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#notreallyworkingmom: Elternzeit: Warum ich die Frage "Wann kehrst du in den Job zurück?" nicht mehr hören kann

Am Anfang antwortete unsere Autorin noch geduldig, wenn sie in der Elternzeit gefragt wurde, wann sie denn wieder arbeiten wolle. Doch schnell begann die Frage, ihr richtig unangenehm zu werden. Und irgendwann begriff sie auch den Grund dafür. Ein Text über die #notreallyworkingmom. 

Von Katharina Böhm

Mutter mit Baby

Junge Mütter finden sich oft in Rollen wieder, in die sie nie gedrängt werden wollten. 

Eigentlich hätte dieser Text nie geschrieben werden dürfen. Ich hatte mir für meine nicht viel vorgenommen, aber das schon: Unter keinen Umständen würde der Artikel, mit dem ich meinen Wiedereinstieg ins Berufsleben beginnen wollte von der neuen Rolle als Mutter oder dem Leben mit Kindern handeln. Den Job sollten lieber andere machen. Denn Muttersein, das klang nach allen möglichen Dingen, aber professionell klang es nicht.

Es kam dann alles etwas anders. Nicht zuletzt war da die ernüchternde Erfahrung, dass Elternzeit doch treffender Mutterzeit heißen müsste und die ist zunächst beinah rund um die Uhr. Das ist eine Feststellung, die ich mit einer relativ großen Gruppe von Frauen teilen dürfte. Laut dem Väterbericht 2016 des Bundesministeriums für Familie, , Frauen und Jugend geht jeder dritte Vater in Elternzeit. 79 Prozent von ihnen beziehen "für bis zu zwei Monate Elterngeld" und schöpfen somit die Partnermonate aus, die "zusätzlich zum 12-monatigen Bezugszeitraum in Anspruch genommen werden können". Bleiben mehr Monate für die Partnerin. Und auch mehr Ratschläge und Fragen, die sich an sie richten. Auf viele dieser Ratschläge hätte ich lieber verzichtet, auf manche Fragen auch.

Nach einer Weile begann die Frage unangenehm zu werden

Eine von ihnen ist mir trotzdem besonders ans Herz gewachsen. Weil sie mir sehr oft gestellt wurde, wagte ich mir mein Leben eine Weile lang gar nicht mehr ohne sie vorzustellen. Sie ist unkompliziert und klingt sehr harmlos und meistens ist sie bestimmt genauso gemeint gewesen: "Und, wann fängst du wieder an zu arbeiten?", wollten die Leute wissen, wenn ich es nicht von selbst erwähnte oder sie langweilte, was es vom neuen Lifestyle als zu berichten gab. Am Anfang war das eine Frage der Kategorie "Wie wird das Wetter?". Ich antwortete nett und bereitwillig, was es darauf zu sagen gab und ungefähr von mir erwartet wurde: "Wenn wir einen Platz bei einer Tagesmutter finden, würden wir sie gerne ab dem ersten Geburtstag betreuen lassen." Da ich zuletzt selbstständig gearbeitet hatte, gab es keinen fixen Termin, zu dem man irgendwo auf mich gewartet hätte. Fest stand, wie lange ich Elterngeld bekommen würde und selbst, wenn es mit dem Betreuungsplatz nicht genau zum erhofften Zeitpunkt geklappt hätte, wären wir nicht gleich in finanzielle Notlage geraten. Kurz: eine komfortable Situation.

Trotzdem begann die Frage, die von einigen Menschen mit sorgfältiger Regelmäßigkeit gestellt wurde, nach einer Weile unangenehm zu werden. Zuerst nur ein wenig, sodass ich es nicht sofort merkte. Und dann von Mal zu Mal mehr, bis ich sie schließlich oft schon beantwortete, bevor sie überhaupt gestellt worden war. Ob das meiner eigenen Ungeduld geschuldet war oder der Ungeduld der anderen, ob die eine die andere bedingte, das ließ sich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr feststellen.

