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Familienleben: „Ich fühle mich öfter als Rabenvater“

Robert Habeck und Andrea Paluch sind ein eingespieltes Team. Ihre vier Kinder haben sie gemeinsam großgezogen, beide waren berufstätig. Auch als Habeck den Landesvorsitz der Grünen übernahm war er noch Hausmann. Das Paar hat sich Zeit genommen für ein Gespräch.

Fotos: Tim Brüning

Herr Habeck, welche Kleidergröße tragen Ihre Kinder?

Robert Habeck: Mit dreieinhalb meiner Kindern kann ich momentan Kleidung tauschen.

Andrea Paluch: Stimmt doch gar nicht!

Habeck: Das stimmt natürlich!

Dreieinhalb – Wer ist das halbe?

Habeck: Der Jüngste, er ist zwölf und hat Schuhgröße 44, wie ich.

Paluch: Was die Jungs ablegen, passt dir meistens nicht – sie tragen XL, nur L ist für dich.

Habeck: Sie tragen ja Surf- und Streetwear-Sachen, die können ruhig schlabbrig sein.

Wussten Sie die Größen in jeder Altersstufe der Jungs?

Habeck: Ja, nur der Übergang von 176 zu S war ein bisschen kompliziert.

Aber 80 zu 86 war kein Problem?

Habeck: Da kam ich klar. Beim Wäschelegen wusste ich, welche Größe in welchen Schrank gehörte. Das war damals viel einfacher als heute. Jetzt ist alles schwarz und sieht gleich aus.

Sie legen immer noch die Wäsche?

Habeck: Ja, mache ich immer noch.

Paluch: Ich habe extra zu Hause was stehen lassen.

Habeck: Schön, ich lege sie auch besser als du!

Seit sechs Jahren sind Sie nun Berufspolitiker. Abgesehen von der Wäsche – wie hat sich der Alltag dadurch verändert?

Paluch: Für uns kam der Einschnitt schon 2004 mit dem Landesvorsitz der Grünen. Ab da hat Robert full time und außer Haus gearbeitet. Das war neu.

Habeck: Nach meiner Erinnerung war ich doch nur an zwei, drei Abenden nicht da. Auf mehr hatte die Partei auch keinen Anspruch, zumal ich quasi ehrenamtlich war.

Haben Sie den Schritt, in die Politik zu gehen, gemeinsam entschieden?

Beide: Ja.

Habeck: Aber als Landesvorsitzender war ich tagsüber weiterhin zu Hause und habe den Alltag voll miterlebt. Die Kinder aus der Kita abholen, kochen, waschen. Abends bin ich zu Sitzungen gefahren. Nervig war nur, dass ich parallel tagsüber auch Parteiarbeit erledigen musste. Ich war da, aber doch nur so halb. Für mich war es trotzdem ein besseres Gefühl, anwesend zu sein.

Das berühmte Dilemma: für alle erreichbar, aber für niemanden so richtig. Ist Homeoffice wirklich besser?

Paluch: Wir haben immer zu Hause gearbeitet, gemeinsam Bücher geschrieben oder Übersetzungen gemacht – das aber zu den Zeiten, als die Kinder in der Kita waren oder geschlafen haben. Das hat sich bei Robert geändert.

Habeck: Gewisse Anrufe musste ich machen, die konnte ich nicht auf später verschieben. Zwar habe ich versucht, es zu reduzieren. Aber im Wahlkampf ging das nicht mehr.

Würden Sie es rückblickend anders machen?

Habeck: Nein. Als die Kinder kleiner waren, hätte ich meinen jetzigen Job nicht gemacht. Dann würden wir vermutlich auch nicht mehr als Paar hier sitzen. Es war von Anfang an unser Konzept, dass ich als Vater anwesend bin. Ein geteiltes Leben mit geteiltem Stress zu haben, ist besser als ein getrenntes.

Paluch: Es war ein schleichender Übergang, die Kinder wurden älter und selbstständiger, währenddessen nahm auch das Engagement von Robert zu. Aber ich hätte niemals vier Kinder bekommen, wenn ich mit ihnen alleine gewesen wäre. Die Halbtagsregelung – jeder arbeitet einen halben Tag zu Hause – war optimal.

