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Deutschland vor dem Pflegekollaps: In guten Händen? Was in Deutschlands Pflegeheimen alles schiefläuft

Deutschland steht vor dem Pflegekollaps. Personal fehlt, Investoren suchen den Profit, und die Politik versagt. Gute Betreuung finden vor allem die, die die Tücken des Systems kennen.


Oskar Brütting, 76, ehemaliger Bäcker, hat "Probleme mit den Haxen und dem Herz". Sein Einzelzimmer ist ihm wichtig: "Ich genieße es, wenn ich meine Ruhe habe."

Oskar Brütting, 76, ehemaliger Bäcker, hat "Probleme mit den Haxen und dem Herz". Sein Einzelzimmer ist ihm wichtig: "Ich genieße es, wenn ich meine Ruhe habe."

Die Weite, sie will die Weite spüren. Anna Szymiczek stemmt die Hände fest auf die Griffe des Rollators und wackelt zum Fenster. Ja, hier reicht der Blick bis zum Rathaus. Sie atmet zufrieden durch. Seit gut einem Jahr lebt die 84-Jährige im Zentrum für Pflege und Wohnen in Fürth. "Das Heim ist mein neues Zuhause geworden" , sagt sie, "hier will ich nicht mehr weg."

Sie fühlt sich gut behütet in ihrem Zimmer mit dem Notrufknopf an der Wand. Die Pfleger begrüßen sie jeden Morgen mit einem kleinen Scherz, erzählt sie, das Personal gehöre fast zur Familie. Aber sie freut sich auch, dass ihre Tochter täglich zu Besuch kommt. Die festen Essenszeiten geben dem Tag eine Ordnung. Es gibt Konzerte oder Feste mit selbst gemachter Pizza und Glücksradspielen. Ein Zurück in ihre Wohnung kann sie sich nicht vorstellen. Früher, sagt sie von sich, sei sie immer fröhlich gewesen, nie verzagt, aber seit dem Tod ihres Mannes sei alles anders geworden. "Der Herrgott hat mir das Lachen genommen, aber hier ist es wieder ein klein wenig zurückgekehrt."

So schön kann Pflege in Deutschland sein

Ralf Krüdewagen ist ein kräftiger Mann, der lange zur See gefahren ist. Jetzt muss er an Land bleiben, die Schultern sind kaputt. "Ich kann eine Maschine reparieren, aber nicht meine Mutter pflegen", sagt der 62-Jährige. Deswegen war er froh, dass seine Eltern einen Platz im Sophienhof in Porta Westfalica ergattert hatten. Nach dem Tod des dementen Vaters lebt Gudrun Krüdewagen, 89, dort allein. Viele Erker bringen Licht ins Haus, im Foyer plätschert ein Springbrunnen.

Doch an einem Tag im Sommer 2017 war die Mutter plötzlich total verwirrt, am nächsten wieder vollkommen klar. Hatte sie zu wenig getrunken? Ralf Krüdewagen, so erzählt er es, alarmierte die Pfleger, verlangte die Führung eines Trinkprotokolls. Wenn er nun zu Besuch kam, standen vier oder fünf Gläser im Zimmer herum, gefüllt mit Wasser, unberührt. "Geführt wurde ein Getränkeabstellprotokoll", klagt er. Der Zustand der Mutter besserte sich über Monate nicht richtig. Schließlich musste sie ins Krankenhaus. Diagnose dort: starke Dehydrierung.

So schrecklich kann Pflege in Deutschland sein

Das Heim in Fürth und das in Porta Westfalica gehören zum gleichen Betreiber: Korian. Der Konzern aus Frankreich lenkt in Deutschland 234 Pflegeeinrichtungen mit 21 500 Mitarbeitern. Dem Unternehmen ist sein Ruf wichtig, deshalb hat es in Fürth die Türen für den stern geöffnet. Zum Fall Krüdewagen in Porta Westfalica will sich das Unternehmen aus Datenschutzgründen nur allgemein äußern. Die Flüssigkeitsaufnahme werde über Trinkprotokolle gewährleistet. Wenn im Zimmer mehrere Gläser stünden, dann damit die Mitarbeiter bei jedem Besuch Getränke zur Hand hätten.

