"Icke muss vor Jericht" Riskante Rache per FBI


Vor dem Amtsgericht Berlin ist gegen einen gehörnten Ehemann verhandelt worden, der versucht haben soll, das FBI für einen bizarren Racheakt zu benutzen. Der Mann hatte den in den USA lebenden Nebenbuhler bei der US-Bundespolizei angeschwärzt: Als vermeintlichen Terroristenhelfer.
Von Uta Eisenhardt

Es ist eine wilde Geschichte, die der Staatsanwalt vorträgt. Und die geht so: Es war einmal ein deutsch-ghanaisches Ehepaar, dessen Liebe bereits bröckelte. Vor zwei Jahren dann soll Yamaha Saiid*, der Ehemann, neugierig und eifersüchtig in den Emails seiner deutschen Gattin gestöbert haben. Darin fand der arbeitslose Koch Hinweise auf ein Techtelmechtel zwischen Cindy Guttner* und ihrem amerikanischen Ex-Freund Maurice. Saiids Frau, so sollen die Emails verraten haben, plante einen Besuch bei ihm in Minnesota.

Sie war noch nicht einmal abgereist, da sann ihr verlassener Mann bereits nach Rache, so die Fortsetzung der staatsanwaltlichen Überlegungen. Saiid begab sich auf die Website des Federal Bureau of Investigation, besser bekannt als FBI. Dorthin schrieb er unter der einem Pakistani gehörenden Email-Adresse "saban020@yahoo.de" folgende Nachricht: "Nehmen Sie diesen Typen fest. Er ist verantwortlich für die Beförderung von Material an einen Terroristen." Der Typ, dessen Adresse und Telefonnummer dem FBI auch noch mitgeteilt wurde, war Maurice Lumumba*, der vermeintliche Lover von Saiids Frau.

Ein konkreter Tipp auf einen Flug der Northwest Airlines

Cindy Guttner* wollte im Februar 2007 über Amsterdam nach Minnesota fliegen und sich in den amerikanischen Zollformularen wahrheitsgemäß als Gast von Lumumba eintragen. Saiid, der all das wissen musste, schrieb darum: "Einige am Anschlag Beteiligten kommen am 27. Februar 2007 von Amsterdam mit der Northwest Airlines an. Sie können diese in Minnesota über die oben genannte Person ausfindig machen." Für den Staatsanwalt ist klar: Der Ghanaer schrieb diese Mail und strebte die Inhaftierung des Paares an - am liebsten über die gesamte Zeit, die sich Cindy Guttner in den USA aufhalten wollte.

Doch in der Gerichtsverhandlung schweigt der kleine, kräftige 28-Jährige zu dem Vorwurf. Soll ihm das der Staatsanwalt erst einmal beweisen. Sicher kann Cindy Guttner einiges darüber sagen, warum ihr Ex-Mann, der Vater ihrer Tochter, auf diese perfide Idee gekommen sein könnte. Aber der Angeklagte hat Glück: Die pummelige, blonde Brillenträgerin in den knallengen Jeans macht von ihrem Recht Gebrauch, nicht gegen ihren Ex-Mann aussagen zu müssen. Auch Maurice Lumumba aus Minnesota hätte das Gericht gern befragt, nur der junge Mann erscheint nicht. Bereits vor der Gerichtsverhandlung habe sich der Amerikaner bei ihm erkundigt, was passieren würde, wenn er nicht käme, sagt der Richter.

Überwacht, vernommen, aber nicht verhaftet

Damit sind die Kronzeugen nicht greifbar, das Gericht darf ihre Aussagen nicht verwerten. Der Richter hat versucht, diese riesige Lücke mit der Ladung eines FBI-Verbindungsoffiziers zu stopfen, der damals das Bundeskriminalamt (BKA) um Unterstützung bat. Doch der Mann mit der grauen Haarbürste weiß wenig über diese Geschichte, auch wenn er zur Gerichtsverhandlung auf Kosten des deutschen Steuerzahlers um die halbe Welt gereist ist. Die Bedrohung soll das FBI ernst genommen haben: "Sonst wären diese Maßnahmen nicht eingeleitet worden", sagt der Zeuge. Man habe das verdächtige Paar damals überwacht und vernommen, verhaftet habe man aber niemanden.