Nicht jeder kann im Homeoffice arbeiten. Ließe sich Ihr Modell übertragen?

Paluch: Wir haben die Berufe, die das verhindert hätten, ausgeschlagen. Aber das muss man sich natürlich trauen.

Was haben Sie ausgeschlagen?

Habeck: Wir hatten beide Möglichkeiten, bei guten Verlagen einzusteigen. Es wäre nicht fürchterlich gewesen, als Lektor zu arbeiten, aber der andere Weg war für uns besser.

Hatten Sie da schon Kinder?

Paluch: Ja, eines. Ich würde unser Modell trotzdem niemandem vorschreiben wollen. Jedes Paar muss selber wissen, was es will.

Habeck: Aber Voraussetzungen für diese Entscheidung zu schaffen, das sollte Politik leisten. Es muss eine finanzielle Grundsicherheit geben, Zeit sollte teilbar sein, Arbeit und Erziehung sollten gleichzeitig gelebt werden können.

Sie kamen finanziell klar?

Habeck: Als unser erster Sohn geboren wurde, hatten wir beide ein Promotionsstipendium von der Uni, 1000 Mark etwa.

Paluch: Dazu kam Kindergeld und zwei Jahre Erziehungsgeld, wie es damals noch hieß.

Habeck: Plus Honorare. Das hat dicke gereicht und uns vor allem Sicherheit gegeben.

Paluch: Wir hatten so eine Art Kindergrundeinkommen.

Sicherheit ist doch wichtiger als Selbstverwirklichung?

Habeck: Bevor ich Kinder bekommen habe, hat mich Sicherheit nie groß interessiert. Als Vater war sie für mich plötzlich ein großes Thema. Ich wollte meine Familie absichern. Ganz konservativ.

Ein Kindergrundeinkommen wäre doch eine gute familienpolitische Maßnahme. Vielleicht wenn Sie Vizekanzler werden …?

Habeck: Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, verschiedene Modelle für ein Grundeinkommen zu entwickeln, die man ausprobiert. Diese Republik ist nur so fürchterlich ängstlich geworden! Es gibt so interessante Möglichkeiten, gerade in der Familienpolitik, aber niemand weiß, wie sie eine Gesellschaft verändern würden. Ein Grundeinkommen? Dann werden alle faul, heißt es sofort. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich sagen: größere Experimentierfreudigkeit!

Ein Grundeinkommen wäre eine große Umstellung, kann man damit experimentieren?

Habeck: Es müsste doch möglich sein, auch jenseits des Gleichbehandlungsgrundsatzes der Verfassung, so etwas in Test-Kommunen auszuprobieren. Sie müssten sozial gemischt sein, wir bieten dort für fünf Jahre ein Familiengrundeinkommen und beobachten, was passiert: Wenn alle faul zu Hause bleiben, dann war es falsch. Wenn alle glücklich und entspannt sind und dabei noch arbeiten und vielleicht sogar noch mehr Kinder geboren werden, dann ist es super. Aber ich weiß, wenn ich das jetzt sage, kommt bestimmt gleich ein Bedenkenträger mit dem großen Aber.

Woher rührt diese Ängstlichkeit?

Habeck: Ich glaube, es ist eine Reaktion auf die politischen Zustände: Die Welt ist in Aufruhr, überall Kriege und Flüchtlinge, instabile Währungen, gestiegene Anforderungen in der Arbeitswelt – da ist es eine verständliche Reaktion, keine Experimente wagen zu wollen. Trotzdem ist es die falsche Reaktion. Eine Gesellschaft, die sich zurückzieht, kommt nicht weiter.

Wie haben Eltern und Freunde damals auf Ihr Familienexperiment reagiert?

Paluch: Für mich war das kein Experiment. Meine Mutter war auch einfach froh, dass ich einen Abschluss hatte, der Rest war ihr egal. Aber Roberts Eltern waren nicht begeistert, dass wir ein Kind bekommen haben.

Wieso nicht?

Habeck: Zu früh. Wir waren beide Ende zwanzig.

