Mai 2016 gestartet habe, habe ich mit meinem Instagram Account gestartet, weil ich gesehen habe, dass es ganz viele Mütter auf Instagram gibt. Ich wollte einfach meine Elternzeit dokumentieren, für mich, für meine Familie. Das ist dann schnell größer geworden, weil sich super viele dafür interessiert haben.

Thomy: So haben wir uns auch kennengelernt, auf Instagram. Zu einer Zeit, als noch nicht allzu viele Männer von ihrem Alltag und Leben mit Kindern berichtet haben. Kurz darauf kam uns die Idee, gemeinsam einen Blog ins Leben zu rufen. Gesagt, getan, und mit newdadsontheblog.de hatten wir auf einmal ein "neues Baby".

Wie sind die Reaktionen aus eurem Umfeld?

Bo: Die Reaktionen sind durchweg positiv. Wir sind Daddy Blogger für die ganze Familie und das finden viele gut. Die meisten können sich erstmal nichts konkret darunter vorstellen, aber wenn man es dann erklärt, sind alle total interessiert.

Thomy: Das Thema Blog und bloggen ist in der Tat für einige schwer zu greifen, allerdings haben wir gute Aufklärungsarbeit geleistet. Die Reaktionen sind aber zumeist positiv und das Interesse groß, nicht zuletzt, da sich viele in unserem Freundes- und Bekanntenkreis in einer ähnlichen Lebensphase befinden.

Inwieweit unterscheidet sich die Daddy-Perspektive?

Thomy: Männer ticken einfach anders als Frauen, was sicherlich die meisten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts unterschreiben würden. Das drückt sich auch in der Erziehung aus. Ich kann sicher nicht für alle Daddys da draußen sprechen, möchte aber mal behaupten, dass Männer tendenziell eine etwas entspanntere Herangehensweise an viele Dinge haben.

Bo: Ich kann das auch gar nicht an einer Sache festmachen. Ich glaube aber, dass Männer grundsätzlich eine andere Herangehensweise haben, weil sie einfach pragmatischer sind. Da liegt das Hauptaugenmerk nicht auf dem Outfit des Kindes, sondern zum Beispiel eher auf dem Entertainment-Faktor – beispielsweise auf dem Spielplatz. Das sind so kleine Unterschiede, die es gibt. Ich glaube Kinder brauchen beide Herangehensweisen.

Was habt ihr als Väter gelernt?

Bo: Vorher war man doch sehr auf sich selbst fixiert. Darauf, sein eigenes Ding zu machen. Verantwortung hat man nur für sich selbst übernommen, vielleicht noch für seine Frau oder Freundin. Aber jetzt ist da ein Mensch, für den man zu 100 Prozent verantwortlich ist und diese Verantwortung muss man übernehmen. Durch die Kids lernt man auch wieder, die Welt durch Kinderaugen zu sehen, sich an Kleinigkeiten, den alltäglichen Dingen zu erfreuen. Man lernt einen neuen Blickwinkel kennen.

Thomy: Geduldig zu sein und wie wertvoll Schlaf ist. Spaß beiseite! Die Kleinen zeigen einem so viel und öffnen einem wieder die Augen für die kleinen Dinge dieser Welt. Verändert haben mich meine Kinder insofern, dass ich meine Prioritäten neu definiert habe und nun weiß, was wirklich wichtig ist im Leben.

Ihr sagt, Vater sein macht man intuitiv richtig?

Bo: Man darf keine Angst davor haben, Vater zu sein, die Aufgaben eines Vaters zu übernehmen oder eine große Rolle in der Erziehung zu spielen. Man muss da auf sein Bauchgefühl hören – intuitiv macht man ganz vieles richtig. Fast alles, würde ich sogar sagen – in 100 Prozent der Fälle will man das Beste für sein Kind. Das heißt, man kann eigentlich in jeder Situation abschätzen: passt das, oder passt das nicht. Deswegen muss man einfach auf sich selbst hören und sich gar nicht so viel von außen beeinflussen lassen, sondern einfach seinen Weg gehen.

Wenn ihr mit euren Kids unterwegs seid – trefft ihr viele Väter mit ihren Kids oder ist das immer noch die Ausnahme?

Bo: Das ist noch nicht die Regel, wir haben noch keine 50:50-Situation, aber ich habe das Gefühl, das ist aktuell stark im Wandel. Man sieht es schon viel, viel mehr. Verglichen mit den Generationen davor, ist es auf jeden Fall mehr in Mode. Für mich ist das eine schöne Mode, denn es schafft Gleichberechtigung in der Familie. Gleichberechtigung geht für mich nicht nur in eine Richtung. Für mich ist es eine positive Entwicklung, wenn der Mann in der Familie gleichberechtigt ist und gleichberechtigt Zeit mit den Kindern verbringt.

