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Aus dem Leben einer Mutter

Urlaub mit Kindern: "Mama, ich will zu Oma nach Mallorca!": Wieso müssen wir jedes Jahr das Gleiche machen?

Von wegen Rucksack packen und rein ins Abenteuer? Kinder wollen am liebsten das, was sie schon kennen. Zu Oma nach Mallorca auf den Berg. Wie oft kann man den gleichen Urlaub machen, ohne dass es langweilig wird?

Von Andrea Müller

Kind am Strand

Abenteuer? Wandern? Meine Kinder wollen lieber an den Strand. (Symbolbild)

Unsplash

Etwa im Mai kam mir die Idee, meinen Kindern für den Sommer eine Abenteuer-Reise vorzuschlagen. Irgendwas mit Campen, Wandern, Wüste und Kamelen, jedenfalls etwas, was wir noch nie gemacht haben. Das Ergebnis war erschütternd. Sie wollten "nichts Neues" und schon gar keine Experimente. "Mama, wer weiß, ob wir da fließend Wasser haben!" sagt der Große, der Kleine will "auf jeden Fall zu Max (thailändischer Labrador-Mischling) und Hanni (Omas Mops)", auf Omas Berg, im Fischerdorf auf Mallorca. Praktisch, einerseits: so werden übernachtungstechnisch preiswert und Besuche bei der Großmutter abgehakt. Läuft also wieder alles drauf hinaus, dass wir das Gleiche tun wie im letzten, vorletzten und vorvorletzten Jahr: Urlaub auf Mallorca.

Merkwürdig aber: Sind meine Spießer? Sie wollen ja gerne immer das, was sie schon kennen, Ben schaut mitunter sieben mal denselben Film. Es beruhigt ihn, wenn er weiß, wie er endet. Auf unserem Berg in unserem Fischerort läuft immer der gleiche Film. 

Es riecht es nach Pinien, und Omas Mandelkuchen, unten an der Mole steht "Bens Leuchtturm" und die, zugegeben, atemberaubende Aussicht ist fixiertes Gemälde in meinem Kopf. Der Große besteht auf "Ensaimadas von La Consigna", wo auch Dieter Bohlen seine Frühstücksbrötchen holt. Geschmacksache, klar, jedoch verzeihlich für einen 14-Jährigen, der sich dort als Residentenenkel fühlt. 

Die Protagonisten auf der Promenade tragen , Versace und Pomade, für das Preis-Leistungs-Verhältnis der Restaurants fehlen einem oft die Worte. Und doch ist so ein Abend unbezahlbar. An Lebenserfahrung, vor allem für die Kinder.

"Unser" Dorf ist inzwischen zu voll, zu heiß und zu teuer 

Ben liebt "Maria de la Carmen" mit der Prozession der Fischerboote mitsamt Heiligenfigur auf dem Meer, aber leider auch den Kirmesbuden mit China-Plastik-Scheiß drumherum. Er freut sich über "die vielen tollen, bunten Mädchen mit Glitzernägeln, die sich an den Armen von ihren Papas festhalten." Da klärt Caspar seinen erstmal auf: "Nicht dein Ernst, Ben! Das sind doch nicht die Väter von denen! Und festhalten müssen die sich nur, weil die Stöcke unter ihren Schuhen sonst zwischen den schiefen Steinen hängenbleiben."

Okay, echt nichts gegen "unser Dorf". Aber inzwischen sind Sommer dort zu voll, zu heiß und zu teuer, der Weg zum Strand zu weit. Unser einst grüner Hügel ist inzwischen mit Luxusvillen zubetoniert, Schwarzgeld oder nicht, das juckt hier längst keinen mehr. Touristenbusse speien täglich hunderte Geissen-Verschnitte auf die Hafenpromenade, die halt auch mal am Nebentisch von Helene Fischer in "Tim's Bar" bei 18-Euro-Nudeln gegen die Live-Musik anbrüllen wollen. Rund 2000 deutsche (Sommer-)Residenten und doppelt so viele Touristen betreiben dort Subkultur in Reinform, man spricht deutsch, englisch und französisch, und seit neuestem sogar russisch. 

Ben will wissen, warum unser Dorf immer voller wird. Ein Resident der ersten Stunde erklärt es ihm: Wenn große Tiere durch den Ort gehen, werden sie eben immer von Fliegen verfolgt.   