Paluch: Vor dem Berufseinstieg. Und sie fühlten sich selbst auch noch nicht reif, Großeltern zu sein.

Hatten sie das so gesagt?

Habeck: Ja. Aber ich glaube, heute ist ihnen das sehr unangenehm.

Paluch: Für uns war die größte Überraschung, dass wir plötzlich sozial isoliert waren. Wir waren die Ersten, die Kinder bekommen haben. Damit konnte an der Uni und im Freundeskreis niemand so recht umgehen.

Was glauben Sie, wieso war das so?

Paluch: Alle waren damit beschäftigt, sich auf eine Unikarriere vorzubereiten. Die war auch für uns interessant, aber sie sollte nicht alles sein.

Habeck: Ich wollte damals Professor werden.

Paluch: Wäre ja auch eine Möglichkeit gewesen. Im Ernst, ich hatte das Gefühl, dass die anderen aus unserem Freundeskreis, der sehr akademisch war, unser Konzept nicht verkraftet haben: etwas anderes wichtig zu finden außerhalb der Uni.

Ist das heute unter Studierenden genauso?

Paluch: Ich höre nur Gegenteiliges. Wenn Frauen an der Uni Kinder kriegen, strafft sich das soziale Gefüge und alle helfen.

Wie lief es mit den Großeltern, haben die sich an ihre Rolle gewöhnt?

Habeck: Als sie ihr Enkelkind zum ersten Mal gesehen haben, war alles gut. Sie haben sich sofort in den Kleinen verknallt.

Paluch: Mit deinem Lebensplan haben sie aber lange gefremdelt.

Habeck: Welchem Plan?

Paluch: Deine Eltern hatten eine klare Vorstellung, was du machen solltest und was nicht.

Was denn?

Na, Karriere!

Das holen Sie doch jetzt nach?

Habeck: Mir geht es nicht darum, Karriere zu machen. Ich fand, sie haben es easy genommen, dass ich Philosophie studiert habe. Da war ja klar, dass ich nicht Apotheker oder Banker werde. Was machst du beruflich mit Philosophie? Aber das nicht zu wissen, war genau das Faszinierende für mich.

Jetzt sind Sie Minister – wie verändert das Ihr Zusammenleben?

Paluch: Wir waren ein abgeschlossenes System, wie ein Uhrwerk. Manchmal wurden wir gefragt, wie wir das überhaupt aushalten. Aber wir kannten es nicht anders und wollten es nicht anders als intensiv. Heute machen wir alle sechs jeweils unser Ding. Es gibt Fixpunkte, da sind wir als Familie zusammen. Es ist anders intensiv. Und als Paar, so ist mein Gefühl, haben wir ein übervolles Zeitkonto.

Zeitkonto?

Paluch: Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht, dass wir nicht danach lechzen, nun ständig zusammen sein zu müssen.

Habeck: Zu Hause wartet jedenfalls keiner mehr auf mich.

Oh je, müssen wir Mitleid haben?

Habeck: Schon. Ich hab es jedenfalls mit mir. Wenn ich weg bin, habe ich noch immer das Gefühl, ein Rabenvater zu sein. Dann bekomme ich Heimweh nach der Familie. Aber wenn ich voller Sehnsucht nach Hause komme, sind die Jungs beim Handball, Andrea bei Redaktionssitzungen und auf dem Tisch liegt ein Zettel: „Robert, kannst du die Katzen füttern?“

Paluch: Es gibt eben keine Betreuungszeit mehr, Familie ist zusammen chillen. Wir lassen los und akzeptieren, dass man die Kinder in die Selbstständigkeit begleitet.

Habeck: Wir haben eine Facebook-Gruppe.

Paluch: … Family-Gruppe …

Habeck: Da kommunizieren wir. Ich weiß nicht, wie das in anderen Familien ist, aber bei uns ist es effektiver, so mitzuteilen, dass das Essen fertig ist, als zu brüllen. Die haben alle Kopfhörer auf. Erst dachte ich, wie blöd ist das denn, du sprichst mit deinen Kindern über Facebook-Messenger! Aber es gibt eine merkwürdige Internetauthentizität, über die fühlt man sich sehr nahe. Vor allem wenn man nicht im Haus ist. Die Kinder schreiben genauso, wie sie reden. Meist schreiben sie auch mehr, als sie reden.

