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Cuvry-Brache in Berlin: Deutschlands erste Favela zerstört sich selbst

Am Ende herrschte dort eine Form der Anarchie, die selbst die Bewohner verstörte. Nun liegt das Cuvry-Gelände in Berlin-Kreuzberg wieder brach. Ein Großbrand "räumte" das besetzte Grundstück.

Von Lisa Ksienrzyk

Die Gemeinschaft auf der Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg hat selbst für ein Ende gesorgt - wenn auch unfreiwillig. In der Baulücke lebten bis gestern über 100 Zuwanderer und Besetzer in Deutschlands erster Favela.

Die Gemeinschaft auf der Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg hat selbst für ein Ende gesorgt - wenn auch unfreiwillig. In der Baulücke lebten bis gestern über 100 Zuwanderer und Besetzer in Deutschlands erster Favela.

Hohe Flammen loderten in der Nacht zum Freitag über dem Himmel von Kreuzberg. Eine Stunde dauerte es, bis der Brand auf der Cuvry-Brache gelöscht wurde. Dort, hinter den Holzlatten an der Ecke Schlesische Straße/Cuvrystraße liegt eine andere Welt. Die Bewohner tauchten ab in ein Leben ohne Regeln und Kapitalismus, hausten in Barracken ohne Strom und Wasser. Die Bewohner kamen vor drei Jahren auf das Gelände, um abseits des hektischen und teuren Großstadtlebens ein freies Leben führen zu können.

Jetzt haben sie sich selbst zerstört. Laut Polizei wurde das Feuer willkürlich gelegts, sechs Personen wurden festgenommen, es besteht der Verdacht auf Mordversuch. Streitigkeiten seien der Auslöser gewesen, heißt es bei der Polizei. Worüber? Ungeklärt. Sicher ist: Auf der großen Rasenfläche stehen mehrere Holzhütten, Zelte und Sperrmüll - alles leicht entzündlich.

Frei, aber nicht geduldet waren die über 100 Menschen an dem Spreegelände. Das Grundstück wurde von Besitzer zu Besitzer gereicht. Die Räumungsankündigung gehörte zum Alltag der Besetzer. Aktuell plant ein Münchener Investor die Lücke zwischen der Sackgasse und der 21 Meter hohen Hauswand mit dem überdimensionalen Graffito zu füllen. Nun sollen dort Luxuswohnungen entstehen.

Ein Protest ohne Protest

Aussteiger, Sinti und Roma, Obdachlose: Die Cuvry-Brache war eine bunt durchmischte Siedlung. Menschen kamen, bauten sich dort ein Dach über den Kopf und blieben. Und genauso schnell waren sie auch wieder weg. Nach dem Brand packten die Bewohner ihr Hab und Gut eilig zusammen und zogen ein paar Meter weiter vor die Brache.

Nach dem Unglück hat der Eigentümer seinene Besitz zurückbekommen, nun ist er selbst für die Sicherung und Absperrung verantwortlich. Am Rande der Schlesischen Straße stehen rund zehn Einsatzwagen der Polizei. Über den Tag verteilt haben sie die Ex-Besetzer auf das Gelände begleitet, die Kleidung oder Medikamente aus ihrem eingeschlossenen Hab und Gut brauchten. Eine Pressesprecherin der Polizei sagte, dass bis zu 60 Personen vor Ort blieben, um ihre Habseligkeiten einsammeln zu können. Viele seien direkt nach dem Brand geflüchtet.

Mittags saßen die Obdachlosen auf der Gehwegkante und beobachteten das Treiben. Einige schimpfen lallend über die Polizei. Touristen mit billigem Bier fragen nach der Ursache für das Polizeiaufgebot, Anwohner mit Einkauf auf dem Gepäckträger fahren vorbei und neugierige Bürger gesellen sich an den Rand. An der Hauswand lehnt ein Straßenmusiker und spielt Gitarre. Männer mit neongelben "Anti-Konflikt-Team"-Westen stellen sich vor jugendliche Punks, die ihre Anwesenheit vielmehr als Pflicht betrachten. Die Räumung der Cuvry-Brache, die nach dem Brand und der Flucht vom Gelände ja im Endeffekt keine mehr ist, verläuft friedlich. Ein "Refugees Welcome"-Banner hängt tief zwischen dünnen Bäumen, mehr Plakate mit Protest-Sprüchen findet man am frühen Nachmittag nicht. Vereinzelte Sympathisanten stellen sich zu den Besetzern. Kreuzberg ist ruhig: keine brüllenden Demonstranten oder Megafons. Selbst die Pressesprecherin der Polizei ist überrascht über die Stille. Ist das nur die Ruhe vor dem Sturm?

Cuvry war reine Anarchie

Ein Mann mit blonden Dreadlocks schiebt sein Fahrrad an den Straßenrand. Jammin heißt er, "wie der Song von Bob Marley". An seinem Fahrrad hängen zwei kleine Taschen und seine Bettdecke, im Gepäckträger stehen ein Gaskocher und eine Grünpflanze. Der Australier wohnte 20 Monate in der Baulücke und war einer der wenigen, der eine Arbeit hat. "Vor 12 Monaten hat es noch Spaß gemacht, dann wurde es zunehmend schlimmer und schlimmer", sagt Jammin, "Das liegt wohl an der unterschiedlichen Bevölkerung. Es gab viele Spannungen". Der Winter war hart und so sind einige, die einst wegen der Kunst und der Musik auf die Kreuzberger Fläche kamen, zu anderen Projekten gewechselt. Es sei immer noch friedlich und angenehm, aber Jammin hat weniger mit den Bewohnern dort unternommen als früher, "was ja schon für sich spricht". Cuvry wurde überrannt von fremden Gruppen. "Das war reine Anarchie. Das war ein perfektes Beispiel dafür, dass Menschen nicht ohne Regeln leben können", so der Australier.

Für den Besitzer des benachbarten Restaurants "Due Di Coppe" kommt die unfreiwillige Räumung zu spät. In einer Woche schließt die italienische Küche von Stefan Vallicelli. Seit sieben Jahren serviert er nebenan Pizza und Pasta, seit eineinhalb Jahren bliebe die Kundschaft aus - wegen der Besetzer von nebenan. "Es gibt dort kein Konzept, nur Brutalität", sagt er. Tagsüber sei es ruhig, nachts wären sogar schon Steine und Flaschen über den Zaun geflogen. Der Bar-Besitzer ist froh, dass Cuvry ein Ende hat. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat den ehemaligen Bewohnern der Cuvry-Brache Notunterkünfte angeboten. Laut Jammin wollen die Vertriebenen nachts zurückkommen und für ihre Brache kämpfen.

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