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Aus dem Leben einer Mutter

Grundschul-Klassenreise: Auf nach Amrum: Von labbriger Pizza, Igelfrisuren und der ersten Liebe

Wenn Grundschüler auf Klassenreise gehen, ist ihre Welt danach oft eine andere. Sie sind überwältigt von neuen Eindrücken – und zum ersten Mal verliebt

Von Andrea Müller

Amrum

Auf nach Amrum! 

Getty Images

Es ist jedes mal ein Social Event fast sakraler Inszenierung: Den Nachwuchs an der einen, den Koffer in der anderen Hand, strömen Eltern Punkt viertel nach Acht auf den Bahnsteig, alle gemeinsam, als wäre es ein Gang zum Opfertisch. Wenn unsere Kinder auf Klassenreise gehen.

Ein paar Väter hieven Lillifee- und Spiderman-Koffer ins Zugabteil, die Mütter smalltalken in modischen Must-Haves des Sommers auf dem Bahnsteig: über das Essen im Landschulheim, die Aufteilung der Schlafgemächer. Ich verfolge das Szenario mit großer Sonnenbrille,  leicht im Abseits, um dünne "durch Pollenflug verursachte Bäche" auf den Wangen zu kaschieren.

Ich hasse Abschiede – alleine das Wort "Abschied" triggert bei mir sofort Tränen. Als ich klein war, kippte das schon bei "Hänschen klein" in der Zeile "und die Mama weint so sehr, hat sie nun kein Hänschen mehr...". Immer wieder fragte ich meine Eltern, ob Hänschen jetzt echt für immer weg ginge.

Mein Kind geht auf Klassenreise – und ich habe einen Kloß im Hals

Als Ben in seinen gelben Gummistiefeln die viel zu hohen Stufen des Zuges Richtung Nordsee erklimmt, will ich lieber Wanze in seinem "Minions"-Rucksack sein als Mutterglucke mit Kloß im Hals am Bahnsteig.

Die erste große Abschieds-Show liefert Sergei, ein Junge aus Russland, neu in Bens Klasse, der auf keinen Fall in den Zug steigen will. Brüllt wie am Spieß, vielleicht aus Angst, schon wieder seine Heimat zu verlassen. Hamburg-Amrum, das sind weniger als 250 Kilometer, sagt sein Vater, und wenn er es nicht aushält, könne er ihn jederzeit  abholen. Dann lacht Sergei wieder. Gar nicht wahr, Amrum sei weiter weg als Moskau, brüllt Leo. Und schon heult Sergei wieder.

Leos (frisch von dessen Vater getrennte) Mutter nennt ihren Sohn "einen Sadisten, wie sein Vater...", ein paar Kinder lachen und brüllen weitere, utopische Zahlen über die Entfernung Amrum-Hamburg in die Menge, bis Sergeis Vater seinen Sprössling schnappt, um am anderen Ende des Wagens einzusteigen.

Ich flüstere Ben zu: "Benimm dich bitte, mein Schatz!". Ein kleiner profilaktischer Schwindel, denn Ben recherchiert seit Tagen Streiche fürs Landschulheim. Dann ist er weg.

Von der Insel nichts Neues

Eine Woche lang halte ich bei jeder Mail aus Amrum den Atem an. Doch da steht nichts über die üblichen Verdächtigen, mit Leinentüchern als Gespenster verkleidet im Mädchenschlafsaal erwischt, nix über Jungs, die in Fantaflaschen oder Lagerfeuer aus pinkeln ...

Die Bilder in den Mails hätten als Fotostrecke für Nido getaugt: 26 Schüler wie Zinnsoldaten, aufgereiht vor roten Backsteinhäusern mit weißen Fensterläden, auf der schneeweißen Endlos-Düne, unter dem mit Badeschaum besprenkelten Himmel über der Nordsee. Mustergültig.

Als ich am Freitag bei der Rückkehr am Bahnhof Ben in Empfang nehme, ist er in Tränen aufgelöst. "Mama ich dachte, Du kommst nie mehr!". Oh, mea culpa, ich war 4 Minuten zu spät. Doch mir ist klar: er ist übermüdet und überwältigt von neuen Eindrücken. Von Emotionen, die hinter den Backsteinmauern auf der Düne am Norddeich vom Himmel fielen, die ihm bislang unbekannt waren. Sonst würde er nicht derartig schluchzen.