Thomy: Die Ausnahme sind wir sicherlich nicht, aber es gibt schon noch einen starken Trend zum Wochenend-Papa.

Wie hat euer Umfeld darauf reagiert, dass ihr recht lange Elternzeit genommen habt?

Thomy: Tendenziell positiv, auch wenn es nach wie vor für einige fremd ist und unter Umständen belächelt wird. Wenn man dann noch Elternzeit über die klassischen zwei Vätermonate hinweg nimmt, zählt man eher zu den Exoten.

Bo: Es gab sicherlich kritische Kommentare, eher so hinter vorgehaltener Hand. Mir war es aber sehr wichtig, mir diese Zeit zu nehmen, denn das ist etwas, das einem niemand wiedergeben kann. Meine Frau und ich haben zuerst auch viel über das klassische Modell geredet, also sie 12 Monate und ich zwei Monate. Irgendwann habe ich dann aber gesagt, ich möchte mehr von diesem Kuchen abhaben und mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen – aktiv Aufgaben übernehmen. Das war für uns die beste Lösung. Mir haben die sieben Monate viel gebracht, auch persönlich – ich bin an den neuen Aufgaben gewachsen.

Es wird viel über "neue Väter" gesprochen – was heißt das für euch?

Thomy: In erster Linie heißt das für mich, mit dem 'klassischen' Rollenbild der letzten Jahrzehnte zu brechen und für das einzustehen, was einem wichtig ist, nämlich seine Familie und Kinder.

Bo: Ich finde es schwierig, einer Sache einen Namen zu geben. Ich glaube auch, man sollte das auf die ganze Familie beziehen, nicht nur auf den Vater. Die Frau muss auch bereit sein, einen Teil ihrer Elternzeit abzugeben – ihre Rolle neu zu definieren und zu versuchen, beides unter einen Hut zu bekommen. Deswegen sprechen wir lieber von "modernen Familien" – so sagen wir es auch auf unserem Blog: Wir schreiben über die moderne Familie aus der Sicht zweier Daddys.

Wie teilt ihr euch die "Familienarbeit" mit euren Frauen?

Bo: Es ist einfach so, dass wir die Familienarbeit, die anfällt – von Haushalt bis Einkauf – als Teamwork sehen. Wir sagen nicht, die Person macht immer das und die andere das – wir schauen, was anfällt und teilen das dann auf. Ich mache zum Beispiel auch die Wäsche. Bestimmt anders als meine Frau, aber ich machen sie und es funktioniert trotzdem. Man muss alles, was anfällt, als Teamaufgaben begreifen und gemeinsam angehen und an einem Strang ziehen.

Thomy: Das läuft bei uns auch absolut gleichberechtigt und es gibt keine feste Rollenverteilung.

Ist das immer noch ungewöhnlich oder inzwischen selbstverständlich?

Thomy: Ich glaube, da besteht immer noch Diskussionsbedarf. Wenn ich mein direktes Umfeld betrachte, würde ich sagen, wir sind auf einem guten Weg, allerdings ist die Fallzahl nicht wirklich repräsentativ und ich befürchte das wir noch ein ganzes Stück davon entfernt sind.

Bo: In unserer Generation habe ich den Eindruck, dass das bereits etabliert ist. Klar, nicht jeder Vater nimmt zu 50 Prozent Elternzeit – das muss man sich auch leisten können. Für uns war diese Zeit sehr wichtig und wir möchten sie auch nicht missen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Dass Paare sich die Aufgaben im Haushalt und in der Kindererziehung teilen, sehen wir aber als selbstverständlich und in unserem Umfeld gelebt.

Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Job und Familie – was muss sich in der Gesellschaft ändern?

Thomy: Beim Thema Elternzeit sind die Möglichkeiten seitens des Gesetzgebers zum Teil geschaffen, was man in Anbetracht der Situation in anderen Ländern nicht als selbstverständlich sehen kann. Natürlich gibt es aber auch Länder, die hier eine Vorreiterrolle einnehmen und versuchen die Limitationen des Systems zu eliminieren. Allen voran ist hier sicherlich Schweden zu nennen, wo zum Beispiel Elternzeit bei Vätern zum guten Ton gehört und auch nicht durch zu große finanzielle Einbußen abgestraft wird. Wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, gibt es noch einiges an Aufholbedarf.