Korian ist an der Börse notiert. Also muss auch die Kasse stimmen. Die Aktionäre erwarten Dividende. Pflege ist ein Riesengeschäft.

Kaum ein Tag vergeht ohne neue Schlagzeile. Investoren kaufen Heime wie im Rausch. Der Beitrag zur Pflegeversicherung steigt und wird doch in wenigen Jahren nicht mehr reichen. Vor allem aber: Wer soll die ganze Arbeit machen? Je nach Schätzung fehlen 35 000 oder gar 100 000 Pflegekräfte. Drei Viertel der Beschäftigten in Heimen klagen über Zeitdruck, viele reduzieren wegen Überlastung auf Teilzeit. "Bei der Altenpflege ist vielen nicht klar, dass das System vor dem Kollaps steht" , sagt Sozialexperte Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz.

Die Überlastung des Systems

Die Pflege wird immer mehr zu einem Notstandsgebiet mitten in einem reichen Land. Hochgerechnet 185 000 Angehörige, die Hilfsbedürftige – noch – zu Hause betreuen, sind kurz davor, aufzugeben. Zugleich lehnen ambulante Pflegedienste inzwischen jedes Jahr Tausende Anfragen wegen Personalmangels ab. Und das ist erst der Anfang: Bis zum Jahr 2050 wird durch das Altern der Bevölkerung die Zahl der Pflegefälle um 50 Prozent auf 5,3 Millionen wachsen.

Dabei galt die Pflegeversicherung lange als Erfolgsgeschichte. Vor einem Vierteljahrhundert setzte sie der damalige Sozialminister Norbert Blüm durch. Wer früher zum Pflegefall wurde, hatte einen demütigenden Weg vor sich. Er musste sein Vermögen auflösen und oft zusätzlich zum Amt gehen. Zwei Drittel der Heimbewohner bezogen Sozialhilfe, über 20 Milliarden Mark kostete die Kommunen das 1994.

Die Blüm’sche Reform änderte das. Jeder musste sich – gesetzlich oder privat – gegen das Pflegerisiko versichern. Wer hilfsbedürftig wird, bekommt seitdem einen Zuschuss, gestaffelt nach dem Schweregrad. Er kann sich Geld auszahlen lassen, wenn ihn Angehörige pflegen, einen ambulanten Dienst bestellen oder ins Heim gehen. Heute bekommen 3,7 Millionen Menschen Leistungen, ein Viertel davon lebt im Heim. Die Gesamtausgaben stiegen auf 38 Milliarden Euro.

Private Anbieter rollten den Markt auf. Alles muss effizient sein, kostenoptimal, schnell gehen. Jede Tätigkeit wird zerstückelt und dokumentiert: "tägliche Hilfe beim Aufstehen am Morgen und Zubettgehen am Abend, viermal in der Woche". Oder: "tägliche Hilfe beim An- und Ausziehen der Kompressionsstrümpfe". Pflege ist heute ein industrieller Prozess. Aber wo bleibt da der Mensch?

Das komplizierte System macht es schwer, herauszufinden, was eine gute Einrichtung ist. Und wenn es Probleme gibt, hat man schnell das Gefühl, gegen Gummiwände zu rennen. So wie Ralf Krüdewagen.

Seine Mutter Gudrun hat ein Gutachter bei Pflegegrad 4 einsortiert, das ist der zweithöchste. 1775 Euro im Monat kommen von der Pflegekasse, 2326 Euro zahlt sie selbst und die Familie. "Das ist doch viel Geld", sagt Ralf Krüdewagen, "für 4000 Euro können wir doch einwandfreie Leistungen erwarten."

