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Kinderarmut: "Armut ist ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist" - eine Alleinerziehende klagt an

Ein 13-Jähriger, der seine Mutter nicht um zwei Euro für Schulessen bitten mag - das ist das Thema von drei bewegenden Tweets. Geschrieben hat sie die alleinerziehende Mutter Fanny H. Im Interview erklärt sie, was gegen Kinderarmut helfen würde.

Fanny H. 

Drei Tweets. Mehr braucht Fanny H. nicht, um drastisch zu zeigen, welche Folgen Armut für hat. Denn der Sohn der alleinerziehenden Mutter aus Köln traute sich nicht, sie um zwei Euro für Schulessen zu bitten. Der Dreizehnjährige ging davon aus, dass diese zwei Euro pro Woche mehr sind, als seine Mutter ihm geben kann. Fanny H. ist gelernte Krankenschwester und studiert gerade Soziale Arbeit, ihren Sohn und sich hält sie mit ALG II und einem Minijob über Wasser.

Wie es zu den drei bewegenden Tweets kam und wo sie Armut am deutlichsten spürt, erklärt Fanny H. im Interview.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Ihr Sohn Ihnen gesagt hat, dass er sich Geld für leiht, weil er Sie nicht um zwei Euro bitten mag?

Ich habe mich hilflos gefühlt, weil mir erneut bewusst wurde, was mit meinem Kind anstellt: Er hat ständig das Gefühl, eine Belastung zu sein, berechnen zu müssen, was finanziell möglich ist und was eben nicht.

Gleichzeitig habe ich mich ein wenig über den Gruppendruck geärgert, da er sich ja von Zuhause Essen mitnimmt. Mitgebrachte Brote machen zwar satt, sind aber uncool.

Was haben Sie ihm geantwortet?

Dass er mich fragen kann, denn acht Euro im Monat dafür auszugeben, ist für uns machbar. Außerdem habe ich ihm erklärt, dass sich zu verschulden eine schlechte Option sei.

Haben Sie die Reaktionen auf Ihre Tweets überrascht?

Nein, denn ich schreibe häufiger über . Einer meiner Tweets über eine andere Situation hat binnen 24 Stunden mehr als 3000 positive Reaktionen bekommen. Auf Twitter finden sich viele Alleinerziehende, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie wir. Was mich allerdings freut, ist die Solidarität - und dass es erstaunlich wenig Hasskommentare gab bisher.

In welchen Situationen ist es am schwierigsten, mit wenig Geld auszukommen?

Armut umfasst alle Bereiche des Lebens, sie ist weder Lifestyle noch Schuldfrage, sondern ein Systemfehler. Ich möchte ein paar Situationen beschreiben: Es gibt die Möglichkeit, ein Schülerticket finanziert zu bekommen - aber nur für die nächstgelegene Schule. Da fallen wir raus. Mit einem Tagesbudget von maximal 25 Euro ist es quasi unmöglich, ein Monatsticket für 35 Euro zu finanzieren.

Ein anderes Problem sind Schulausflüge und Klassenfahrten. Bisher waren die Kosten für uns noch immer irgendwie finanzierbar, aber mich stört die fehlende Feinfühligkeit der Lehrkräfte, die die Ausflüge planen. Und die meisten Familien scheinen das Budget zu haben.

Allein die Schulbücher kosten im laufenden Schuljahr etwa 120 Euro. Das ist genau der Betrag, der laut für alle Schulmaterialien vorgesehen ist. Für Stifte und Blöcke ist also kein Geld da. Ich hoffe immer, nicht am Ende des Monats krank zu werden. Denn dann sind sogar fünf Euro Zuzahlung für Medikamente zuviel. Dank einer Spende konnten wir drei Tage an die Ostsee fahren. Mein Sohn war da zum allerersten Mal am Meer. Vorher sind wir nie zusammen länger als eine Nacht verreist. Aber Reisen bedeutet Bildung. Armut verhindert Teilhabe. Es gibt keine Chancengleichheit in diesem Land.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit es in Deutschland weniger Kinderarmut gibt?

Es fängt bei der Unmöglichkeit an, über das Existenzminimum hinaus Geld verdienen zu dürfen: Ich darf zu ALG II 100 Euro dazuverdienen. Alles andere wird zu 80 Prozent angerechnet, Kindergeld oder möglicher Unterhaltsvorschuss werden zu 100 Prozent abgezogen. Ich kann nur studieren, weil meine Mutter die Kosten trägt.

Ansonsten ist Armut ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist. Da meine Stadt die Betreuung an weiterführenden Schulen nicht trägt, kommt mein Kind um 14 Uhr nach Hause. Hätte ich ausreichende Betreuung, könnte ich womöglich Vollzeit studieren und auch noch 450 Euro dazuverdienen.

Es ist unfassbar, wie wenig in Kinder investiert wird. Eltern, die trotz Arbeit auf ALG II-Niveau leben, bekommen keine staatlichen Hilfen wie etwa das Bildungspaket. So gibt es Kinder, die keine Möglichkeit haben, kostenfreies Essen oder Nachhilfe zu bekommen. Betreuung muss umfassender und bezahlbarer werden. Dass Ferienprogramme über 100 Euro pro Woche kosten, ist unmöglich. Der Betreuungsbedarf endet schließlich nicht nach der Grundschule.

Haben Sie Hoffnung, dass die Politik künftig mehr gegen Kinderarmut unternimmt?

Ich glaube, dass die Regierung keine andere Wahl hat, als mehr gegen Kinderarmut zu unternehmen, wenn sie nicht will, dass ihr alles um die Ohren fliegt. Schon jetzt fangen rechte Parteien Wähler mit leeren Versprechungen, deswegen täte die Politik gut daran, etwas zu ändern.

Da Bildung aber Ländersache ist, hoffe ich, dass sich in Nordrhein-Westfalen bald etwas tut. Auch die vorherige Landesregierung hat wenig bewegt, obwohl die SPD sich damals "kein Kind soll zurückbleiben" groß auf die Fahnen geschrieben hatte.

Fanny H. 
Interview: Thomas Krause