HOME

Stern Logo Geschichte

Scharfschütze: Der weiße Tod – wie ein finnischer Bauer 505 Rotarmisten tötete

Simo Häyhä war ein Bauer, kaum größer als ein Kind und die effizienteste Todes-Maschine seiner Zeit. In nur 100 Tagen tötete der "Weiße Tod" 505 gegnerische Soldaten. 

Simo Häyhä in einer nachgestellten Szene.

Simo Häyhä in einer nachgestellten Szene.

Häyhä war der gefürchtetste Scharfschütze seiner Zeit. In weniger als 100 Tagen tötete er 505 sowjetische Soldaten im sogenannten Winterkrieg 1939 bis 1940. Damals hatte die UdSSR das kleine Finnland überfallen, doch die unterlegenen Finnen wehrten sich verbissen. Ihnen kam ihr Kampfesmut, die Kälte und das unwegsame Gelände entgegen und eine Todes-Maschine – nämlich Simo Häyhä. 

Ein Mann ohne Mitleid

Wegen seiner tödlichen Effizienz verdiente sich Häyhä in kurzer Zeit während des Winterkrieges den Namen der "Weiße ". Dabei sah er überhaupt nicht wie ein Killer aus. Simo Häyhä war nur 160 Zentimeter groß, schmächtig und eher ein lustiger Kerl. Nur beim Schießen kannte er keine Sentimentalitäten. Auf die Frage, was er beim Schuss auf einen Gegner empfinde, antwortete er lapidar: den Rückstoß.

Geboren wurde Simo Häyhä am 17. Dezember 1905. Aufgewachsen auf einer Farm bewegte sich Häyhä von klein auf mit Skiern in den unwegsamen Wäldern und ging auf die Jagd – so wie viele andere Bauernkinder auch. Als der Krieg ausbrach, war Häyhä bereits 33. Er meldete sich zur Armee und ohne weiteres Training wurde er der gefürchtetste Schütze seiner Zeit. "Als ich kam, wussten sie bereits, dass ich gut mit dem Gewehr umgehen konnte", sagte er später.

Schüsse auf kurze Distanz

Seine Ausrüstung und sein Vorgehen unterschieden sich sehr von den Taktiken heutiger Sniper mit ihren weitreichenden Gewehren. Simo Häyhä blieb ein Jäger und tötete auf weit kürzere Distanzen – meist zwischen 100 und 150 Metern. Seine Waffe schoss er auf 150 Meter ein. In dem waldreichen Gebiet hätte es auch kaum die Möglichkeit zu einem Schuss auf extrem große Distanzen gegeben. Dafür benötigte Häyhä kein besonderes Gewehr. Er benutzte einen verbesserten finnischen Nachbau auf Basis der normalen sowjetischen Repetierbüchse Mosin-Nagant, dazu eine Maschinenpistole.

Für seine Arbeit verzichtete Häyhä auf ein Zielfernrohr, es hätte beschlagen können, außerdem fürchtete er die Reflektion der Sonne auf dem Glas. Hier ähnelte Häyhä dem sowjetischen Scharfschützen Semen Nomokonov. Der war ein gebürtiger Tungusche – ein sibirische Ureinwohner vom Volke der Eventi und wie Häyhä ein Jäger von klein auf an. Der Taiga-Schamane - so nannten ihn die Deutschen - benutzte auch die Mosin-Nagant ohne Zielfernrohr. Sein Auge war so scharf und er war so sicher, dass er seine Opfer fast ohne Anlegen aus der Bewegung treffen konnte.

Simo Häyhä und sein damaliger Kommandant.

Simo Häyhä und sein damaliger Kommandant.

Überlegtes und konzentriertes Vorgehen

Der Winterkrieg lag zeitlich vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Simo Häyhä war daher der erste einer ganzen Generation von Scharfschützen. Er ging stets extrem systematisch vor. Häyhä zeigte nie Gnade, leistete sich selbst aber auch keine Schwäche. Zahlreiche Tricks dieses Handwerks gehen auf ihn zurück. So nahm er stets kalten Schnee in den Mund, damit die Atemluft ihn nicht verraten konnte. Seine Position bereitete Häyhä in der Nacht vor, ihm machte es nichts aus, lange Zeit in der Kälte zu sein. Häyhä kämpfte häufig ganz allein in der karelischen Wildnis. Er legte seine Stellung dort an, wo er glaubte, dass die Feinde entlang kommen würden. Meist präparierte er zwei Schützenlöcher, um die Position wechseln zu könne.

Er arbeitete wie ein Jäger vor einem Wildwechsel. Die Sowjets setzten Scharfschützen auf ihn an, vor allem aber belegten sie seine Position nach jedem Schuss mit Artillerie und Mörsern. "Über fünfzig Granaten schlugen einmal um mein Schützenloch ein, aber keine war erfolgreich", berichtete er später.

Bildband Fighter!: Die gefährlichsten Jagdflugzeuge des Zweiten Weltkriegs werden lebendig
Luftschlacht um England: Eine Gruppe von Messerschmidt Bf 109E fliegt über den Ärmelkanal. Es folgte die erste große Niederlage der deutschen Luftwaffe. 

Luftschlacht um England: Eine Gruppe von Messerschmidt Bf 109E fliegt über den Ärmelkanal. Es folgte die erste große Niederlage der deutschen Luftwaffe. 

Um seine Deckung herum benetzte Häyhä den Schnee mit Wasser, damit er zu einer harten Oberfläche gefror. So konnten die austretenden Gase des Schusses oder die ausgeworfene Patrone keine Schneekristalle aufwirbeln. An einem einzigen Tag tötete Häyhä 25 feindliche Soldaten. Die Russen setzten ein Kopfgeld aus. Sie vermuteten fälschlich, dass sich Häyhä in den Baumwipfeln verbarg. Eine gefährliche Taktik, die später von Schützen der Roten Armee übernommen wurde. Nach 98 Tagen verließ Häyhä sein Glück. Ein Explosivgeschoss zerfetzte eine Gesichtshälfte. Häyhä überlebte, war aber zu verletzt, um am Zweiten Weltkrieg teilzunehmen.

Später lebte er als Hundezüchter und Elchjäger. Obwohl er eine nationale Berühmtheit war, lebte er sehr zurückgezogen. Sein Freund Kalevi Ikonen sagte über ihn: "Simo hat mehr mit den Tieren im Wald gesprochen als mit anderen Menschen."

Simo Häyhä verlor einen Teil seines Kiefers und erlangte sein Sprachvermögen nie ganz wieder.

Simo Häyhä verlor einen Teil seines Kiefers und erlangte sein Sprachvermögen nie ganz wieder.


Methodik der Zahlen

Die Angabe von 505 Toten basiert auf den alten Aufzeichnungen von Simo Häyhä, die nach seinem Tod gefunden wurden. Die Zahl seiner von Dritten bestätigten Abschüsse ist geringer. Auch wenn keine Zweifel an den Eintragungen von Häyhä bestehen, lässt sich diese Zahl nicht mit den bestätigten Opfern anderer Schützen vergleichen. Von "Lady Death" Ljudmila Michailowna Pawlitschenko ist bekannt, dass die Zahl ihrer Opfer weit größer ist als die Anzahl (309), die ein Beobachter bestätigt hat. Ihre ersten zwei Deutschen zählte Pawlitschenko ohnehin nicht, weil sie die beiden nur zum "Üben" erschossen habe.

Themen in diesem Artikel