Gudrun Krüdewagen stürzte mehrfach, einmal polterte sie mit dem Rollstuhl die Fluchttreppe herunter. Nach Beobachtung von Ralf Krüdewagen wurde eine Notausgangstür mit einem Stuhl offen gehalten. Er wendet sich an die Heimaufsicht, fühlt sich vertröstet. Doch dort will man "unverzüglich" gehandelt haben. Fehler habe es nur bei den Dokumentationspflichten gegeben. Der Sohn sieht Verstöße gegen den Brandschutz und wendet sich direkt an das Bauamt, das dann tatsächlich anordnet, Mängel abzustellen. Korian verweist auf das Dilemma, dass die Bewohner ihre Autonomie und Mobilität behalten sollen, aber Gefahren oft nicht mehr richtig einschätzen könnten. Fluchttüren seien tatsächlich zur Belüftung geöffnet gewesen. Jetzt sei die Einrichtungsleitung angewiesen, dies nicht mehr zuzulassen.

Anna Szymiczek, 84, kam als Vertriebene aus Oberschlesien nach Fürth und arbeitete dort als Hauswirtschafterin.

Anna Szymiczek, 84, kam als Vertriebene aus Oberschlesien nach Fürth und arbeitete dort als Hauswirtschafterin. Heute kann sie nicht mehr allein laufen: "Ohne Begleitung falle ich hin."

Große Hoffnungen richtet Krüdewagen auf die Pflegekasse der TK. Doch die verweist ihn an die Heimaufsicht und schlägt vor, sich einen Rechtsanwalt zu nehmen. "Mit diesem Rat schien Herr Krüdewagen jedoch nicht zufrieden gewesen zu sein" , teilt die Kasse mit. Wie sollte er auch? Da kämpft ein aufgebrachter Sohn um die Gesundheit seiner Mutter. Bei einer späteren Prüfung fand der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) laut Heimaufsicht dann doch "Mängel in der Ergebnisqualität der Pflege", wenn auch nicht konkret bei Gudrun Krüdewagen.

Der MDK wird oft als "Pflege-TÜV" bezeichnet. Doch der Vergleich ist schief. Denn aus dem Verkehr ziehen können die Prüfer schlechte Heime nicht – aber immerhin schauen sie genau hin.

Katja Jährig zum Beispiel. Die 39-Jährige sitzt einer freundlichen, älteren Dame gegenüber. Helga Karge, 87, die seit vier Jahren im Pflegeheim Vitaris im sächsischen Torgau lebt. An der Wand kleben Fotos von Hunden, auf einem Sessel streckt Kater Pupfl die Pfoten aus.

Regelmäßige Kontrollen

Jährig und ihre Kollegen beim MDK prüfen jedes Jahr 13 300 Heime und 12 800 Pflegedienste, mindestens einmal. Sie rücken an mit Laptops und Listen, bleiben ein bis drei Tage.

Es geht los: Wie schmeckt das Essen? Wird immer eine Flasche Wasser auf den Nachttisch gestellt? Hat sie sich schon einmal über die Pflege beschwert? Frau Karge sitzt auf dem Bett, antwortet geduldig. Katja Jährig zögert einen Moment: "Wie läuft das mit dem Stuhlgang?" Frau Karge hat da kein Problem: "Mein Hintern kennt die Uhr, er meldet sich jeden Morgen um zehn Uhr."

Die Prüferin lässt sich ein Schrankfach zeigen, in dem die Medikamente für Helga Karge liegen. Sie schaut, ob die Pillen in der Tagesbox der verordneten Dosierung entsprechen. Am Computer studiert Jährig den Behandlungsplan. Wie oft wurde der Blutzucker gemessen? Hat es eine Hilfskraft oder eine Fachkraft gemacht? Wie hat sich das Gewicht entwickelt? Ohne solche Kontrollen würde häufig wechselndes Personal gar nicht merken, wenn Bewohner abmagern. Nach einer halben Stunde steht fest: Helga Karge wird gut gepflegt.

