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Interview

House-Musiker Mr. Raoul K : "Ich habe das Gefühl, dass ich in Deutschland eingehe"

Raoul Kanon kam 1992 mit 16 aus Westafrika nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Er heiratete, wurde Tischler und Deutscher. Heute ist er als "Mr. Raoul K" ein international gefragter DJ und Musiker, gilt als Pionier des Afro-House. Doch jetzt will er nach Afrika zurück. Grund: die menschliche Kälte in Deutschland.

Mr. Raoul K

Kam vor knapp 30 Jahren als Flüchtling nach Deutschland, hat seit 2007 die deutsche Staatsbürgerschaft. Dennoch will der Musikproduzent Mr. Raoul K Deutschland jetzt verlassen - wegen der sozialen Kälte im Land

stern

Raoul, Du bist das, was man ein Musterbeispiel gelungener Integration nennen könnte. Und willst zurück nach Afrika. Warum? 

Das hat viele Gründe, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ein Grund ist, dass ich mich in Deutschland nicht mehr so wohl fühle. 

Woran liegt das? 

Durch meinen Beruf, die Musik, reise ich viel durch die Welt. Die Art und Weise, wie die Menschen woanders leben, passt besser zu meiner Vorstellung. Ich habe das Gefühl, dass ich in Deutschland eingehe. 

Dass Du eingehst? Was meinst Du damit? 

Wenn ich in Deutschland Menschen auf der Straße grüße, die ich nicht kenne, fragen sie zurück: "Kennen wir uns?" In Afrika kommt man mit fremden Leuten auf der Straße ins Gespräch. Einfach so.

Die Deutschen sind also kalt und unfreundlich? 

Wenn man das so sagt, klingt das plump. Aber im Prinzip ist das so. Es gibt auch andere Deutsche, das sind Menschen, die reisen und die woanders was erlebt haben. Solche Leute erkennt man schon daran, dass sie den Blick erwidern und eher das Gespräch suchen. 

Du bist mit 16 nach Deutschland gekommen, lebst fast 30 Jahre hier. Ist Dir das vorher nie aufgefallen? 

Doch, das ist mir von Anfang an aufgefallen. Aber ich wollte nicht nach Afrika zurück. Da war ja Bürgerkrieg. Und ich musste mir hier auch erstmal etwas aufbauen, step by step. Wenn ich jetzt zurückgehe, kann ich ohne weiteres dort leben. Ich will auch die ganzen Erfahrungen, die ich in Deutschland gesammelt habe, in Afrika weitergeben. Ich glaube, dass ich den Menschen dort helfen kann. Ich will Entwicklungshilfe vor Ort leisten.

Was wird Du den Menschen dort erzählen? 

Ich kann den Menschen erzählen, dass sie oft eine falsche Vorstellung von Europa haben. Sie wissen nicht, dass auch Europäer manchmal zwei Jobs brauchen, um klarzukommen. Und dass ein Neuanfang für sie sehr schwer, wenn nicht gar fast unmöglich ist. Und dass es vielleicht besser wäre, sich in Afrika selbst was aufzubauen. In Deutschland zahlen die Menschen viel Geld um mit ihrem Therapeuten zu reden. In Afrika reden wir auf der Straße, auch über unsere Probleme. Die meisten Menschen in Afrika wissen nicht, was für ein Glück sie haben. Auch ohne viel Geld.

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Hast Du denn nur schlechte Erfahrungen in Deutschland gemacht?

Nein, als ich mit meinem Bruder nach Deutschland kam, waren wir ziemlich auf uns allein gestellt. Wir haben viel geweint. Wir sind oft nachts um drei Uhr aufgestanden, um früh bei der Ausländerbehörde zu sein, wo wir Schlange stehen mussten, nur um eine Duldung für die nächste Woche zu bekommen. Wir wollten zurück. Aber es war ja Bürgerkrieg. Am Rathausmarkt in Hamburg haben wir Gisela und Jürgen kennengelernt. Mein Bruder und ich waren gleich angezogen, weil wir Zwillinge sind. Sie fragten uns, ob sie uns fotografieren dürften. Wir waren total happy, dass sich jemand für uns interessierte. Das war schön. Sie sprachen auch Französisch. Gisela war Französischlehrerin. Also haben sie uns fotografiert. Als sie uns besucht haben, um uns Abzüge der Fotos zu bringen, sahen sie, dass wir im Asylbewerberheim wohnten. Sie sagten: "Da müsst ihr raus, das ist kein Platz für Jugendliche." Da wohnten auch Drogendealer. Sie haben uns am Wochenende zu sich nach Hause geholt. Sie wohnten am Rothenbaum, einem Hamburger Nobelviertel. Jürgen und Gisela haben uns dann geholfen, dass wir in eine Jugendwohnung ziehen konnten. Sie haben dafür gesorgt, dass wir nicht in die Kriminalität abrutschen. 