Noch während sich das FBI in Minnesota um die vermeintlichen deutsch-amerikanischen Terrorhelfer kümmerte, begab sich in Berlin der Staatsschutz zu der Wohnung, in der Cindy Guttner gemeldet war. Dort trafen die Beamten auf Yahaha Saiid, dem sie eröffneten, seine Frau würde derzeit in den USA festgehalten. "Der Angeklagte hat nicht so arg überrascht reagiert, wie man eigentlich denken würde", erinnert sich einer der Staatsschützer vor Gericht.

Er habe die ungebetenen Besucher in seine Wohnung gelassen. Auf einem Tischchen neben einem Computer fiel denen ein Zettel auf: "Check Mail Saban" stand darauf. Ein Volltreffer, dachten die Beamten und baten den Ghanaer, sie zu begleiten. In seiner Vernehmung erklärte ihnen Saiid, er habe mit jener Email nichts zu tun. Der Zettel habe ihn lediglich daran erinnern sollen, einen alten Bekannten aus Ghana, den er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen habe, zu kontaktieren. Überdies sei seine Ehe intakt, es gäbe keine Probleme. Den Namen Maurice Lumumba kenne er: Seine Frau war mal Aupair-Mädchen in den USA und hatte damals mit diesem Mann ein Verhältnis. Von einer aktuellen Liebelei wisse er aber nichts.

Regelmäßig die Mails der Gattin gecheckt

Der Staatsschutz untersuchte auch Saiids Computer. Den pakistanischen Email-Zugang fanden sie nicht, dafür aber das Postfach, das Cindy Guttner gehörte: Drei Mal täglich hatte jemand an diesem Computer in Ehren emails gestöbert, während die Deutsche in Amerika weilte. Die Anfrage des Staatsschutzes, zu welchem Computer die deutsche Internet-Protokoll-Adresse gehörte, mit der die pakistanische Email an das amerikanische FBI geschickt wurde, versandete bei der Telekom: Während der Staatsschutz Auskunft begehrte, wurde bei der Telekom gestreikt. Als der Streik endete, war die Löschungsfrist für die IP-Adresse bereits abgelaufen.

Eine einzige, indifferente Notiz steht gegen nicht auskunftsbereite Kronzeugen, die streikende Telekom und einen schweigenden Angeklagten. Das ist kein gutes Kräfteverhältnis für eine Verurteilung wegen falscher Verdächtigung und versuchter Freiheitsberaubung. Das muss auch der Staatsanwalt einsehen. Mit einem "Es lässt sich nicht beweisen, dass der Angeklagte für diese Mail verantwortlich ist", plädiert er für einen Freispruch. Das sieht der Richter genauso. Doch trotzdem erläutert er dem Angeklagten, was er über diese Tat denkt, die Saiid möglicherweise begangen hat, die man ihm aber nicht beweisen konnte. "Ein ziemlich übler Scherz" sei diese, gerade in der heutigen Zeit, wo ein falscher Terrorverdacht lebensgefährlich sei, sagt der Richter. Er verweist auf den tragischen Tod des Brasilianers Jean Charles de Menezes, der vor drei Jahren fälschlicherweise für einen Helfershelfer der Londoner U-Bahn-Attentäter gehalten wurde und diesen Irrtum mit seinem Leben bezahlen musste.

Die beiden Staatsschützer, die als Zeugen vor Gericht ausgesagt hatten, sind wenig erfreut über den Ausgang der Verhandlung: "Da braucht man nicht Jura studiert haben, um diesen normalen Lebenssachverhalt zu verstehen", mault einer von ihnen. Indessen packt der freigesprochene Saiid seine Sachen ein. Dann setzt er sich seine Strickmütze auf und will gerade den Saal verlassen, als ihn ein Polizeibeamter in Zivil anspricht. Es gäbe da noch zwei offene Haftbefehle gegen ihn, die seien auf seinen alten Namen ausgestellt. Saiid möge ihn doch bitte zur erkennungsdienstlichen Behandlung ins benachbarte Polizeirevier begleiten. Während sich der Ghanaer schweigend mit der neuen Situation arrangiert, ergreift sein Verteidiger die Chance auf ein neues Mandat: "Wollen Sie eine Vollmacht unterschreiben?", bietet sich der Anwalt an.

In Sachen Saiid ist er der einzige Gewinner.

* Namen von der Redaktion geändert


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