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Nach der Geburt: Junge Mütter stehen vor der Frage: Will ich in meinen alten Job zurück?

Mit der Geburt eines Kindes verändert sich alles. Dadurch ergibt sich die Chance, die eigene Lebenssituation zu hinterfragen: Wie will ich in Zukunft leben?

Eine junge Mutter schiebt einen Kinderwagen durch einen Park

Die Zeit hinterm Kinderwagen verbringen Mütter häufig allein, dabei ließe sie sich gut für ein Coaching nutzen – über das neue Rollenverständis als arbeitende Mutter und den beruflichen Wiedereinstieg

Getty Images

Ende 2016 hat Julia Oellingrath ein Baby bekommen. Sie ging in Elternzeit und sehr viel spazieren. Jeden Tag, denn Babys schlafen gerne und gut, wenn sie an der frischen Luft sind und der Kinderwagen beruhigend unter ihnen rollt. Zumindest war es bei Oellingraths Baby so. Meistens war sie allein unterwegs, denn für ihre Freundinnen ging der berufliche Alltag ja ganz normal weiter. Oellingrath hatte Zeit, sich Gedanken zu machen, wie es für sie weitergehen würde, beruflich. Denn als junge Mutter verändert sich das Leben gravierend.

Eines Tages traf sie unterwegs eine Bekannte, die auch gerade ein Kind bekommen hatte. Sie schoben also beide ihre Kinderwagen und haben sich lange unterhalten. Am Tag darauf fragte die Bekannte, ob Oellingrath sich vorstellen könnte, sie beim Kinderwagenschieben zu coachen, während die Kinder schlafen. Sie hatte Bedarf wegen eines anstehenden Jobtermins, der noch in der Elternzeit lag. "Gehen ist ein legitimes Instrument, das nutzen auch andere Coaches innerhalb ihrer Arbeit mit Kunden", erzählt Oellingrath. "Durch das Gehen kommt man immer noch mal auf andere Gedanken und das Sprechen ist auch anders."

"Es ist eine kreative Zeit"

In der Zeit als junge Mutter haben die meisten Frauen das Bedürfnis, sich auszutauschen, insbesondere wenn es das erste Kind ist. Fremdbestimmt und ferngesteuert fühlen sich viele, deren Tag nun plötzlich von jemand anderem eingeteilt wird. Der Ablauf richtet sich nicht mehr nach den eigenen Bedürfnissen, sondern nach denen des Babys. Hunger? Windel voll? Müde? Es dauert ein bisschen, bis sich das Schreien des Kindes intuitiv richtig interpretieren lässt und das neue Leben sich eingespielt hat. "Hinzu kommt ein neues Rollenverständnis", erklärt Oellingrath, "zumindest für die, die das erste Mal Mutter sind." Frau, Mutter – und bald wieder Kollegin?

Die Berlinerin erklärt: "Weil man oft allein ist mit diesen Gedanken, dachte ich, das Coachen beim Kinderwagenschieben ist eigentlich eine Marktlücke. Denn Zeit für ein Coaching in einem Raum habe ich meist nicht, dann müssten sie ein noch sehr kleines Kind unterbringen." Beim gemeinsamen Spazierengehen stellt sich dieses Problem nicht. Inzwischen hat die Marktlücke einen Namen: Ge(h)danken.

Julia Oellingrath verteilt ihre Akquise-Karten auf "ihrem Kiez", am Prenzlauer Berg in Berlin

Julia Oellingrath verteilt ihre Akquise-Karten auf "ihrem Kiez", am Prenzlauer Berg in Berlin

Oft steigen Mütter, die vor der Geburt in einer Festanstellung gearbeitet haben, wieder in ihren alten Beruf ein, meist in Teilzeit. "Trotzdem bleiben auch hier ambivalente Gefühle, ob das alles klappt: Wie kommt das Kind in der Kita zurecht? Wie steige ich wieder ein? Kann ich mich voll darauf konzentrieren? Hat sich in meiner Abwesenheit etwas verändert?", schildert Oellingrath die Sorgen der Frauen. Es gibt aber auch viele, die in der Elternzeit feststellen, dass sie so nicht zurück möchten, wie sie bislang gearbeitet haben. "Kinder wecken noch mal Seiten an einem, die man so gar nicht kannte. Die Prioritäten verschieben sich", weiß Oellingrath. "Dadurch entsteht oft etwas Kreatives, was vermutlich schon immer da war."

