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Polizeirevier in Dessau: Feuertod in Arrestzelle: Neue Erkenntnisse – Gutachter vermutet Misshandlung von Oury Jalloh

Wurde Oury Jalloh misshandelt? Fast 15 Jahre nach dem Feuertod des Asylbewerbers in einer Dessauer Polizeizelle stellt ein Gutachter mehrere Brüche bei dem Mann fest. Die Verletzungen soll Jalloh vor seinem Tod erlitten haben.

Ein mit Sensoren, Schweinehaut und Fett versehener Dummy

August 2016: Ein mit Sensoren, Schweinehaut und Fett versehener Dummy ist in einem Raum im Institut für Brand- und Löschforschung in Dippoldiswalde (Sachsen) zu einer Brandanalyse im Todesermittlungsverfahren des damals in Deutschland lebenden Sierra Leoner, Oury Jalloh, befestigt.

DPA

Fast 15 Jahre nach dem Feuertod des Aslybewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle gibt es womöglich eine neue Wendung in dem Fall. Der Mann könnte vor seinem Tod schwer misshandelt worden sein. Das teilte die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" unter Berufung auf ein von ihr in Auftrag gegebenes forensisches und radiologisches Gutachten mit. Demnach wurden Jalloh unter anderem das Nasenbein, das Schädeldach, die Nasenscheidewand und eine Rippe gebrochen. 

Die Initiative zitiert aus dem Gutachten, das vom Frankfurter Radiologen Boris Bodelle erstellt worden sei: "Nach Begutachtung der Bilddateien der Computertomographie vom 31.03.2005 des Leichnams des Oury Jalloh sind Knochenbrüche des Nasenbeins, der knöchernen Nasenscheidewand sowie ein Bruchsystem in das vordere Schädeldach sowie ein Bruch der 11. Rippe rechtsseitig nachweisbar. Es ist davon auszugehen, dass diese Veränderungen vor dem Todeseintritt entstanden sind."

Jalloh lag an Händen und Füßen gefesselt auf einer Matratze

Aus entsprechenden Entzündungen könne geschlossen werden, dass Jalloh zum Zeitpunkt der festgestellten Verletzungen noch gelebt haben muss. Das berichtete die "taz", die das Gutachten habe einsehen können. Daraus lasse sich schließen, dass ihm die Brüche nicht bei den Löscharbeiten in der Dessauer Polizeizelle oder beim Transport in die Leichenhalle zugefügt worden seien.

Jalloh war am 7. Januar 2005 verbrannt in einer Zelle des Polizeireviers Dessau gefunden worden. Er lag dort an Händen und Füßen gefesselt auf einer Matratze. Das Landgericht Magdeburg verurteilte den damaligen Dienstleiter 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe, weil er Jalloh besser hätte überwachen müssen. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2014 das Urteil, in dem davon ausgegangen wurde, dass der Mann aus Sierra Leone die Matratze selbst angezündet hatte. 

OLG lehnt neue Ermittlungen im Fall Oury Jalloh ab

Die Familie des Mannes aus Sierra Leone geht von Mord aus und versucht seit Jahren, vor Gericht mit weiteren Verfahren die Aufklärung des Falles zu erreichen.

Vergangene Woche lehnte das Oberlandesgericht (OLG) des Landes Sachsen-Anhalt eine Beschwerde zur Wiederaufnahme von Ermittlungen in dem Fall ab. Das Gericht in Naumburg stufte den von einem Verwandten Jallohs eingelegten Antrag als unzulässig und unbegründet ein.

Nach Gerichtsangaben genügte die Beschwerde zum einen nicht den gesetzlichen Anforderungen. So gehe daraus etwa nicht hervor, auf welche Beweismittel sich die Forderung nach Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen zwei Beschuldigte stütze. Zum anderem wertete es die Entscheidung der Generalstaatsanwaltschaft vom November 2018 inhaltlich als korrekt. Es gebe keinen hinreichend konkreten Tatverdacht. So fehle jeder objektive Beweis. 

Die Generalstaatsanwaltschaft von Sachsen-Anhalt hatte damals entschieden, keine neuerlichen Ermittlungen in dem Fall einzuleiten. Dagegen ging der Verwandte mit seiner Beschwerde wiederum vor dem OLG vor.

Dass der Fall mit dem Gutachten neu aufgerollt wird, gilt als unwahrscheinlich – beweist das Gutachten offenbar doch nicht die These von Jallohs Angehörigen, wie "Spiegel Online" schreibt, dass es sich um einen Mord durch Polizisten handele. 

Quellen: Initiative in Gedenken an Oury Jalloh (Pressemitteilung), "taz", "Spiegel Online", Nachrichtenagenturen DPA und AFP

fs