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Zu viele Verletzte Wegen Coronavirus: Kommender Jahreswechsel ohne Böller und Raketen?

Silvester 2019/2020 an den Hamburger Landungsbrücken
Menschenansammlungen wie 2019/2020 an den Hamburger Landungsbrücken soll es in der kommenden Silvesternacht angesichts der Coronavirus-Pandemie nicht geben – doch wie sieht es beim privaten Feuerwerk aus?
© Jonas Walzberg / DPA
Ein Evergreen feiert sein Comeback: Die Diskussion über ein Verbot von privatem Silvesterfeuerwerk ist wieder im Gange. Die Gegner der Böllerei haben in diesem Jahr ein gewichtiges Argument.

Früher als üblich beginnt in diesem Jahr die Debatte über ein Verbot von privatem Feuerwerk in der Silvesternacht. War es in den vergangenen Jahren vor allem die Feinstaubbelastung, die die Gegner von Böllern und Raketen ins Feld führten, ist es diesem Jahr – wie sollte es 2020 anders sein – zuvorderst die Coronavirus-Pandemie. 

Denn bereits jetzt im November ächzen die Krankenhäuser vielerorts unter der steigenden Zahl von Covid-19-Patienten – die üblichen Verletzten durch das Silvesterfeuerwerk würden die Kliniken zusätzlich belasten.

"Silvester in der Coronakrise muss #stayathome heißen!"

Unter anderem wagten die Berliner Grünen jetzt einen entsprechenden Vorstoß. Antje Kapek, die Fraktionsvorsitzende der in der Hauptstadt mitregierenden Partei, erklärte bei Twitter, ein Verbot des Silvesterfeuerwerks sei "ein wichtiger Schritt, um Krankenhäuser zu entlasten, Sanitäter zu schützen und Neuinfektionen zu verhindern". Silvester in der Coronakrise müsse "stayathome" (zu Hause bleiben) heißen.

Als Vorbild nannte Kapek die Niederlande. Dort hatte die Regierung in der vergangenen Woche ein Feuerwerksverbot für den anstehenden Jahreswechsel beschlossen. Damit solle verhindert werden, dass sich Ärzte und Krankenpfleger zusätzlich um Menschen kümmern müssten, die sich an Feuerwerkskörpern verletzen, hatte die Regierung mitgeteilt. Der Verkauf und das Anzünden von Böllern und Raketen sind im Nachbarland nicht erlaubt, ausgenommen sind kleine Knaller oder Wunderkerzen. Verstöße sollen mit einer Geldstrafe von 100 Euro und einem Eintrag ins Strafregister geahndet werden. Im vergangenen Jahr feuerten die Menschen in den Niederlanden Pyrotechnik im Wert von mehr als zehn Millionen Euro in die Luft – die Branche und Händler sollen von der Regierung entschädigt werden.

Hunderte Verletze durch Silvesterfeuerwerk

In Deutschlang wurden in den vergangenen Jahren jeweils insgesamt rund 130 Millionen Euro für das Silvesterfeuerwerk ausgegeben. Allein in Berlin mussten in der Nacht vom 31. Dezember 2019 auf den 1. Januar 2020 nach Angaben der Feuerwehr mehr als 30 Menschen nach Verletzungen durch Pyrotechnik behandelt werden, deutschlandweit kamen laut WDR rund 1300 in Krankenhäuser. "Wir können uns in dieser Ausnahmesituation nicht leisten, dass sich große Gruppen draußen treffen, um sich dann auch noch selbst zu verletzen – wir kennen die Zahlen aus den vergangenen Jahren", sagte Grünen-Poltikerin Kapek der Zeitung "B.Z.". "Wieso sollen wir sehenden Auges in die Überlastung rennen?"

Kapek kündigte an, dass das mögliche Feuerwerkverbot am Dienstag auf der Senatssitzung thematisiert werden soll. Allerdings müssen die Grünen auch ihre Koalitionspartner von SPD und Linken überzeugen. Während sich die Linksfraktion noch nicht eindeutig positioniert hat, erntete Kapek Widerspruch aus den Reihen der Sozialdemokraten. "Ein generelles Silvesterverbot würde bedeuten, dass wir den Menschen den Spaß komplett nehmen. Ich bin skeptisch, ob das nicht eine Überreaktion wäre", sagte der SPD-Innenpolitiker Frank Zimmermann dem "Tagesspiegel".

Die Diskussion über das Für und Wider zum Silvesterfeuerwerk ist aus der Hauptstadt inzwischen auch in andere Teile des Landes geschwappt. So sprachen sich beispielsweise die Regierungsfraktionen von CDU und FDP im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen dafür aus, dass die Menschen den Jahreswechsel auch mit Böllern und Raketen feiern dürfen. "Seit Monaten werden wir in der Politik gefragt, was wir alles absagen wollen oder eher müssen – Bundesliga, Festivals, Sankt Martin, Karneval", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Peter Preuß, der "Rheinischen Post". "Ich kann Ihnen versichern: Niemand will den Jahreswechsel verbieten." Der FDP-Fraktionsvorsitzende Christof Rasche nannte ein mögliches Feuerwerksverbot "überzogen".

Auch der Städte- und Gemeindebund NRW sprach sich gegen ein generelles Verbot aus. "Natürlich müssen wir in Corona-Zeiten sehr genau hinschauen, was an Silvester möglich ist", sagte Präsident Roland Schäfer der Nachrichtenagentur DPA. "Große Partys können wir uns aus dem Kopf schlagen, so viel ist sicher. Aber deswegen sollten wir nicht direkt landesweit das Abbrennen von Feuerwerk verbieten." 

In einer repräsentativen Yougov-Umfrage im Auftrag des "Redaktionsnetzwerks Deutschland" vor knapp einem Jahr sprachen sich 57 Prozent der Befragten für ein Böllerverbot zu Silvester in Deutschland aus Sicherheits- und Umweltgründen aus.

Zum vergangenen Jahreswechsel hatten laut einer stern-Erhebung 22 der 81 deutschen Großstädte ein zumindest örtlich begrenztes Böllerverbot ausgesprochen. Die Stadtverwaltungen führten seinerzeit unter anderem die Luftverschmutzung und die Lärmbelästigung durch das Silvesterfeuerwerk als Begründung an.

Wie viele Kommunen in diesem Jahr dem Ruf nach einem Verbot von Böllern und Raketen folgen, ist noch vollkommen unklar. Doch die Diskussion darum ist eröffnet – und das Argument, die Krankenhäuser angesichts der vielen Covid-19-Erkrankten vor zusätzlichen Patienten zu bewahren, nur schwer zu entkräften.

Quellen: Antje Kapek bei Twitter, Feuerwehr Berlin, WDR"B.Z.", "Tagesspiegel", "Rheinische Post", "Redaktionsnetzwerk Deutschland", Nachrichtenagenturen DPA und AFP


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