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Einsamer Vater: 30 Frauen in 14 Tagen: Protokoll eines Dating-Marathons

Sein Familienleben mit Ehefrau und kleiner Tochter ist gerade zerbrochen. Um seine Einsamkeit zu bekämpfen, begibt sich unser Autor auf einen Dating-Marathon. Und erlebt eine echte Überraschung: Es wirkt – jedoch anders als gedacht.

Von Sebastian Walter

30 Frauen in 14 Tagen: Protokoll eines Dating-Marathons

Nach links wischen, nach rechts wischen: "Bestätigung, dachte ich, ist eine harte Droge", schreibt unser Autor über Dating-Apps in seinem Protokoll (Symbolbild)

Bei Nummer 27 wusste ich: Das wird so nichts. Es war einer dieser Hochsommerabende, an denen man bis tief in die Nacht im dünnen Shirt vor einer Bar sitzen konnte, als ich merkte, dass ich keine neuen Frauen mehr kennenlernen wollte. Und das lag nicht an Karla.

Karla war hübsch, Karla war klug, Karla war lustig. Wir saßen vor einem kleinen italienischen , tranken Negroni, erzählten von unseren Jobs, von den Reisen, die wir geplant hatten, von Büchern, die wir mochten. Es war nett. Nett aber ist schlimmer als schlimm. Schlimm hat wenigstens noch Relevanz. Nett aber ist langweilig. Ich brachte Karla zur Bahn und dachte darüber nach, wie aus all dieser Nettigkeit etwas Aufregendes werden könnte: Schnaps? Mit dem Taxi und einer Flasche Champagner über die Stadtautobahn rasen und den Taxifahrer zwingen, sehr laut The Libertines zu spielen? Ich merkte: Selbst wenn es ginge, ich wollte gar nicht.

Ich wusste, ich wollte keine Frauen kennenlernen

Zum Abschied umarmten wir uns, ich spürte ihre Unsicherheit durch unsere Shirts, und als ihre Straßenbahn außer Sichtweite war, kaufte ich mir ein an einem Kiosk, setzte mich in meinen Hinterhof und starrte unglücklich in den Himmel. Ich wusste, dass ich mich nicht mehr mit hübschen jungen Frauen treffen wollte. Ich wusste, dass ich, wenn ich ehrlich war, überhaupt keine Frauen kennenlernen wollte. Denn ich wusste nicht, wozu.

Der Grund dafür war so einfach wie traurig: Ich war verheiratet, Vater einer kleinen Tochter und vor wenigen Monaten von meiner Frau verlassen worden. Ich hatte immer geglaubt, die Familie sei es wert, um sie zu kämpfen, dass die Beziehung zu retten sei, mit etwas Geduld, viel Liebe und Entschlossenheit. Vergeblich.

Ich hatte in den Monaten zuvor mit Sicherheit zu viel geweint, mit großer Wahrscheinlichkeit zu viel getrunken und war gewiss auch viel zu tief in Selbstmitleid, Trauer und Ratlosigkeit versunken, als mein Freund David irgendwann zu mir sagte: "Sebastian, das muss aufhören. Sie kommt nicht zurück. Und du musst aufhören, in Selbstmitleid zu versinken. Du musst raus aus deiner Höhle."

"Du meinst, ich muss unter Leute?", fragte ich zurück. Ich hatte mich nun wirklich nicht zu wenig in Bars herumgetrieben. "Du musst unter Frauen", antwortete David, und ich hätte ihm fast eine gescheuert. Aber er hatte recht.

Angesoffenes Rumgeflirte, flüchtiger Kuss

David hatte auch sofort eine Art Taktik parat: Ich sollte nicht viel nachdenken, sondern machen. Ich sollte möglichst viele Frauen kennenlernen, einfach um, wie er das nannte, mein "Mojo wiederzufinden". Ich atmete durch und beschloss, möglichst viele Frauen kennenzulernen, möglichst schnell. Ich entschied mich für eine absurde Zahl: 30 Frauen in zwei Wochen. Eine Art Bootcamp-Dating. David lachte: "Eine Mischung aus und Freeletics!" Ich lachte mit. Am nächsten Tag verabredete ich mich das erste Mal seit fünf Jahren mit einer Frau, mit der Möglichkeit, mindestens zu knutschen.

