"Führerbunker" Zeitzeuge aus Stahlbeton


Der "Führerbunker" in Berlin - durch Bernd Eichingers Film über Hitlers letzte Tage ist er wieder in aller Munde. Zu sehen gibt es nichts mehr, zu berichten viel. Pikant: In seiner Nähe entsteht das Holocaust-Mahnmal.

Einst noble DDR-Plattenbauten säumen die Gertrud-Kolmar-Straße in Berlin-Mitte, gegenüber stehen die neu erbauten Vertretungen der Bundesländer, ein Sportplatz mit blauem Belag sticht ins Auge. Von weitem hört man die Arbeiter auf der Baustelle des Holocaust-Denkmals. Dazwischen liegt eine kleine Wiese und ein Schotterplatz, notdürftig umfunktioniert zu einem Parkplatz für die Plattenbaubewohner. Weit und breit weist nichts darauf hin, dass hier ein Stück deutscher Geschichte begraben liegt.

Unter dem Parkplatz an der Ecke Gertrud-Kolmar-Straße/In den Ministergärten befinden sich die Überreste des "Führerbunkers". Ungezählte Mythen ranken sich um den Bunker, in dem der Diktator Adolf Hitler 1945 unmittelbar vor Kriegsende Selbstmord beging. Nach wie vor ist umstritten, wie viel von dem Bauwerk noch erhalten ist. Eine der umfassendsten Chroniken der Ereignisse liefert das Buch "Mythos Führerbunker" von Sven Felix Kellerhoff.

Attraktion für Besucher

Als der Bunker, der die letzten Kriegstage in Berlin unbeschadet überstanden hatte, zur Attraktion für westliche Besucher avancierte, beschloss die russische Besatzungsmacht die Sprengung. "Im Spätherbst 1947 schafften sowjetische Soldaten alles an Beutemunition in den Hauptbunker, was sie auftreiben konnten", schreibt Kellerhoff. Der Bunker jedoch überstand die Sprengung am 11. Dezember 1947. Daraufhin wurden die Eingänge mit Sand verfüllt, die oberirdischen Reste blieben aus Kostengründen liegen.

Auch die DDR-Regierung scheiterte an der Beseitigung des widerspenstigen Stahlbeton-Kolosses. Die Sprengung am 18. Juni 1959 missglückte; über den Trümmerresten wurde Erdreich aufgeschüttet. Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 verschwand der Führerbunker im Niemandsland des Todesstreifens. Der Hügel blieb jedoch für West-Berliner von den Aussichtstürmen entlang des Grenzwalls sichtbar. "Statt im Bewusstsein der Berliner zu verblassen, wuchs dieser absolut unzugänglichen Stätte so etwas wie morbider Charme zu", schildert Kellerhoff.

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR untersuchte Mitte der 70er Jahre die Bunkeranlagen im Grenzgebiet, um unterirdische Verbindungen zwischen Ost- und Westteil der Stadt auszuschließen. "Die zahlreichen Bilder der Stasi-Akte über den Führerbunker zeigen eine düstere, rechtwinklige Höhle, in der gewaltige Betonplatten liegen", schreibt Kellerhoff. Zwar hatte die Sprengung von 1947 den Bunker im Inneren zerstört, Hauptdecke und Außenwände wurden aber nur wenig beschädigt. Die Stasi konnte Ost-West-Verbindungen ausschließen und beendete 1974 die Untersuchungen.

Ein Jahrzehnt später besiegelte das SED-Politbüro den Bau eines Wohnviertels an der Wilhelmstraße, die damals Otto-Grotewohl-Straße hieß. Auf Grund der Lage nahe der Grenze sollten qualitativ hochwertige Plattenbauten entstehen. Zur Verwirklichung der Baupläne wurde jedoch die "Tiefenenttrümmerung" des Führerbunkers notwendig, die zeitgleich mit dem Bau des Wohnviertels begann. "Im Zusammenhang dieser Baumaßnahmen erfolgte 1988 die weitgehende Beseitigung des so genannten Führerbunkers.

Lediglich die massive Bodenplatte blieb erhalten", teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in den 90er Jahren über die historische Entwicklung der Ministergärten mit.

Decke oder Boden?