Paluch: Und Robert ist in Kiel oder Berlin und kann das alles verfolgen, wie bei einer Live-Cam.

Ersetzt Technik Anwesenheit?

Habeck: Ganz ohne geht es nicht. Ich versuche auch in meinem Ministerium möglich zu machen, dass Arbeit und Familien vereinbart werden können, aber schwierige Entscheidungen müssen in einer Live-Situation getroffen werden. In den Verwaltungen ist die Anwesenheitskultur vorherrschend, und ich verstehe auch warum. Ohne Präsenz gibt es keine Entscheidungen. Aber neue Zeiten müssen auch neue Vereinbarkeitskulturen ermöglichen.

Es ist für Abgeordnete ja schon schwierig bis unmöglich, Elternzeit zu nehmen.

Habeck: Ja, es ist schwierig. Und ein blinder Fleck in der Politik. Wir reden viel von Vereinbarkeit und leben oft ein ziemlich familienfeindliches Leben. Aber es wird besser. Die Grünen-Fraktion im Bundestag kriegt es, soweit ich sehe, gerade ganz gut hin, all die jungen Eltern Eltern sein zu lassen und trotzdem die Arbeit zu schaffen.

Angela Merkel scheint in der Hinsicht auch eine gute Chefin zu sein, es gab noch nie so viele Kinder im Kanzleramt. Stimmen die schwarz-grünen Ambitionen, die Ihnen oft zugeschrieben werden?

Habeck: Die kommen wohl daher, dass ich vorgegebene Schablonen nur schwer akzeptiere, und vor ein paar Jahren stand Schwarz-Grün dafür, alte Gegensätze zu überwinden. Heute hat sich das geändert. Es klingt für mich eher wie grenzenlose Entpolitisierung. Alle können mit allen, alles ist gleich wichtig. Schwarz-Grün hieße ja auch CSU, und nicht nur familienpolitisch geht mit der gar nichts zusammen – vom Betreuungsgeld über die Energiewende zur Flüchtlingspolitik.

Wenn Sie beide sich als Großeltern vorstellen: Glauben Sie, dass Ihre Kinder mit ihren zukünftigen Familien eine bessere Infrastruktur vorfinden werden?

Habeck: Da bin ich sicher.

Paluch: Einer unserer Jungs hat gesagt, er kriege keine Kinder. Damit nehme er sich die Möglichkeit, sich zu trennen, und das wolle er nicht.

Man muss es doch anders machen als die Eltern, oder wie war das?

Habeck: Dann wäre ja unsere Liebe schuld an ihrer Untreue.

Paluch: Jedenfalls gibt es ein merkwürdiges Phänomen: Zusammensein wird anders definiert als zu unserer Zeit. Es kommt vor, dass Mädchen bei uns übernachten, aber es nur heißt: gute Freundschaft. Zusammensein scheint mit Ansprüchen verbunden zu sein. Man committet sich, ist sich verpflichtet.

Wie steht es um Ihr Commitment als Paar, entfremdet die Politik?

Habeck: Ich würde Andrea gerne öfter auf Veranstaltungen mitnehmen. Aber da habe ich die falsche Frau für. Die hasst diesen politischen Zirkus.

Paluch: Ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, Robert wieder zu erden, wenn er nach Hause kommt, alleine dieser Politik-Sprech! Schrecklich. Es ist ganz gut, wenn wir in unterschiedlichen Welten leben.

Wenn Sie fordern würden, dass er aufhören sollte – Herr Habeck, würden Sie es machen?

Habeck: Ohne zu zögern.

Paluch: Aber die Sache ist ja, dass er nur Politik macht, weil ich das will.

Habeck: Ich mach das nur, um sie zu beeindrucken.

Paluch: Im Ernst, ich bestärke Robert darin. Es ist wichtig, dass es Politiker gibt, die es nicht nur aus eigenem Machtkalkül machen.

Habeck: Nett, dass du das sagst, aber meine Antwort ist immer noch: Ja. Vorm Loslassen habe ich keine Angst.