Den Grund dafür suchte ich zuerst bei mir, was nicht allzu lange dauerte. Nachdem ich bald über ein Jahr nicht mehr am Schreibtisch gesessen oder ein Büro von innen gesehen hatte (für die letzten Schwangerschaftsmonate war so eine Art Beschäftigungsverbot erteilt worden), wuchs allmählich die Befürchtung, den Anschluss zu verpassen. Gerade bei Selbstständigen ist diese Sorge nicht völlig unbegründet. Hinzu kam, dass sich nach intensiven Monaten der Babybetreuung intellektuell allmählich eine gewisse Rückbildung bemerkbar machte. Merkten die anderen etwa auch schon was? "Nicht verrückt machen", empfahl ich mir. "Die Arbeit geht weiter irgendwann, das muss sie ja. Es ist doch nur eine Frage!"

Ich finde mich während der Elternzeit in ungewünschten Rollen wieder

Und sie wurde unbedarft weitergestellt. Eine Freundin wollte in einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Besorgnis weiter wissen, was ich denn jetzt nur den ganzen Tag machte. Gut. Weil ich in der richtigen Verfassung war, fing ich also an, aufzuzählen. Das war ein bißchen lustig, vertrieb nur leider die störenden Gedanken nicht, die solche Fragen auslösen. Während ich weiter freundlich Auskunft gab, grub sich die unbehandelte Zornesfalte allmählich tiefer in meine Stirn. Sah ich tatsächlich aus, als würde mir Beschäftigung fehlen? Das Spiegelbild behauptete anderes.

Eigentlich ist wütend zu sein kein fremder Zustand für mich. Seitdem ich Mutter bin, hat sich jedoch ein unerwartetes Aggressionspotenzial aufgetan, das sich mit Schlafmangel allein nicht mehr erklären lässt. Die Wut richtet sich mal gegen andere, manchmal auch gegen mich selbst und sie hat ziemlich verlässlich etwas damit zu tun, dass ich mich, obwohl ich mir ein Kind gewünscht habe, damit regelmäßig in Rollen wiederfinde, die ich mir selbst heimlich nicht erträumt hatte. Zum Beispiel, wenn mir Fragen gestellt werden, die mein Freund nicht beantworten muss. Oder wenn ich mit Säugling im Gepäck zu meiner Rückkehr ins Berufsleben befragt werde, als wolle man sagen: So kann das ja nicht weitergehen! Die Momente, in denen ich dasselbe dachte, reichten mir. Deutlich seltener kam die Frage auf, ob man mir irgendeine Arbeit abnehmen könne.

Selbstverständlich habe ich der Wut kein Ventil gelassen, jedenfalls nie dann, wenn sie darauf drängte. Es ist sehr wichtig, dass man zumutbar bleibt, besonders als arbeitslose Mutter. Noch wichtiger als frisch gewaschene Haare. Doch unter der ausreichend gepflegten Frisur arbeitete es eifrig (leider war das von außen wohl nicht zu erkennen): Natürlich erwartete ich nicht, dass man mich nach der Wiederaufnahme meiner Lohnarbeit fragte. Klar war es nur eine Formulierung. Aber fragten die Leute nur?

Warum nennt man Wehen labor und nicht fockin' crazy shitload of work?

Sagten sie damit nicht genauso etwas, bewusst oder aus Versehen? Offenbar kann das, was man als Frau mit Kind tut, auf keinen Fall Arbeit sein. Wieso fühlte ich dann mehr Erschöpfung, als nach den meisten Bürotagen, die ich bis dahin gekannt hatte? Warum nennt man Wehen labor und nicht fockin' crazy shitload of work? Auch wenn dieser Teil hinter einem liegt, ist der Knochenjob am Kinderkriegen nicht vorbei, wie ich leicht überrascht feststellte. Der Körper macht einfach weiter: hochheben, herumtragen, runterbücken, hinterherrennen, dazwischen gehen, anziehen, ausziehen, umziehen.