Bei einer anderen Patientin ist Jährig etwas aufgefallen. Die Frau bekam ein Schmerzmittel, aber es wurde nicht verzeichnet, welches Präparat und wie hoch die Dosis war. Ein Dokumentationsfehler. Manche Kritik wirkt kleinkariert. Doch aus Details können die Prüfer oft erkennen, wie gut ein Heim organisiert ist. Hier in Torgau sind sie insgesamt sehr zufrieden.

Die Leute vom MDK schreiben detaillierte Berichte. Aber lesen darf das kaum jemand, auch nicht die Bewohner, Angehörige oder Journalisten. Für sie gibt es nur Kurzfassungen, genannt Transparenzberichte. Ausgerechnet Transparenz!

Elisabeth Lösekow,, 87, war Ordensschwester und hat lange in einem Hamburger Seemannsheim gekocht

Elisabeth Lösekow,, 87, war Ordensschwester und hat lange in einem Hamburger Seemannsheim gekocht. Im September 2016 zog sie ins Heim: "Es geht mir gut."

Offiziell sind Deutschlands Pflegeheime in bestem Zustand

Denn Klarheit bringen die seit 2009 veröffentlichten Pflegenoten nicht. Fast jede Einrichtung kann eine Bewertung zwischen 1,2 und 1,5 vorzeigen. Wo es Pflegemängel gibt, lassen die sich durch leckeres Essen ausgleichen. Auf dem Papier strahlen Deutschlands Heime.

Das Alloheim Emsauenpark in Lingen etwa, ein heller Neubau in weißem Putz und rotem Klinker, 2016 eröffnet. Nach der MDK-Prüfung im Dezember 2017 gab’s die 1,0. Bestnote! Bernd Ruping, einem sonst sehr gelassenen Professor der Theaterpädagogik, bebt die Stimme, wenn er von den Erlebnissen seiner Mutter dort erzählt: "In ihrer Not hatte sie sich Toilettenpapier in den Schritt gestopft." Dazu ständige Personalnot, wechselnde Zeitarbeiter, mangelhafte Ernährung. "Es lag nicht an den Pflegern", sagt Ruping, "es war die Organisation." Nach anderthalb Jahren fand er eine andere Einrichtung, wo es der Mutter vor ihrem Tod noch einmal besser ging.

Alloheim räumt ein, dass "unsere hohen Qualitätsstandards in der Einrichtung in der Vergangenheit vorübergehend nicht in allen Punkten eingehalten" worden seien. Jetzt sei Abhilfe geschaffen. Die Personalvorgaben würden sogar übererfüllt.

Dass die Unterschiede in den Heimen viel größer sind, als die Noten verraten, zeigt auch der "Pflege-Report 2018" von AOK, Charité und der Hochschule Fulda. Die Wissenschaftler untersuchten anhand von sechs Kriterien, wie Pflegebedürftige versorgt werden. In einem schlechten Heim bekommen sie dreimal so häufig Druckgeschwüre wie in einem guten, haben sie zweieinhalbmal so oft eine Harnwegsinfektion, werden Demenzkranke mit Antipsychotika vollgestopft, obwohl das oft unnötig ist. Immerhin hat die Politik inzwischen erkannt, wie blind die Pflegenoten sind. "Ein Pflege-TÜV, bei dem heute fast jedes Heim ein "sehr gut" bekommt, verdient seinen Namen nicht", sagt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Doch was ein neues, differenziertes System bringt, ist völlig offen.

Im Fall des Alloheim Lingen wurde immerhin die Heimaufsicht der Stadt aktiv. Welche Behörde genau für die Kontrolle zuständig ist, ist nicht mehr einheitlich geregelt. Seit der Föderalismusreform 2006 habe jedes Bundesland sein eigenes Gesetz, rügen Kritiker.

