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Kardinal George Pell: Wie ein ehemaliger Chorknabe den drittmächtigsten Mann des Vatikans zu Fall bringt

Kardinal George Pell war als Finanzchef die Nummer drei im Vatikan. Jetzt ist der einstige Vertraute des Papstes wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Die Aussage eines Opfers, einem ehemaligen Chorknaben, brachte den 77-Jährigen ins Gefängnis.

Kardinal George Pell verlässt das Gerichtsgebäude im Bezirk Victoria in Australien

Kardinal George Pell verlässt das Gerichtsgebäude im Bezirk Victoria in Australien

AFP

Der Australier George Pell war einer der mächtigsten Männer in der römisch-katholischen Kirche. 2003 wurde er in das Kardinalskollegium berufen, das unter anderem den Papst wählt. 2014 machte Papst Franziskus ihn zum Finanzchef des Vatikans. Der heute 77-Jährige gehörte auch dem sogenannten C9-Kardinalsrat an, einem Beratergremium von Papst Franziskus. Eine Karriere, wie sie im Buche steht.

Doch 2017 begann der tiefe Fall des Geistlichen. Wegen anhaltender Missbrauchsvorwürfe musste er sich von seinen Ämtern beurlauben lassen. Pell wurde vorgeworfen, sich in den 1990er Jahren an zwei 13-jährigen Jungen vergangen zu haben. Damals war er Erzbischof von Melbourne.

Eines der Opfer von George Pell hat 2015 ausgesagt

Im Juni 2015 kam ein Mann ins Victoria Police Center und erklärte dem stellvertretenden Sergeant Christopher Reed, er sei Ende der 1990er Jahre vom damaligen Erzbischof von Melbourne, George Pell, missbraucht worden. Wie "CNN" berichtet, habe Pell ihn und seinen Freund damals in der Sakristei der St. Patrick’s Cathedral erwischt. Daraufhin habe Pell ihn zum Oralsex gezwungen und den anderen Jungen ebenfalls sexuell belästigt. Einige Monate später bedrängte er demnach eines der beiden Kinder erneut. 

Die Jungen waren damals Schüler des renommierten St. Kevin's College in Melbourne. Einer der beiden starb 2014 an einer Überdosis Heroin. Der andere ging nach vielen Jahren des Schweigens schließlich 2015 zur Polizei und sagte nun auch im Prozess aus. Zuvor war ein erstes Verfahren geplatzt, weil sich die Geschworenen nicht einigen konnten.

Es waren nicht die ersten Vorwürfe gegen Pell, Kinder bedrängt zu haben. Es war jedoch das einzige Mal, dass die Behauptungen eines Opfers zu einem Prozess und einer Verurteilung geführt haben. Jahrelange Polizeiarbeit, einschließlich der Ermittlungen einer speziellen Task Force, die ausschließlich der Untersuchung von Ansprüchen gegen den Kardinal diente, führten nun zu einer Verurteilung des 77-Jährigen.

Die Entscheidung des Gerichts gegen den Kurienkardinal erging bereits im Dezember vergangenen Jahres, wurde bislang aber unter Verschluss gehalten. Wegen einer Anordnung des Gerichts durfte darüber nicht berichtet werden. Am Dienstag hob die Justiz diese Nachrichtensperre auf. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft darauf verzichtet, in einem weiteren Prozess andere Vorwürfe zu verfolgen, die noch weiter zurückliegen.

Verteidigung hat Berufung eingelegt

Gegen Kaution ist Pell weiterhin auf freiem Fuß. An diesem Mittwoch muss er jedoch zu einem weiteren Termin vor Gericht erscheinen. Dabei könnte seine Inhaftierung beschlossen werden. Die Verteidigung hat bereits Berufung eingelegt. Sein Anwalt Paul Galbally erklärte: "Kardinal Pell hat immer seine Unschuld beteuert. Das macht er auch weiterhin." Darüber hinaus werde sein Mandant keine weiteren Erklärungen abgeben.

Dennoch ist Pell nun der höchstrangige Geistliche in der Geschichte der katholischen Kirche, der jemals wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Die Höhe der Strafe muss noch festgelegt werden. Pell drohen insgesamt bis zu 50 Jahre Haft.

Die katholische Kirche sieht sich seit Jahren mit zahlreichen Missbrauchsskandalen in vielen Ländern konfrontiert. Dabei geht es auch um Vorwürfe von weitreichender Vertuschung. Erst am Sonntag war im Vatikan ein mehrtägiger Krisengipfel zum Thema Kindesmissbrauch zu Ende gegangen.

Papst Franziskus hatte zum Abschluss des Treffens versichert, die Kirche werde künftig jeden einzelnen Fall mit "äußerster Ernsthaftigkeit" verfolgen. Ein Priester, der Kinder missbrauche, sei ein "Werkzeug des Satans". Konkrete Maßnahmen kündigte der Papst aber nicht an.

Quelle: "CNN"

Video: Papst will gegen Missbrauch vorgehen
vit mit / DPA / AFP