Nur was geschah in Norddorf? Tage später kommt Ben mit zwei rosafarbenen, selbst gebastelten Schlüsselanhängern nach Hause: von Lucy! Ben schlägt zwei Nägel von aussen in seine Zimmertür und hängt die mit Glitzersteinchen besetzten Teile auf wie Trophäen.

Lucy ist ein bisschen in Ben. Aber auch ein bisschen in David.

Als Bens Freund Tom das sieht, sagt er: Lucy habe jedem Jungen in der Klasse so ein Ding gebastelt, warum er jetzt Mädchen-Glitzerkram aufhänge? Oh, das gibt Ärger, denk ich, stattdessen sagt Ben, Lucy sei nunmal das coolste Mädchen der Klasse. Sie zockt, obwohl es verboten ist, sie macht, was sie will, wie Pippi Langstrumpf und: "Also ich mag die Lucy sehr". Tatsächlich lag in Bens Ranzen neulich ein Fünferpack "Pick Ups", (sein Lieblingssnack) was Lucy von ihrem Taschengeld für ihn gekauft hatte.

"Dann sind also alle ein bisschen verliebt in Lucy?" frag ich. Tom meint, er auf keinen Fall, aber "die Lucy sei schon auch ein bisschen in Ben." "Aber auch ein bisschen in David," sagt Ben. Langsam komm ich durcheinander. Ist man in der Vierten platonisch polyamourös?

Die Sache mit Lucy begann auf Amrum. Als ein paar von ihnen am zweiten Tag von der riesigen Sanddüne herunter rollten (Ben: "Wir hätten einen Schlitten gebraucht"), sei Theos Rucksack aufgegangen und all seine Süßigkeiten seien rausgefallen. Mitten auf der Sanddüne.

Es habe ziemlich Ärger gegeben, weil Süßigkeiten verboten waren. Theo hätte laut geheult, Lucy habe seinen Rucksack aufgehoben und  wieder eingeräumt. Echt nett von Lucy, findet Ben.

Denn nicht nur Theo, sondern auch die anderen Kinder hatten die ganze Zeit Hunger. Die "voll eklige, labbrige Gemüsepizza", mochte keiner, von den Pfannkuchen bekam jedes Kind nur einen Halben. "Wie soll man da satt werden!" Hat Lucy auch gesagt! Nur einmal gab es Hot-Dogs, danach waren alle satt und glücklich.

Die Jungs sollen gestylt werden wie echte Fußballstars

Nach der Gute-Nacht Geschichte von Frau "Schlottermotz" haben die Jungs meist ein paarmal gegen den Mädchen-Schlafsaal gerummst und sich dann schnell versteckt, wenn die Tür aufging. Tom, David und Ben haben danach im Pyjama eine Runde durchs Haus gedreht und festgestellt, dass man vom zweiten Stock aus gefahrlos aus dem Fenster auf das Dach klettern konnte. Ehe sie draußen waren, standen Lucy und Elisa mit Kamm, Haargel und Bürste in der Hand vor ihnen und sagten: Kommt Jungs, wir stylen Euch jetzt zu Fußballstars.

Elisa hatte ein paarmal gesehen, wie man zum Beispiel Promis für Fotos stylt und bereits an Puppen geübt. Jetzt sollten Ben und Tom Versuchskaninchen sein, die Mädchen versprachen ihnen den Look von Kroos und Griezmann.

Immer noch besser als schlafen, dachten die Jungs und folgten den Mädchen in den Waschraum. Elisa und Lucy befahlen ihnen, ihre Köpfe unter den Wasserhahn zu halten und machten sich ans Werk.

"Ben sah aus wie der Eiffelturm", lacht Tom sich scheckig. Ben kontert: "Besser Eiffelturm als Igel!" – denn Elisa hatte Tom zum Igel gestylt. Während Ben die Turmfrisur lobt, mit der Lucy ihn zu Kroos gekrönt hatte, fand Tom, dass er aussah wie Griezmann.

Auf dem Weg zum Fußballtraining erzählen sie, dass sie einen Hubschrauber chartern wollten, an der Stelle, von wo sie gefahrlos aufs Dach klettern konnten. Doch keiner wusste, wie das genau funktioniert. Irgendwas ist passiert auf Amrum.

Dann steigen Tom und Ben aus dem Auto und pesen wie Blitze über den Kunstrasen, zu ihrer Mannschaft. Nicht Ben und Tom, was red ich, sondern Kroos und Griezman. Und sie schweben.

Ein Junge mit braunen Locken und geringeltem T-Shirt lacht und hält dabei ein gelbes Skateboard hinter dem Rücken