"Ein Profi kann anders helfen als eine Freundin"

Oellingrath hat ihre "Ge(h)danken"-Postkarten als Akquisemittel gestaltet und auf "ihrem Kiez" am Prenzlauer Berg verteilt, in Läden mit Kinderbedarf und Kindercafés etc. "Fast alle Betreiber haben gesagt: 'Mein Laden ist in der Elternzeit entstanden.' Da fühlte ich meine These noch einmal bestätigt, dass diese Zeit sehr kreativ ist." Das Kind inspiriert zu Neuem, manche Eltern wagen einen Neuanfang und machen sich zum Beispiel selbstständig. "Andererseits habe ich auch mit der Leitung unserer Krabbelgruppe gesprochen", berichtet Oellingrath. "Sie widerum sagte: 'Es ist manchmal erschreckend. Die Frauen haben super Ideen und stehen dann nach zwei Jahren wieder bei mir mit dem zweiten Kind und haben nichts davon umgesetzt.'" Oellingrath findet es schön, wenn man sich für ein zweites Kind entscheidet, glaubt aber auch, dass die Mütter manchmal allein gelassen sind mit ihren kreativen Ideen. "Und da ist es doch ein schöner Ansatz, sich das in der Zeit genauer anzusehen, in der man es auch empfindet." Und dazu braucht es manchmal mehr als die Meinung einer Freundin oder des Lebenspartners. "Jemanden, mit dem man andere Gespräche führen kann, jemanden, der das Gespräch leitet."

Julia Oellingrath

Julia Oellingrath, 42, ist zertifizierter systemischer Business-Coach und Mediatorin. In ihrer eigenen Elternzeit entstand die Idee, die Zeit hinterm Kinderwagen zu nutzen und in "Ge(h)danken" Müttern ein Coaching für den beruflichen Wiedereinstieg oder Neuanfang anzubieten. Kosten: 80 Euro pro Stunde. Kontakt: oellingrath@ homeofcoaching.com

Einen Rat, der bei allen Müttern funktioniert, hat Julia Oellingrath nicht. "Solche Tipps würde ich nie geben wollen", sagt sie. "Coaching ist das Gespräch, anhand dessen wir entwickeln, was für jemanden gut ist. Der einzige Rat, den man geben kann, ist: Hört auf euch und nehmt euch Zeit, um euch mit diesen Gedanken zu beschäftigen." Sie weiß, wie schwierig es ist, neben all den neuen Pflichten und der Verantwortung für ein Baby, Zeit für sich selbst zu finden. Aber Eigenständigkeit sei ja schließlich auch eine Qualität, mit der man seinem Kind ein gutes Vorbild sein kann.

Oellingrath ist immer wieder begeistert, wenn sie sieht, was ein Coaching bewirkt: "Ich habe Frauen mit zwei bis vier Coachings begleitet und es ist toll zu sehen, was sich verändert. Es passiert so viel durch kleine Schritte, dass danach oft eine ganz andere Person vor einem steht. Viel selbstbewusster, weil das Klarsehen hilft, um weiterzugehen." Ihre Coachingerfahrungen sammelt Oellingrath seit sechs Jahren, oft beim Konfliktmanagement in Firmen, zwischen Angestellten oder Abteilungen. Zudem organisiert sie Teambuildings mit Kommunikationsseminaren und Präventiv-Konfliktmanagement. "Im Coaching geht auch immer um innere Konflikte und es ist gut, die als Herausforderung zu sehen und als Chance", kommt Oellingrath auf die "Ge(h)danken" zurück. "Und gerade in der Elternzeit hat man viele innere Konflikte und es besteht eine große Chance, über sich hinaus zu wachsen."

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