Habt Ihr heute noch Kontakt? 

Nein, diese Geschichte ist nicht gut ausgegangen, weil wir damals zu afrikanisch waren. Wir waren verabredet, kamen oft eine halbe oder eine Stunde spät. Das fanden sie nicht gut. Sie haben Kuchen für uns gebacken, den wir versteckt haben, weil wir ihn nicht mochten. Die wollten uns sogar adoptieren. Irgendwann haben sie gesagt, sie bekämen die Liebe, die sie uns geben würden, nicht zurück. Wir würden ihnen wehtun. Aber es war nicht so. Wir wollten sie nicht verletzen, wir waren nur zu sehr afrikanisch. Jetzt verstehe ich, was sie gemeint haben. Damals dachte ich, hä, was wollen die denn? Wir sind doch nur zwanzig Minuten zu spät. Und das finden sie immer noch schlimm. So haben sich unsere Wege getrennt. 

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Du wurdest nur geduldet, wie kam es, dass Du in Deutschland bleiben durftest? 

Mit 18 wurde mein Asylantrag abgelehnt. Ich habe meine Freundin geheiratet, sie war Deutsche. Das klingt jetzt so, als hätte ich das getan, um hier bleiben zu können, aber wir haben uns geliebt. Ich bekam eine lange Aufenthaltsgenehmigung, deshalb konnte ich einen Beruf lernen. Mein Wunschberuf war Automechaniker, das hat leider nicht geklappt. Mein zweiter Wunsch war Tischler, also habe ich eine Lehre in Ahrensburg gemacht und später auch als Tischler gearbeitet. 

Dann wolltest du Profifußballer werden ...  

Mein Trainer sagte, du bist so gut, aus dir kann was werden. Ich spielte beim Eichholzer SV in der vierten Liga. Ich war im Gespräch für die höhere Liga. Dann verletzte ich mich am Knie, wurde drei Mal operiert, hatte immer Schmerzen. Da habe ich den Traum, Profifußballer zu werden, auf Eis gelegt. Ich war eigentlich nicht schlecht. 

Und wie kamst du darauf, Profimusiker zu werden? 

1999 bin ich nach Berlin zur Love-Parade gefahren. Ich hatte keine Ahnung von elektronischer Musik. Ich habe damals afrikanische Musik und Reggae gehört. Ich fand die Loveparade nicht wegen der Musik toll. Ich fand es toll, weil ich mich das erste Mal in Deutschland persönlich akzeptiert gefühlt habe. Die Stimmung war toll, die Menschen waren offen. Jeder hat sich in den Arm genommen. Sie haben gefragt: "Was möchtest du trinken", obwohl sie mich nicht kannten. Das war wie eine große Familie. Da hat mich keiner schief angeschaut wegen meiner Hautfarbe. Ich habe gedacht, zu dieser Welt möchte ich gehören und wollte DJ werden. Als wir wieder zu Hause in Lübeck waren, habe ich sofort zwei Plattenspieler und ein Mischpult gekauft. Dann habe ich angefangen zu üben. Ein Jahr nach der Loveparade hatte ich meinen ersten Auftritt in der Discothek "Red Zone" in Lübeck. Da habe ich aufgelegt, aber meine Musik kam nicht gut an. Die Leute mochten das, was im Radio läuft, also Pop, das halt, was sie kannten. 

War das nicht frustrierend? 

Für mich war es sehr frustrierend. Meiner Freundin war es sogar peinlich. Sie sagte: "Warum spielst du nicht, was die Leute wollen? Warum bist du so ein Sturkopf?" Aber manchmal kamen Leute aus Berlin, die sagten zu mir: "Deine Musik ist gut". Ich habe auf Veranstaltungen mit 1000 Leuten gespielt. Es gab einen großen Saal, ich spielte im kleinen. Die Leute sind alle weggelaufen, nur zwei, drei sind geblieben. Aber diese Leute waren wichtig für mich. Sie kamen und sagten: "Eigentlich solltest du in dem großen Saal spielen." Ich dachte, dann bin ich falsch in Lübeck. Ich muss die Weltbürger erreichen. Ich habe mich gefragt, was ich tun kann, um meine Musik weltweit zu verkaufen. Also habe ich als DJ aufgehört und hab angefangen, Musik zu produzieren. 