#1 Alexa

Alexa war das, was man im Englischen eine "low-hanging fruit" nennt: Wir kannten uns eine ganze Weile, und dass wir uns ganz gut fanden, war klar. Sie war am für einen Kongress in Berlin, und ich wartete im Park vor ihrem Hotel mit zwei Bierdosen. Im Halbdunkel kam Alexa auf mich zu, sagte "Hey" und küsste mich, noch ehe ich das Bier aus der Jacke ziehen konnte. Wir schlenderten an der Spree entlang, knutschten ein bisschen und redeten klugen Unsinn. Dann musste Alexa ins Bett. Der Kongress, klar, aber auch das Gefühl: Besser würde es wohl nicht werden.

#2 Lara

Bei einer Party über den Weg gelaufen, angesoffenes Rumgeflirte, zum Abschied ein flüchtiger Kuss, aber zu offensichtlicher Knall.

Angetan von den schnellen Erfolgen fing ich an, auf Tinder und Okcupid rumzuhängen. Ich begann, in der U-Bahn und am Bahnhof Frauen gedanklich nach links und rechts zu wischen. Mein Herz schlug schneller, wenn sich eines der Programme mit einem Treffer meldete. Bestätigung, dachte ich, ist eine harte Droge. Vor allem wenn gerade alles, was einem einmal wichtig war, zerfällt. Ein Thema, das ich bei meinen Dates auszuklammern beschloss.

Und dann saß ich da, vor den sorgsam ausgesuchten Fotos und den mehr oder minder geistreichen oder immerhin witzigen Einträgen in den Profilen, und suchte so etwas wie einen Gesprächsanlass. Ich tippte, ich löschte, ich googelte Tipps und rief David an. "Es gibt zwei Varianten", sagte David und klang furchtbar klug: "Entweder du machst einen auf lässig und schreibst ‚Wie geht’s, was machst du?‘ – oder du machst sofort einen konkreten Vorschlag." – "Wie, Vorschlag?", fragte ich. David seufzte: "Irgendwas, was du magst!" Kurz überlegte ich, wie psycho ich es wohl fände, wenn mich eine Wildfremde fragen würde, ob ich mit ihr ein Wochenende nach, sagen wir, Minsk fahren würde. Jetzt seufzte ich und sagte: "Ich mag Negroni." – "Dann schreib das", sagte David.

#7 Sophie

Am nächsten Tag stand ich in einer Bar und suchte angestrengt nach einem Mädchen, das gerade auf Besuch in Berlin war und ihrem Bild auf Tinder ähnlich sehen könnte. Sophie hatte zwei Bier und zwei Schnäpse in der Hand, schaffte es aber trotzdem, mich zu umarmen, und stellte sich als Königin des anzüglichen Small Talks heraus. Es dauerte keine 15 Minuten, bis wir über Gruppensex sprachen, über Treue und darüber, wie ihre Freundin Leah herausgefunden hatte, dass sie lesbisch war. Später landeten wir in einem Houseclub. Dort fuhr sie mir durch die Haare und küsste mich, sehr vorsichtig und überraschend schüchtern. Dann sagte sie: "I have a boyfriend, actually", und lachte. Ich war einfach die letzte Berliner Sehenswürdigkeit auf ihrer Liste.

#12 Nadja

Nadja und ich waren uns bei einem Branchenmeeting über den Weg gelaufen, hatten hinterher zur Desinfektion von all dem Arbeitsgeschwätz Bier in Punkkneipen getrunken, waren durch die nächtliche Stadt spaziert, als irgendwann mein Verstand einsetzte und ich mich verabschiedete. Tatsächlich musste ich am nächsten Tag furchtbar früh aufstehen, ein blöder Termin – aber keine fünf Minuten, nachdem wir uns mit einer etwas zu langen Umarmung verabschiedet hatten, saß ich auf einer Bank und tüftelte an einer Nachricht. Schließlich schrieb ich: "Ich wäre sehr gerne mit dir bis zum Morgen durch die Stadt spaziert. PS: Fuck Professionalism." Drei Minuten später antwortete Nadja: "Wo treffen wir uns? 30 Minuten?"