Der Kopf ist nicht weniger mit dem Kind beschäftigt. Er denkt für zwei, plant voraus, improvisiert, interpretiert, versucht, nichts zu vergessen, trägt die Verantwortung für ein Menschenleben. Zwischendurch stellt er sich selber Fragen: Ist das alles nur ein Hobby, freiwillig gewählt und vorhersehbar, also jetzt bitte nicht beschweren? Müssten Berufe wie Haushaltshilfe oder Kindergärtner dann nicht wie Ehrenämter behandelt, also überhaupt nicht mehr bezahlt werden? Doch das ist wieder so ein Vergleich mit Haken, denn ein Ehrenamt macht sich besser im Lebenslauf als eine Pflegelücke oder ein bisschen dramatischer, mehrere davon.

Ich will mich tatsächlich nicht beschweren. Das Kind ist ein Geschenk und das oft bemühte Klischee vom Lachen, das am Ende eines langen Tages oder einer kurzen Nacht alles aufwiegt, hat sich glücklicherweise meistens bestätigt. (Muss immer unbedingt dazu gesagt werden, sonst werden bestimmt bald keine Babys mehr geboren.) Grund wütend zu sein, gibt es trotzdem. Denn die Aufzucht ist keine Auszeit, die man sich leistet wie ein Sabbatical und die früher oder später von richtiger Arbeit abgelöst wird, so wie jene Frage suggeriert. Danach gibt es einfach noch mehr zu tun. Und selbst ausgesprochen ambitionierte Eltern, die ihre Elternzeit als geeigneten Zeitpunkt wähnten, endlich mal wieder eine neue Sprache zu lernen, ertappten sich am Ende nur mit Wortfindungsstörungen als sie im heimischen Supermarkt nach dem Rucolasalat fragen mussten. Man kommt darüber hinweg.

Wahrscheinlich wollten die Leute nur herausfinden, welche Sorte Mutter ich war

Mit der Frage, wann ich eigentlich wieder anfangen würde zu arbeiten, gelang mir das irgendwann nicht mehr. Obwohl ich selbst mich schnell an den Umstand gewöhnt hatte, dass mir die Pausenzeiten zur Abwechslung von einem diktiert wurden und obwohl ich relativ gut damit leben konnte, dass diese Pausen hauptsächlich aus 156 Folgen einer ziemlich unterhaltsamen Fernsehserie bestanden, ließ die Frage mich irgendwann glauben, die Endstation meines Lebens sei mit Anfang 30 schon erreicht. Oder doch mindestens das Abstellgleis. Von dort aus betrachtet zieht alles nur noch vorbei, was da passiert, kann nicht genug sein. Warum sonst wurde so häufig danach gefragt, wann es wieder vorbei ist?

Wahrscheinlich, dämmerte mir ziemlich spät, galt die Frage in Wahrheit gar nicht meiner Arbeit. Wahrscheinlich wollten die Leute nur herausfinden, welche Sorte Mutter ich war. Ich selber kenne die Antwort darauf nicht, wozu auch. Nur eine #workingmom zu sein, kann ich offenbar nicht für mich in Anspruch nehmen. Das ist ein bisschen schade, denn working moms kommen gut an und bekommen vermutlich höchstens zu hören, wie sie das alles bloß schaffen. (Eine Frage, auf die in der Regel keine Antwort erwartet wird, weil das eigentlich niemand wirklich wissen will.) Sie können ein Bild von sich verkaufen, das zumindest von außen betrachtet attraktiv ist, obwohl Muttersein doch eigentlich eine wahnsinnig unsexy Angelegenheit ist. Sie haben noch einen richtigen Auftrag, gründen Familie und Unternehmen, ernähren Babys und stehen auf Bühnen, statt nur müde um den Block zu watscheln, weil die Windeln schon wieder alle sind.