Du hast gesagt, auf der Loveparade wurdest du das erste Mal nicht schief angesehen wegen deiner Hautfarbe. Wie ist es sonst in Deutschland?  

In Lübeck spüre ich meine Hautfarbe nicht. In Hamburg und Berlin sowieso nicht. Aber in Erfurt, wo meine Freundin lebt - ich bin inzwischen geschieden -  spüre ich es immer noch sehr, auch wenn es keine offene Konfrontation gibt. Selbst mein kleiner Sohn, er ist drei Jahre alt, bekommt es zu spüren. Er grüßt manchmal fremde Leute auf der Straße, so wie ich. Die Leute gucken ihn schief an. Er fragt mich dann: "Papa sind die böse auf mich?".

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Wann wollt ihr Deutschland verlassen? 

Das Haus wird gerade gebaut, wenn alles optimal läuft, ist es im Sommer fertig. Wenn die Schule zu Ende ist, brechen wir auf. Meine Eltern sagen, dass ich nicht kommen soll. 2020 sind an der Elfenbeinküste Präsidentschaftswahlen. Die Leute haben Angst, dass es Unruhen gibt. Aber ich bin guter Dinge, ich möchte nicht warten. 

Du bist mit deinem Bruder nach Deutschland gekommen. Bleibt er hier? 

Mein Bruder ist schon vor vier Jahren zurückgegangen. Er hat Maurer gelernt, ist mit einer Italienerin verheiratet. Sein Meister wollte, dass er bleibt, weil er so gut und interessiert war. Aber er ist zurückgegangen. Jetzt baut er in Westafrika Häuser nach deutscher Art, umweltbewusst mit isolierten Wänden, so dass die Räume ohne Klimaanlage kühl bleiben. Er ist aus den gleichen Gründen gegangen. Er fühlte sich noch fremder.  Ich war viel mehr integriert durch meine Musik. Ich habe auch Deutsche kennengelernt. Mein Bruder war oft zu Hause mit seiner Familie. Er wollte schon viel früher weg als ich. Und auch er hat gesagt, selbst, wenn es nicht klappen sollte, er würde nicht nach Deutschland zurück kommen. 

Was war dein schlimmste Erlebnis in Deutschland? 

Es gab zwei. In Hamburg hat ein Mann meine Frau laut als "Niggerschlampe" beschimpft. Das war für mich hart. In Erfurt hat mich eine Kassiererin im Supermarkt, wie soll man das sagen, komisch behandelt. Ich habe ein dickes Fell, ich kann damit umgehen. Für meine Freundin war das neu. Sie hat sich eingeschaltet und alle Leute im Supermarkt waren gegen uns. Einer sagte ganz laut, wir könnten ja gehen, wenn wir Probleme mit Deutschen hätten. Ich antwortete: "Ich bin Deutscher. Vielleicht ist die Kassiererin Polin. Woher wollen Sie das wissen?" Es ging ihm in Wahrheit um die Hautfarbe. Meine Freundin war gerade schwanger und hat geweint. 

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Seit wann hast du die deutsche Staatsbürgerschaft? 

Ich glaube seit 2007.  

Fühlst du dich als Deutscher? 

Ja, ich fühle mich als Deutscher. Ich kann es absolut nicht ab, wenn Ausländer über Deutsche herziehen, dann fühle ich mich angegriffen. Meine Kinder sind auch Deutsche. Ich kann es nicht ab, wenn jemand sagt, alle Deutschen sind Nazis, weil es nicht stimmt. Es gibt sehr gute Menschen, die mir geholfen haben. Wenn ich in Afrika bin, spüre ich, wie deutsch ich geworden bin. Wenn die Musiker ein, zwei Stunden später kommen, sind sie total locker. Sie sagen: "Ey Raoul". Und ich antworte: "Wir waren vor zwei Stunden verabredet. Warum kommst du erst jetzt?" Da fühle ich, dass ich anders geworden. Mir fehlt Deutschland auch, wenn ich in Afrika bin. Das Chaos dort bin ich nicht mehr gewöhnt. 

Und wenn es nicht klappt? Kehrst du dann zurück?  

Das könnte passieren. Wir glauben aber, dass wir uns dort wohlfühlen. Aber man weiß nicht, welche Probleme auf uns zukommen. Wir sagen uns: Wenn es nicht klappt, kehren wir nach Europa zurück, vielleicht nach Portugal. Aber nicht nach Deutschland. 

Gerade ist das neue Album von Mr. Raoul K erschienen. Es heißt: "African Paradigm", erzählt vom Leben des Musikers und ist bei dem Münchener Independent-Label Compost Records erschienen.