Genau an diesem Punkt der Geschichte scheiden sich die Geister. Auch Kellerhoff vertritt die Ansicht, der Bunker ist 1988 "zu großen Teilen beseitigt worden". Nach geophysikalischen Messungen des Landesdenkmalamtes sind aber auch Teile der Außenwände nach wie vor erhalten, wie er in seinem Buch schreibt. Der Leiter des Landesdenkmalamtes Berlin, Jörg Haspel, bestätigt dies, allerdings könne es sich statt der Außenwände auch um Fundamentstreifen oder Bauabfälle handeln. "Die mächtige Decke ist beseitigt. Hohlräume gibt es dort heute ebenso wenig wie etwa Hitlers Wohnzimmer", versichert Kellerhoff. Auch der Vorsitzende des Vereins Berliner Unterwelten, Dietmar Arnold, vertritt die Meinung, dass man die Bodenplatte und die Außenwände 1988 nicht beseitigt hat.

Klaus-Dieter Jurk vom Arbeitskreis Geschichtsräume ist in dieser Hinsicht gänzlich anderer Meinung. "Ich glaube, dass die Außenhülle des Bunkers noch komplett erhalten ist", sagt Jurk, der sich seit 35 Jahren intensiv mit den Bunkeranlagen in dieser Gegend beschäftige und auch Führungen zu diesem Thema anbietet. Er sei an verschiedenen Untersuchungen in den 90er Jahren beteiligt gewesen und überzeugt, dass die vermeintliche Bodenplatte in Wahrheit die Deckenplatte des Führerbunkers sei.

In Berlin sind die Bunker seit dem Mauerfall ein Modethema geworden. Es gibt Stadtführer wie Jürgen Kuhl, die Touristen zu den Orten der Nazi-Bunker nahe der Wilhelmstraße führen und dann ihre Bildermappen mit historischen Fotos hervorziehen. Zu sehen gibt es nichts mehr, zu berichten viel.

Enthusiasten wie der Bunkerforscher Dietmar Arnold ärgert, dass es hier, inmitten des Plattenbau-Wohngebiets der 80er Jahre, keinen Hinweis auf Hitlers Bunker gibt; keine Schautafel, die einen Grundriss zeigt oder mehrsprachige Erläuterungen bietet. "Es geht ja nicht darum, den Tätern ein Denkmal zu setzen", betont der 40 Jahre alte Stadtplaner. Es gehe um sachliche Informationen über einen authentischen Ort. Doch der liegt an einer heiklen Stelle. In der Nähe des ehemaligen Führerbunkers entsteht heute das Holocaust-Mahnmal.

"The Third Reich" als Stadtplan

Auch wenn die verbliebenen Nazi-Bunker nahe der Wilhelmstraße heute versiegelt sind, wird ihre Existenz nicht mehr verschwiegen. Die Tourist-Information verkauft den englischsprachigen Stadtplan "The Third Reich", auf dem sowohl die Lage des Hitler-Bunkers als auch Gedenkstätten und Museen eingetragen sind. Das Interesse an Orten der nationalsozialistischen Vergangenheit sei in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, besonders bei Jugendlichen aus dem Ausland, sagt Natascha Kompatzki, Sprecherin der Berliner Tourismus Marketing. Amerikanische und britische Touristen stellen oft zwei Fragen: Wo stand die Mauer? Wo war der Führerbunker?

Stadtführer und Heimatforscher Jürgen Kuhl trifft bei seinen Berlin-Rundgängen "Geschichte(n) im Vorübergehen" meist auf deutsche Senioren. Ihnen berichtet der 69-Jährige dann, dass er zu DDR-Zeiten das Wort Nazi-Bunker bei seinen Führungen durch Ost-Berlin nicht erwähnen durfte. "Das war ein absolutes Tabu-Thema", sagt er.

Das Tabu ist lange gebrochen, auch Dank des Vereins "Berliner Unterwelten", der im Wedding einen großen Zivilschutzbunker gepachtet hat. 25 000 Besucher hat der Verein, den Forscher Dietmar Arnold mitgegründet hat, im Jahr 2003 durch die dunkle, verwinkelte Anlage geführt. Bei diesen Rundgängen geht es nicht um Bunker-Mythen oder Gruseleffekte. Es geht um Kriegsalltag in Berlin, um beklemmende Gefühle, grausame Enge und Angst. Die NSDAP-Gabeln und die Stahlhelme sind in einer Vitrine ausgestellt - zur Mahnung und Abschreckung.

Conrad Menzel/AP AP

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