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Vorlesegeschichte: Die Schildkröte Roswitha

Eine Vorlesegeschichte von Paul Maar | Vorlesezeit: 8 Minuten | für Kinder ab 5 Jahren

Vorlesegeschichte Paul Maar

Heutzutage gibt es nicht mehr viele Königinnen und Könige. Früher war das anders. Da hatte jedes Land einen König, auch wenn es kaum größer war als ein Fußballplatz.

Kinder von Königinnen und Königen werden automatisch Prinzen oder Prinzessinnen, ob sie das wollen oder nicht. Deshalb gab es auch viele Prinzessinnen. Eine davon war Beate Aurora Christiane Anna-Luise von Hohenberg-Tiefental. Prinzessinnen haben nämlich immer ganz besonders lange Namen.

Ihr Vater fand, es sei Zeitverschwendung, wenn er nach der Prinzessin rief und dabei alle ihre Vornamen aufzählen musste. Also: "Beate Aurora Christiane Anna-Luise: Essen kommen!" Deswegen kürzte er den Namen ab und nannte seine Tochter einfach Bea.

Prinzessin Bea hatte einige Haustiere. Zum Beispiel einen Papagei, der "Ping-pong, ping-pong" rufen konnte. Dann noch einen Zwergpudel und eine afrikanische Springmaus. Aber am liebsten mochte sie ihre Schildkröte, der sie den Namen "Roswitha" gegeben hatte.

Roswitha hatte einen goldenen Rücken, genauer gesagt: einen goldenen Rückenpanzer.

Vor einem halben Jahr hatte der König nämlich seine Tochter gefragt: "Bea, was wünschst du dir denn zu deinem achten Geburtstag?", und sie hatte geantwortet: "Ich wünsche mir, dass meine Roswitha einen echt goldenen Rücken hat."

Und weil der König seiner Tochter nichts abschlagen konnte, bekam der königliche Hofmaler den Auftrag, Roswithas Rücken golden anzumalen.

Die Schildkröte Roswitha war sehr stolz auf ihren Goldrücken. Man kann sogar sagen: Sie wurde ein bisschen eingebildet. Sie liebte es, aus dem Schloss zu krabbeln, wenn draußen die Sonne schien. Dann legte sie sich in den Schlosshof und freute sich, wenn ihr Rücken im Licht glänzte und sich der goldene Widerschein in den Schlossfenstern spiegelte.

Einmal kroch sie wie so oft über den Schlosshof und traf dort die Katze Lilli.

Die Katze fragte: "Was steht denn auf deinem Rücken geschrieben?"

"Da steht nichts geschrieben, dumme Lilli", antwortete die Schildkröte. "Es ist das reine Gold, das in der Sonne glänzt."

"Ich bin überhaupt nicht dumm", sagte die Katze. "Ich weiß ja, dass man dich vergoldet hat. Aber auf die goldene Farbe hat jemand etwas geschrieben."

"Geschrieben?", fragte die Schildkröte aufgeregt. Sie versuchte vergeblich, den Kopf so weit zu heben, dass sie ihren Rücken sehen konnte. "Was steht denn da?"

"Keine Ahnung", sagte die Katze. "Denkst du vielleicht, Katzen können lesen, dumme Schildkröte?"

"Dann muss ich wohl den Hund fragen", sagte Roswitha und kroch zur königlichen Hundehütte.

Natürlich konnte auch der Hund nicht lesen. Aber er wollte es nicht zugeben und sagte: "Ich würde es dir ja gern vorlesen. Aber das Gold glänzt so stark im Sonnenlicht, dass es mich blendet."

"Ich will nicht warten, bis die Sonne untergegangen ist", sagte Roswitha. "Ich werde es mal bei den Pferden versuchen. Im Pferdestall blendet auch kein Sonnenlicht."

"Die Pferde können auch besser von oben auf deinen Panzer sehen", sagte der Hund. "Weil sie höher sind als ich."

"Du musst mir nicht erzählen, wie hoch Pferde sind", sagte die Schildkröte hochnäsig. "Das weiß doch jeder!" Damit kroch sie zum königlichen Reitstall.

Aber da hatte sie auch kein Glück. Sie fragte ein Pferd nach dem anderen. Es war ein großer Reitstall, in dem achtzehn Pferde nebeneinander in Boxen standen. Sie brauchte fast eine Stunde, bis sie alle durchhatte. Aber keines der Pferde konnte sagen, was auf dem Rücken der Schildkröte stand.

Was also sollte sie tun? Eigentlich konnte es ihr egal sein, was da stand. Aber nun war ihre Neugier geweckt und sie musste es unbedingt wissen.

Roswitha kroch aus dem Pferdestall. Im Gebüsch daneben raschelte etwas. Es war eine Maus, die gerade dabei war, ein Stück Käse anzuknabbern, das sie aus der Hofküche geklaut hatte.

Die Schildkröte kam zu ihr hin und fragte gleich: "Kannst du lesen?"

"Ja, ein bisschen", sagte die Maus. Das war aber gelogen und reine Angabe, denn sie kannte gerade mal das große A und das M.

"Sagst du mir, was auf meinem Rücken steht?", fragte sie die Schildkröte.