Bo: Es ist immer noch so, dass deutlich mehr Frauen als Männer Elternzeit nehmen. Das hat oft auch finanzielle Gründe, weil der Mann mehr verdient als die Frau. Es müssen finanzielle Anreize geschaffen werden, damit mehr Väter Elternzeit nehmen – in Form einer Extraprämie oder ähnlichem. Für das Kind ist es auch immens wichtig, diese Zeit mit dem Vater zu haben. Es passiert schon viel, aber da muss noch mehr passieren und das muss der Gesetzgeber auch noch mehr sehen. In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Schweden, funktioniert das besser – da kann man sich einiges abschauen.

Welche Werte sind euch persönlich wichtig? Welche Werte wollt ihr euren Kindern mitgeben?

Bo: Für mich persönlich ist Familie ein sehr wichtiger Wert. Verantwortungsbewusstsein, Ehrlichkeit, Offenheit – das sind Grundwerte, die jeder meiner Meinung nach in sich tragen sollte. Das ist auch das, was ich meinen Kindern mitgeben möchte. Sie sollen alles probieren, was sie möchten, sich selbst entfalten und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Sich nicht in eine Rolle zwängen lassen.

Thomy: Ein guter Freund von mir hat gerade ein Buch zum Thema Wertschätzung geschrieben. Was ich für immens wichtig halte und auch mir selbst immer wieder vor Augen führe, denn gerade im Alltag begegnet uns Wertschätzung in kleinen Gesten, die aber einen großen Unterschied machen und nicht nur unseren eigenen Tag bereichern können.

Habt ihr das Gefühl, Familie gewinnt in der heutigen Gesellschaft wieder an Bedeutung?

Bo: Auf jeden Fall! Familie gewinnt wieder an Bedeutung, junge Menschen bekommen wieder mehr Kinder als die Generation vor ihnen. Viele ziehen mit ihren Familien aufs Land. Es gibt neue Modelle des Zusammenlebens. Das alles stärkt den Familiengedanken aktuell.

Thomy: Einer Studie zufolge, hält nur die Hälfte der Eltern Deutschland für eine familienfreundliche Republik und ist der Meinung, der Stellenwert der Familie ist in den letzten Jahren eher gesunken. Einen großen Einfluss hierauf hat sicherlich die bereits angesprochene Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die stark abhängig ist von den Unternehmen und deren Familienpolitik.

Thomas "Thomy" Schmidt (r.) und Boris "Bo" Hafke

Finden, dass wir uns neu mit dem modernen Männerbild auseinandersetzen müssen: Thomas "Thomy" Schmidt (r.) und Boris "Bo" Hafke

Warum ist euch Gleichberechtigung wichtig?

Bo: Für uns umfasst Gleichberechtigung alle Lebensbereiche. Unabhängig vom Geschlecht, unabhängig vom Beruf, vom Gehalt – da darf es aus unserer Sicht keine Unterschiede geben.

Thomy: Gleichberechtigung ist für mich ein Zeichen moderner Gesellschaft. Dabei umfasst Gleichberechtigung für mich alle Lebensbereiche und ist mehr ein Geben und Nehmen.

Habt ihr persönlich Vorbilder?

Bo: Nein, ich habe kein Vorbild im eigentlichen Sinne. Ich lasse mich von unterschiedlichen Personen inspirieren. Ich schaue mir das eine oder andere, was ich cool finde, bei bestimmten Personen ab, aber es gibt niemandem, den ich als Vorbild bezeichne. Das, was ich mir abschaue, ist auch nicht wegen der Person selbst, sondern wegen etwas, was sie gemacht hat oder wegen eines Werts, den diese Person verkörpert. Mir geht es um die Sache, nicht um die Person. Das gilt für Politiker, für Sportler und für Menschen in meinem Umfeld.

Als du Vater geworden bist, hast du da ein Vorbild für die Vater-Rolle gehabt?

Bo: Nein, auch da nicht. Ich möchte eher meinen Weg finden und niemanden kopieren oder adaptieren. Ich spreche viel darüber – mit meiner Frau natürlich, aber auch mit unterschiedlichsten Menschen, je nachdem, worum es geht. Mit Thomy rede ich auch besonders viel über das Thema, weil wir einfach in sehr ähnlichen Situationen sind. Da tauschen wir uns eng aus.

Thomy: Das sehe ich genau wie Bo. Auch ich gehe ich lieber meinen eigenen Weg und hinterlasse meine eigenen Fußstapfen.

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