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Interview

"Dr. Ruth", Ikone der Aufklärung: Langeweile im Bett? Sex-Expertin sagt, was Paare immer wieder falsch machen

Sie ist eine Ikone der sexuellen Aufklärung: Ruth Westheimer, Paartherapeutin und Autorin von Ratgebern wie "Sex für Dummies". "Dr. Ruth" über Eltern, die nur von den Kindern reden - und was das mit der Libido macht.

Von Julia Meyer-Hermann

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Frau Westheimer, seit Jahrzehnten geben Sie Paaren Nachhilfe im Bett. Hat sich etwas gebessert?

Ruth Westheimer, alias "Dr. Ruth", gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Sexualtherapie

Ruth Westheimer, alias "Dr. Ruth", gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Sexualtherapie

Wir sind viel offener, was sexuelle Fragen angeht. Viele Paare kehren ihre Probleme nicht unters Bett, sondern lassen sich beraten. Es fällt uns heute auch leichter, die Dinge beim Namen zu nennen. Als ich anfing, hatte man noch Hemmungen, von einer Frau zu sagen, dass sie schwanger ist. Heute reden wir über Blowjobs und Analsex, Orgasmusprobleme und Erektionsstörungen.

Das klingt aber auch so, als ob sich die Probleme nicht geändert haben.

Nein, ich bekomme seit Jahrzehnten die gleichen Fragen gestellt, ob in meiner Sprechstunde oder online. Auf meinem Twitteraccount habe ich 87.000 Follower und die meisten wollen wissen: Was tue ich gegen die Langeweile? Was tue ich gegen die Eintönigkeit in meiner Beziehung und das immer gleiche Programm im Bett?

Was raten Sie diesen Menschen?

Lust will gepflegt werden. Immer! Man kann sie nicht zur Seite legen und wieder hervorholen. Gerade junge Eltern vergessen das über ihren neuen Verpflichtungen.

Sex als weiterer Pflichtpunkt auf der elterlichen To-do-Liste?

Als Paar hat man die Verpflichtung, sich das Leben gemeinsam so schön wie möglich zu machen, davon bin ich überzeugt. Ich bin altmodisch, ich bin eine Verfechterin von Monogamie und langjährigen Liebesbeziehungen. Langeweile im Bett entsteht aber nicht durch Vertrautheit – sondern weil man sich nicht ausreichend um die Erotik kümmert. Ist die Unlust erst ins Schlafzimmer eingezogen, wird es schwierig, sie da wieder rauszuschmeißen.

Ein Rat von Therapeuten lautet zu akzeptieren, dass man nicht ewig Sex wie Frischverliebte haben kann.

Das heißt aber nicht, dass man sich im Schlafzimmer langweilen muss! Ich sage es immer wieder: Begreift bitte, dass Sex nicht die natürlichste Sache der Welt ist. Er kommt auch nicht automatisch mit dem richtigen Partner. Man muss um Abwechslung kämpfen! Und da haben wir heute wirklich viel mehr Möglichkeiten als früher. Allein schon die Menge an Sexspielzeug – probiert halt mal was aus, sage ich!

Also Rollenspiele und auch Pornos?

Ja, warum denn nicht? Oft würde es schon helfen, die Basics zu variieren und nicht nur im Bett Sex zu haben. Anregungen kann man sich auch in erotischen Filmen holen. Natürlich muss man sich heraussuchen, was zu einem passt. Man soll sich nicht verbiegen, das ist kontraproduktiv.

Aber was, wenn ein Partner Lust auf Pornos hat und der andere nicht?

Dann soll sich derjenige, der das spannend findet, allein davon anregen lassen. Besser ist es natürlich, sich dann nicht selbst zu befriedigen – jedenfalls nicht immer –, sondern mit dem Partner zu verkehren.

Mahlzeit! Das klingt nach "Appetit holt man sich woanders, aber gegessen wird zu Hause".

Das Gehirn ist das größte sexuelle Organ. Wir alle haben Fantasien, die nichts mit dem Partner zu tun haben. Viele denken beim Sex an völlig realitätsferne Szenarien.


Wie offen soll man damit umgehen?

Wenn die Fantasien eine andere Person betreffen, ist es fast immer besser, den Mund zu halten. Das ist kein Betrug oder ein Grund, die Beziehung anzuzweifeln, aber es kann unnötig verletzen. Wenn es jedoch um Fantasien geht, die eine Veränderung des intimen Arrangements betreffen, kann es anregend sein, sich darüber auszutauschen. Ohnehin reden die meisten Paare viel zu viel über Alltagspflichten. Und Eltern über ihre Kinder. Klar hat das Auswirkungen auf die Libido!

Wer einen abwechslungsreichen Alltag hat, hat mehr Spaß im Bett?

Wer sich und seine Beziehung als interessant empfindet, hat mehr Lust. Wenn der Alltag sterbenslangweilig ist, ist es für mich als Therapeutin hoffnungslos, die Sexualität wiederzubeleben. Ich rate seit Jahren das Gleiche: Nehmt euch Auszeiten. Ihr müsst nicht nach Paris fahren, aber geht einmal pro Woche aus. Ins Kino oder Theater, trinkt ein bisschen zu viel, steigt im Hotel ab, nehmt ein Schaumbad. Redet beim Dinner nicht über eure Kinder! Dahinter setze ich drei Ausrufezeichen.

So einfach?

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