Donald Tusk erhält Karlspreis Der europäische Pole


Für seine Verdienste um die europäische Einigung hat Polens Ministerpräsident Donald Tusk den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen erhalten. Die Auszeichnung widmete er der "Solidarnosc-Generation" und allen 96 Menschen, die mit Polens Präsident Lech Kaczynski am 10. April bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen.

Mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk hat am Donnerstag ein ausgewiesener Europäer den Karlspreis der Stadt Aachen erhalten. Seit Regierungsübernahme des liberal-konservativen Politikers in Warschau hat sich nicht nur das deutsch-polnische Verhältnis wieder deutlich verbessert. Tusk arbeitet auch in der EU sehr konstruktiv mit. Die Zeiten der demonstrativen Europa-Skepsis, als etwa der damalige polnische Staatspräsident Lech Kaczynski die Unterschrift unter den Lissabon-Vertrag verweigerte, sind vorbei.

Als "polnischen Patrioten und gleichzeitig überzeugten Europäer" würdigte der ehemalige Präsident des Europaparlaments und CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering in seinem Glückwunschschreiben Tusk. In der Vergangenheit gab es noch gelegentlich Streit zwischen ihm und dem inzwischen bei dem Flugzeugabsturz in Smolensk ums Leben gekommenen Kaczynski über die Vertretung Polens bei EU-Gipfeln. Heute ist der 53-jährige Tusk der mit Abstand populärste Politiker in Polen. Er hätte auch gute Chancen bei der anstehenden Präsidentschaftswahl gehabt, entschied sich aber, lieber weiter die Amtsgeschäfte an der Spitze der Regierung zu führen.

Die Jury der Karlspreis-Verleihung lobt Tusk als einen "herausragenden Streiter für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, der sich dem kommunistischen Regime niemals gebeugt hat". Tatsächlich ist seine Biografie eng mit der dramatischen Geschichte Polens der letzten Jahrzehnte verflochten. Tusks Familie gehört der kleinen slawischen Minderheit der Kaschuben an. Sie war während des Zweiten Weltkriegs von Zwangsarbeit und KZ-Haft betroffen; seinen hierdurch geschwächten Vater verlor Donald Tusk schon als Kind.

In Solidarnosc verwurzelt

Als 13-Jähriger erlebte der Danziger Tischlersohn, wie Bereitschaftspolizisten im damals kommunistischen Polen das Feuer auf streikende Gewerkschafter eröffneten - ein Erlebnis, das ihn für sein Leben prägt. In den 70er Jahren studierte Tusk Geschichte an der Universität seiner Heimatstadt und kam mit der Opposition in Kontakt. Während der Arbeiterstreiks 1980 beteiligte er sich an der Gründung des Unabhängigen Polnischen Studentenverbandes und schloss sich der Gewerkschaft Solidarnosc an, die den Untergang der sozialistischen Diktatur entscheidend vorantrieb.

Für die Karlspreis-Jury zählt Tusk zu jenen, "die die öffentliche Auseinandersetzung nicht scheuten, bei den Demonstrationen vorneweg marschierten - und dies nicht selten mit körperlichen Blessuren und Verletzungen bezahlten".

Nach dem Ende des Regimes wurde Tusk zunächst Vorsitzender des Liberal-Demokratischen Kongresses, einer Partei, die aus der Solidarnosc hervorging. 2001 folgte die Gründung der Bürgerplattform (PO), für die er im gleichen Jahr stellvertretender Parlamentspräsident wurde. 2005 verlor Tusk die Stichwahl zum Staatsoberhaupt knapp gegen Lech Kaczynski.

Nächstes Jahr hat Polen die EU-Präsidentschaft

Die Revanche gelang im Oktober 2007, als der damals 50-Jährige die Parlamentswahl und folglich auch die zum Ministerpräsidenten für sich entschied und damit Lech Kaczynskis Bruder Jaroslaw ablöste. "Heute bin ich der glücklichste Mensch der Welt", rief Tusk damals aus. 37 Jahre nach den Schüssen auf streikende Gewerkschafter, die er als Junge mit ansehen musste, übernahm er die polnische Regierung und sorgt für einen neuen pro-europäischen Geist. Bereits in seiner Regierungserklärung kündigte er die Ratifizierung des EU-Vertrags von Lissabon und Bemühungen um eine möglichst rasche Einführung des Euros in Polen an.

Und am Tag der Preisverleihung in Aachen stimmte er am Donnerstag in der Deutschen Welle noch ein Loblied auf die Europäische Union als "das beste Modell für die Europäer" und "phänomenale Erfindung" an. Nächstes Jahr kann Tusk seine europafreundliche Gesinnung erst recht in praktische Politik umsetzen: Dann übernimmt Polen die EU-Präsidentschaft.

Gerhard Kneier und Matthias Armborst, APN APN

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