#15 Emma

Wir trafen uns in Kreuzberg, nicht weit vom Kanal, direkt nach der Arbeit. Emma brachte kaltes Bier, ich die Sonne, das war der Deal. Wie an diesem Abend überhaupt alles angenehm einfach war: Emma lacht sehr, sehr gerne, ohne aufgekratzt zu sein. Wir sprachen überraschend schnell über die blödesten Arten, Beziehungen zu beenden, saßen kurz vor Mitternacht noch in einem kleinen Tapaslokal und trafen uns dann trotzdem nicht wieder.

Ein paar Tage später saß ich mit David in einer Bar. "Wie läuft’s?", fragte David. "Gut", sagte ich und spulte in Bullet Points die Statistik herunter: soundso viele Dates, so oft geknutscht und so weiter. "Und, wie fühlt es sich an?", fragte David. Ich schwieg. Dann erzählte ich ihm, was mein Problem war: dass ich nicht wusste, was ich wollte.

Einerseits, hatte ich gemerkt, wollte ich einfach nur Bestätigung. So verwerflich und billig das klingen mag, es fühlte sich gut an, gemocht zu werden. Während ich tagsüber noch immer oft schwer atmend an meinem Schreibtisch saß und nicht begriff, dass ich gerade ein neues Bett bestellt, eine Scheidungsanwältin angeheuert und einen Termin beim Jugendamt vereinbart hatte, war ich abends oft seltsam fröhlich.

Das führt nirgends hin, außer vielleicht in die Kiste

Andererseits hatte ich auch gemerkt: All das führt nirgends hin, außer vielleicht einmal in die Kiste. Es gab diesen Moment, als ich im Bett lag und Tinder-Profile nach links und rechts schob und merkte, dass ich nicht mehr für mich suchte – sondern für meine Tochter.

Ja, es war einfacher als gedacht, zufällig irgendwelche Frauen kennenzulernen. Wie aber findet man eine Frau, die zur Tochter passt – und die man wahnsinnig heiß findet und die, ein Ding der Unmöglichkeit, Lust auf einen Mann mit Kind hat? Aber noch wollte ich nicht aufgeben.

#21 Anna

Dass ich Anna küssen wollen würde, wusste ich. Ich hatte es vor Jahren schon einmal getan und war dann blöderweise in eine bescheuerte Beziehung hineingestolpert. Jetzt saß ich am Kanal, zwei Bier neben mir, und wartete im Sonnenuntergang. Und wartete. Und wartete. Dann trank ich die Bier recht schnell aus und löschte Annas Kontakt aus dem Telefon.

#27 Karla

Ein paar Tage später stand ich mit Nummer 27 in einer Bar in Kreuzberg und spürte nur noch Erschöpfung. Karla konnte nichts dafür. Dass das mit uns nicht die große Liebe sein würde, hatten wir vermutlich beide gemerkt. Aber aus Gründen, die ich selbst nicht verstand, taten wir so, als gäbe es irgendwo noch einen versteckten Eingang zu unserer gemeinsamen Ebene. Ich bezahlte die Getränke und brachte sie zur Straßenbahn.

David hatte recht, trotzdem brach ich das Experiment ab. Ich konnte einfach keine kleinen Witze und keine großen Pläne mehr von mir geben. Falls ich wieder in Einsamkeit zu versinken drohte, wusste ich jetzt ja ein Gegenmittel.

Eigentlich aber, wusste ich, wollte ich etwas anderes: Ich suchte eine Frau, die mich nicht nur lustig und aufregend fand. Sondern eine Frau, die mich mit meinem Kind und meiner kompletten vertrackten Situation wollte. Woher diese Frau kommen sollte? Ich hatte keine Ahnung. Aber ich wusste: Ich würde noch eine ganze Menge an Aufräumarbeiten zu erledigen haben, bis ich dafür überhaupt selbst bereit war. Später am Tag löste ich das gemeinsame Konto mit meiner Ex-Frau auf und beantragte getrennte Steuerklassen. Dann löschte ich meine Profile bei Okcupid und Tinder.

SEBASTIAN WALTER, 38, ist ein mit Preisen ausgezeichneter Journalist – allerdings unter anderem Namen. Für diese Geschichte will er lieber anonym bleiben. Nicht nur wegen der laufenden Scheidung, auch zum Schutz seiner kleinen Tochter.