Das ist auf eine Art und Weise produktiv, die sichtbar ist und vorzeigbar, also das genaue Gegenteil der meisten Mütter. Es sagt: Hallo, ich bin noch da, effizienter als jede Maschine, obwohl jetzt noch mehr auf dem Tisch liegt! Gleichzeitig lebt es unmissverständlich vor, dass manche Leute - ehrlich gesagt manche Frauen - mit Kind sogar noch mehr leisten als andere ohne. Währenddessen hockt die #notreallyworkingmom nach dem Drogerieausflug unproduktiv vor dem Bildschirm (Kind schläft endlich), der sich während der Elternzeit auftun kann, wie ein Tor in entfernte Welten und ist genervt von anderen Frauen anstatt den Fehler im System zu suchen, in dem man sich als Frau immer noch etwas leichter so fühlen kann, als sei man nicht genug.

Wer kriegt schon gern zu verstehen, dass seine Arbeit keine wertvolle ist?

Am Ende gibt wohl auch die #workingmom nur Auskunft darüber, dass jemand sich nach Aufmerksamkeit und Anerkennung sehnt, weil fürs schnöde Elternsein eben keine Awards verliehen werden (was auch gerne so bleiben soll). Und wahrscheinlich müssen alle Mütter, auch diejenigen, die relativ früh in den Job zurückkehren oder nie auch nur eine Wahl hatten, sich oft genug Fragen stellen lassen, die auf ihre Lebensumstände zielen. Sie sind natürlich erlaubt, denn wer nicht fragt - man hat davon gehört. Es gibt allerdings Fragen, und es sind mehr als man denkt, die sind wenig taktvoll. Sie lassen den, der sie stellt, relativ plump erscheinen und denjenigen, der die Antworten schuldet, eines Tages wütend werden. Oder, und das ist weitaus unangenehmer, einen schalen Geschmack zurück. Wer kriegt schon gern zu verstehen, dass seine Arbeit keine wertvolle ist?

Die Lösung dafür liegt hoffentlich nicht in einem neu aufgelegten Mutterkult, der Zeitgeist spräche doch mehr für gleichberechtigte Elternpaare. Bedauerlicherweise ist der Zeitgeist nicht der schnellste, wie man auch im Väterbericht nachlesen kann: "60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren fänden es ideal, wenn sich beide Partner gleichermaßen in Beruf und Familie einbringen könnten. Tatsächlich verwirklicht wird ein partnerschaftliches Modell jedoch nur von einer Minderheit von 14 Prozent der Eltern." Dass das so ist, liegt nicht nur an der trägen Last der Traditionen, sondern sicher auch daran, wie unsere Arbeitswelt größtenteils noch immer organisiert wird.

So ist das eigentliche Problem auch weniger die nervige Frage nach der Arbeit. Dass sie so unangenehm aufstößt hat vielmehr damit zu tun, dass es für viele Eltern noch immer keine befriedigenden Antworten darauf gibt. Bis sie endlich gefunden sind, könnte man sich ja mit ein paar ganz grundlegenden Fragen zum Thema Arbeit beschäftigen. Was Arbeit eigentlich bedeutet, zum Beispiel. Womöglich gibt es ja auch die Sorte, die keine E-Mails schreibt und nicht mehr so oft ans Telefon geht, von zuhause erledigt wird und nicht von wichtigen Learnings berichtet. Dabei gibt es welche!

Erfüllen von Erwartungen, die in Wahrheit erschreckend egal sind

Wer es ohnehin nur falsch machen kann und dazu dürfen Mütter sich unbedingt zählen, spürt, nach einer Weile und mit etwas Glück, eine ganz neue Freiheit. Die zu erlangen ist eine Aufgabe, die man erfahrungsgemäß leider selbst erledigen muss. Hat man es geschafft, ist man allerdings eine unlösbare Aufgabe losgeworden, für die vorher viel kostbare Zeit verschwendet wurde: Das Erfüllen von Erwartungen, die in Wahrheit erschreckend egal sind. Ich schätze, es ist eine der besten Freiheiten, die eine Frau überhaupt haben kann - ob mit oder ohne Kind spielt nicht mal eine Rolle.

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