Die Heimaufsicht darf man sich auch nicht als Sondereinsatzkommando vorstellen. Denn zunächst wird der Betreiber beraten, erst wenn Vorschläge ignoriert werden, gibt es Ordnungsverfahren.

Mit der Pflegeorganisation durch die Alloheim-Geschäftsführer war die Heimaufsicht in Lingen nicht zufrieden und verhängte Bußgelder. Jetzt beschäftigt sich die Justiz mit den Mängeln. Für diesen Mittwoch war ein Prozess angesetzt, ein weiteres Verfahren dauert an. Alloheim will sich auf Anfrage des stern dazu nicht äußern.

Mit 196 stationären Einrichtungen, 72 Anlagen mit betreutem Wohnen, 25 ambulanten Pflegediensten und 17 500 Beschäftigten zählt der Konzern zu den drei größten privaten Anbietern in Deutschland. Mit vielen Millionen kauft er kleinere Pflegeheimketten in Serie. Antreiber sind dabei internationale Finanzinvestoren, die das Geschäft mit den Hilfsbedürftigen in Zeiten niedriger Zinsen als neue Bonanza entdeckt haben. Im Durchschnitt sind knapp fünf Prozent vom Umsatz Gewinn – und das bei überschaubarem Risiko. Alloheim selbst wurde binnen eines Jahrzehnts gleich zweimal an jeweils andere Private-Equity-Fonds weitergereicht. Zuletzt zahlte Nordic Capital 1,1 Milliarden Euro. Der Fonds sitzt auf der steuergünstigen Kanalinsel Jersey.

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn

Der Staat wollte privates Geld

Wissenschaftler haben bisher keinen Beweis dafür gefunden, dass in privaten Heimen schlechter gepflegt wird als in gemeinnützigen von Caritas oder Rotem Kreuz. Bei der Einführung der Pflegeversicherung hatte die Politik den Markt ganz bewusst geöffnet, weil dem Staat für die Investitionen in neue Heimplätze das Geld fehle. Im Nachhinein allerdings bezahlt die Allgemeinheit Bau und Instandhaltung doch, halt nur in Raten über den Pflegesatz.

Dass eine Einrichtung geschlossen wird, ist die absolute Ausnahme. Die Pflegekassen können im Extremfall den Vertrag kündigen. Etwas häufiger kommt es vor, dass die Heimaufsicht einen Aufnahmestopp verhängt, bis Mängel abgestellt sind. Im Alloheim in Bremen kam es mehrfach dazu. Die Vorgänge im Pflegezentrum Marcusallee beschäftigen auch die Justiz. Eine junge Frau hatte vor einem Jahr bei ihrem Vater tiefe, teils eitrige Wunden entdeckt, Dekubitus Grad 4. Im Gespräch mit Radio Bremen sagte sie: "Jetzt weiß ich, wie Tod riecht." Sie stellte Strafanzeige wegen Körperverletzung. Nach Auskunft des Staatsanwalts dauern die Ermittlungen an, Alloheim sieht sich durch ein Fachgutachten entlastet. Die Aufsicht verordnete dem Pflegezentrum ein Qualitätsmanagement.

Der Sozialarbeiter und Buchautor Claus Fussek kennt die Anzeichen für schlechte Pflege. Ganz oben auf seiner Liste steht das Wundliegen, das Fachleute Dekubitus nennen. Kein anderes Thema eigne sich so gut, um die Mängel im System aufzuzeigen – und die hält der 66-Jährige für gewaltig. Er sagt den ungeheuerlichen Satz: "Man verdient mit schlechter Pflege mehr als mit guter." Das funktioniere so: Wenn sich bei einem Patienten der Dekubitus verschlimmert, muss er zur OP ins Krankenhaus, kommt mit einem höheren Pflegegrad zurück und ist nun fürs Heim lukrativer. Wenn aber Mitarbeiter mit großem Engagement die Wunden heilen, dann droht sogar die Zurückstufung. Die Folge: weniger Geld. Pflege paradox.