"Also meinst du zum Beispiel Esel?" fragt Ben den Mann, der jetzt auch los muss, weil er gleich die Mahagoni-Koje einer Fünf-Millionen-Yacht polieren muss. Esel ja, haha, sagt der Mann. Aber irgendwer müsse sich ja der Dinge annehmen, die der Einheimische aufgrund von Sprachbarrieren nicht wuppt. "Meinst du, alle hier müssen Deutsch können?" fragt Ben. Danach erzählt Ben seinem Bruder, wie man hier erfolgreich leben kann. Man müsse nicht mal Spanisch lernen, in dem Fischerdorf, sondern nur bei einem reichen Esel Boote putzen, der einem dann seinen Lamborghini leiht. Den müsse er nur so parken, dass alle denken, der Lamborghini gehöre ihm. Und am besten auch das Boot. "Und dann?" fragt Caspar. Weiter weiß Ben dann auch nicht. Aber wenn alle denken, man wäre reich, wäre das ja schonmal was, findet Ben. Das Grundprinzip des Ortes hat er jedenfalls verstanden. Angeben!

Die Events des Urlaubs werden mit der Handykamera festgehalten 

Danach zählen die Jungs zum geschätzt zwanzigsten mal von der Terrasse aus Fischerboote, die immer gegen 17 Uhr mit surrenden Motoren wie Heile-Welt-Symbole zurück in den Hafen tuckern. Im letzten Jahr war es noch eines mehr. Das Event wird jährlich aufs Neue von mir mit der Handykamera verewigt. 

Wenn die Fischer den Fang des Tages in Kisten mit Eis verladen. Die Jungs  am Leuchtturm beim Cashern. Wie sie vom Segelboot von Freunden Wasserbomben werfen. Wie sie am Pool den Rückwärtsköpper und den Sprung am Felsen von immer weiter oben üben.

Wirklich nichts gegen unseren Logenplatz am Berg. Bis vor kurzem war ich wie meine Kinder, voller Rührung über jede Lücke im Kopfsteinpflaster, die ich persönlich kannte. Heute denke ich mit Wehmut an das Morgengrauen, als ich mit einer Freundin aus der Dorfdisco kam. Die Fischerboote fuhren gerade unter kreisenden Möwen über mondhelle Wellen im Hafen ins schwarze Meer hinaus, als wir uns auf irgendeiner Yacht schlafen legten, weil uns der Berg, auf den wir mussten, auf einmal so hoch vorkam. Betrunken, wie wir waren.

Seit ich Mutter bin, komme ich nie mehr morgens aus der Dorfdisco. Den Kindern hab ich erzählt, wie wir damals unter einer englischen Flagge aufwachten, wie ein Engländer uns mit einer Tüte Croissants in der Hand zum Frühstück begrüßte, anstatt die Polizei zu rufen. "Wo ist denn die Yacht, wo Engländer umsonst Croissants austeilen, Mama?" will Ben wissen. "Weißt Du, damals als Du so betrunken warst..." Ach, Klappe Ben. Lange her, sage ich. "Als ob!" sagt Ben und fragt, ob der Engländer mit der Yacht noch lebt. Oder ob die Yacht heute in Hamburg im Museumshafen steht. 

Im Urlaub bin ich meinem Sohn ziemlich peinlich

Heute verlassen wir als Familie den Ort spätestens um 22 Uhr nach dem Dinner in Richtung Berg, schimpfen über die Rechnung und wälzen, auf der Terrasse mit Blick Geschichten aus alten Zeiten. Die trotz unveränderter Kulisse nicht wiederholbar sind. Die Kinder streiten noch ein bisschen, wer später dann Yachtbesitzer oder nur Ganzjahres-Hausmeister wird. Also Esel oder nur Fliege. Wenn sie groß sind, wollen sie jedenfalls kein Mädchen mit Glitzer-Schuhen am Arm, wo sie "immer nur von der die Absätze aus den Rillen ziehen müssen!". Ben will lieber eine Frau, die Mandelkuchen backt, wie Oma. Oder eine Eisdielenbesitzerin. Caspar will eigentlich gar keine Frau. Zumindest keine, die von höheren Felsenstellen springt als er selbst, wie die Sprung-Amazonen, die ich ein paarmal per Handy beim Rückwärts-Salto gefilmt habe. Heimlich, versteht sich, was Caspar so "saupeinlich" fand, dass er nur hoffen kann, dass sie ihn nicht als Sohn der "Handy-Stalkerin" identifiziert haben. Meinen Vorschlag, sie anzusprechen, fand Caspar absurd. 

Auch deswegen will er wiederkommen, im nächsten Jahr. Bis dahin traut er sich vielleicht. Am besten mit einem Kumpel. So gesehen bleibt Mallorca für die Jungs weiter spannend. Trotzdem schlage ich den Kindern beizeiten einen richtigen Abenteuer-Urlaub vor. Ohne Glitzer-High-Heels auf Kopfsteinpflaster.