"Ach, auf deinem Rücken steht etwas?", fragte die Maus zurück.

"Ja!", sagte Roswitha ungeduldig.

"Und was steht da?", fragte die Maus.

"Das sollst du doch mir sagen!", rief die Schildkröte.

"Ich würde es dir ja gern vorlesen", behauptete die Maus. "Aber du bist zu hoch. Ich kann nicht auf deinen Rücken sehen. Am besten, du gehst mal zu den Pferden. Die sind größer."

"Bei denen war ich schon", sagte Roswitha. "Keines von denen konnte lesen."

"Nicht zu glauben!", rief die Maus. "Sind so groß und können noch nicht lesen! Vielleicht solltest du mal ein Schwein fragen."

"Danke für den Tipp", sagte Roswitha und machte sich auf den Weg zu den königlichen Schweineställen.

Die Schweine standen in einer Reihe nebeneinander vor einem großen, gut gefüllten Schweinetrog und fraßen laut schmatzend.

"Hallo, Schweine! Kann mir jemand von euch sagen, was auf meinen Rücken steht?", rief Roswitha.

Die Schweine taten so, als hätten sie die Schildkröte nicht gehört, oder sie hörten sie tatsächlich nicht. Das Schweineschmatzen war wirklich sehr, sehr laut.

"Wer kann mir sagen, was auf meinem Rücken steht?", rief sie noch einmal.

Aber die Schweine beachteten sie nicht und fraßen schmatzend weiter.

"Dann eben nicht!", rief Roswitha ärgerlich und schob sich aus dem Schweinestall. "Saudumme Schweine!", murmelte sie dabei. "Kennen nur ihr Fressen und haben keinen Sinn für Schönheit."

Gleich neben dem Schweinestall traf sie eine Ratte und stellte die Frage, die sie schon allen anderen gestellt hatte. "Kannst du mir sagen, was auf meinem Goldrücken steht?"

"Ist das echtes Gold?", fragte die Ratte zurück.

"Natürlich! Was für eine dumme Frage", sagte Roswitha.

"Gold ist ziemlich wertvoll. Stimmt’s?", fragte die Ratte.

"Ja, sehr wertvoll sogar", antwortete die Schildkröte. "Aber darum geht es doch gar nicht. Ich will wissen, was auf meinem Rücken steht!"

Die Ratte ging nicht darauf ein. "Wenn man an deinem Rücken schabt, müsste man ja das Gold herunterkratzen können", überlegte die Ratte.

"Hüte dich, an meinem Rücken zu kratzen!", rief Roswitha.

"Man wird ja mal fragen dürf ...", fing die Ratte an, hörte auf, drehte sich blitzschnell um, rannte weg und schrie dabei: "Vorsicht! Ein Adler!" Und schon war sie in einem Loch verschwunden.

Hastig zog die Schildkröte den Kopf und die Beine unter ihren Panzer zurück. Das störte den Adler nicht im Geringsten. Mit seinen langen, scharfen Krallen schnappte er sich die Schildkröte und flog mit ihr in die Luft.

Roswitha wusste, was auf sie zukam. Der große Vogel würde höher und höher fliegen, sie dann loslassen, sie würde fallen, beim Aufschlagen würde ihr Panzer zerbrechen und der gemeine Adler würde sie auffressen.

Da ließ er die Schildkröte auch schon aus seinen Krallen. Sie fiel und fiel – und landete ganz weich.

Zufällig war Bea gerade aus dem Schloss gekommen, hatte ihre Schildkröte fallen sehen und sie lässig aufgefangen.

"Danke, Bea, dass du mich gerettet hast!", japste die Schildkröte. Sie war noch ganz außer Atem vor Schreck.

"Hab ich gern gemacht", sagte Bea. "Wieso treibst du dich auch da draußen herum?"

Roswitha sagte: "Weil ich wissen wollte, was auf meinem Rücken steht. Ich habe die Katze gefragt, den Hund, sämtliche Pferde, eine Maus, auch die Schweine und sogar eine Ratte. Aber niemand konnte es mir sagen. Hast du eine Ahnung, wen ich noch fragen könnte?"

"Ja, ich weiß, wen du noch fragen könntest", sagte Bea und lachte laut. "Du solltest mich fragen! Schließlich war ich es ja, die das auf deinen Rücken geschrieben hat."

"Du hast es geschrieben?", fragte Roswitha verblüfft.

"Ja, das habe ich", sagte Bea.

"Sagst du mir bitte, was da steht?", bat die Schildkröte.

"Da steht: ‚Falls diese Schildkröte verloren geht oder sich verläuft: Bitte bei Prinzessin Bea abgeben!‘"

"Ich verstehe", sagte Roswitha und nickte. "Bei Bea abgeben." "Und wie du siehst, hat es funktioniert", sagte Bea zufrieden.

Paul Maar, 80, ist Kinder- und Jugendbuchautor und hat mit dem "Sams" nicht nur einen Klassiker erschaffen, sondern vermutlich jeden Preis bekommen, den es für Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland gibt. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen neben den Geschichten vom Sams die vom Herrn Bello und dem Jungen Lippel. Etliche Schulen sind nach Paul Maar benannt.