Niemand arbeitet absichtlich schlecht. Doch wenn einfach nicht genug Leute auf der Station sind, dann sind die Aufgaben nicht zu schaffen. Die Pflegekräfte leiden oft selbst darunter – und wandern ab. Aus den ambulanten Diensten zu den Heimen, von den schlechten zu den besser geführten Einrichtungen. Attraktivere Arbeitgeber sind neuerdings Intensiv-Pflege-WGs.

Liselotte Dommach, 96, klagt nicht - aber ob sie sich wohlfühlt?

Liselotte Dommach, 96, legt viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Der knallrote Lippenstift ist ihr wichtig. Sie klagt nicht - aber ob sie sich wohlfühlt?

Von Hektik und Zeitmangel ist in München-Feldmoching nichts zu spüren. Pflegerin Karina sitzt am großen Esstisch und lackiert einer Bewohnerin die Nägel. Nebenan hockt ein kleines Grüppchen Schwerstkranker und spielt zusammen mit Betreuern Mensch ärgere dich nicht!, einige haben ihre mobilen Beatmungsmaschinen dabei. Sieben Pflegebedürftige leben in diesem schmucken Neubau auf etwa 400 Quadratmetern. Rund 50 000 schwerstkranke Patienten werden heute außerhalb der Kliniken betreut. Mit Studentenbuden haben sie nichts gemein. Eher ähneln sie kleinen Krankenstationen. Karina arbeitet seit anderthalb Jahren hier. Vorher war sie in mehreren klassischen Altenheimen. Sie sagt, es sei ein Unterschied wie Tag und Nacht. In der Intensivpflege ist im Schnitt eine Fachkraft für zweieinhalb Patienten zuständig. "In den normalen Einrichtungen ist es gängig, dass sie zu zweit 30 Leute versorgen müssen." Karina erinnert sich, dass sie sogar mal als einzige Fachkraft in einem Heim mit 109 Leuten vor Ort war. Zwar hatte sie zahlreiche Pflegehelfer zur Unterstützung, aber die durften viele Sachen nicht machen. Also musste Karina den ganzen Tag durch das vierstöckige Haus rennen. Sie trug damals einen Schrittzähler in der Tasche. Am Ende der Schicht zeigte er neun Kilometer und 42 Stockwerke an.

Für Karina ist die Arbeit in Feldmoching so, wie sie es sich immer gewünscht hat. "Man will ja auch Zeit mit den Leuten verbringen, nicht nur die Waschanlage anschmeißen und die Medikamente verteilen", sagt sie.

Zwischen 13 000 und 16 000 Euro kostet ein einzelner Platz in einer Pflege-WG pro Monat. Der Markt gilt als hochlukrativ. Drei Milliarden Euro Umsatz, Tendenz rasant steigend. Der AKB-Pflegedienst, der die Einrichtung in Feldmoching betreut, gehört zur Deutschen Fachpflegegruppe – jüngst aufgekauft von der US-Firma Advent International.

Pflegekräfte verzweifelt gesucht

Geschäftsführerin Elke Dodenhoff könnte hier in Feldmoching noch mehr Klienten versorgen, doch fünf der zwölf WG-Zimmer stehen leer, ebenso die komplette erste Etage. Dodenhoff findet nicht genug Personal. "Der Markt ist leer gefegt", sagt sie. Bei der Bundesagentur für Arbeit sind 23 862 offene Altenpflegestellen gemeldet. Im Schnitt vergehen 183 Tage, bis ein geeigneter Kandidat gefunden wird – ein Spitzenwert.

Ist die schlechte Bezahlung daran schuld? "Nein, das ist Quatsch", sagt Elke Dodenhoff. Es gebe ja auch keinen Fachkräftemangel bei Friseuren, und die würden viel schlechter bezahlt. Hier fangen die Mitarbeiter mit 3200 bis 3500 Euro an. Mit den Zuschlägen kommen erfahrene Kräfte auf rund 4200 Euro monatlich. Christoph Jaschke, Marketingmanager und Sprecher der Deutschen Fachpflege Gruppe, sieht vielmehr das schlechte Image des Berufs als Ursache. "Der Service am Menschen hat in Deutschland einfach eine zu geringe gesellschaftliche Anerkennung", sagt er. Und die wenigen, die sich trotzdem für eine Ausbildung entschieden, würden gleich zu Beginn total überfordert.

Die Personalnot in den Heimen ist dermaßen groß, dass selbst Azubis im ersten Lehrjahr oft wie vollwertige Fachkräfte eingesetzt werden. "Den jungen Leuten wird eine Verantwortung aufgebürdet, die sie komplett überlastet", sagt Jaschke, "wenn am Ende ein Drittel den Abschluss macht, ist das schon viel. Das ist im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen eine katastrophale Quote."

Es ist nicht so, dass die Politik den Ernst überhaupt nicht erkannt hätte. Jedes Heim soll nun eine Pflegekraft zusätzlich bekommen, die Bezahlung soll steigen und eine "Konzertierte Aktion" die Ausbildung attraktiver machen.

Doch das alles wird kaum reichen. Nach einem Vierteljahrhundert Pflegeversicherung wäre es an der Zeit, Remedur zu machen. Im Gesetz steht der Grundsatz "ambulant vor stationär" , aber in der Realität steigt die Zahl der Heime, und die pflegenden Angehörigen fühlen sich im Stich gelassen. Dabei ist die Betreuung zu Hause nicht nur menschlicher, sondern auch günstiger.

Günter Stöhr, 83, wohnt seit zehna Jahren gemeinsam mit seiner Frau Babette im Pflegeheim. Sie feierten hier sogar die diamantene Hochzeit. Die Tochter kommt jeden tag zu Besuch. 

Günter Stöhr, 83, wohnt seit zehna Jahren gemeinsam mit seiner Frau Babette im Pflegeheim. Sie feierten hier sogar die diamantene Hochzeit. Die Tochter kommt jeden tag zu Besuch. 

Die Eigenanteile der Heimbewohner explodieren unterdessen, im Durchschnitt erreichen sie schon 1830 Euro. In einem Drittel der Fälle muss nun doch wieder das Sozialamt einspringen. Nicht nur in der CDU wird deswegen diskutiert, aus der Zuschusskasse eine Vollkostenversicherung zu machen – mit einer durchaus hohen, aber berechenbaren Selbstbeteiligung. Andere, wie der Sozialexperte Sell, fordern, mehr Steuergelder ins System zu stecken – auch weil das gerechter sei, als nur die Beitragszahler zu belasten.

Vor allem müsste die ausufernde Bürokratie eingedämmt werden. Wenn die Dokumentation bald länger dauert als die eigentliche Pflege, wird es absurd. Heute irren Betroffene zwischen Anbietern, Pflegeund Krankenkassen sowie diversen Behörden hin und her. Auch um dem Renditestreben Einhalt zu gebieten, brauchte es einen starke Instanz, die den Markt regelt.

Doch das alles braucht Zeit

Ralf Krüdewagen mochte sich nicht mehr gedulden. Einen Umzug wollte er seiner Mutter nicht zumuten. In seinem Frust wandte er sich an den Pflegekritiker Claus Fussek, der ihn an die Korian-Zentrale vermittelte. Und siehe da, nach einigen Telefonaten: Das Qualitätsmanagement wurde eingeschaltet, neues Personal rückte an, alte Kräfte wurden neu geschult. "Plötzlich roch es auf der Station nicht mehr nach Pipi, sondern nach Blumenladen. Es geht also doch anders!"

Aber bis dahin war es ein langer Kampf.

Von:

und sowie Silke Gronwald