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Waldorfschulen-Gründer: "Der Neger hat ein starkes Triebleben"

Ist Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, ein Rassist? Am 6. September entscheidet die Bundesprüfstelle, ob zwei seiner Bücher auf den Index jugendgefährdender Schriften kommen. Doch rassistische Aussagen gibt es auch in anderen Werken des Initiators der Waldorfpädagogik.

Von Manuela Pfohl

Er hat Bildung für alle gefordert, eine solidarische Gemeinschaft und die Verbundenheit mit der Natur angemahnt. Für unzählige Menschen wurde Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie und Initiator der Waldorfpädagogik deshalb zum Vordenker einer neuen Welt. Doch es gibt auch Skeptiker, die in Steiner einen ausgemachten Rassisten sehen, dessen Irrlehre noch heute an den Waldorfschulengelehrt wird. Nun hat sich das Bundesfamilienministerium eingeschaltet. Ursula von der Leyens Behörde hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) in einem "Indizierungsantrag nach dem Jugendschutzgesetz" gebeten, zwei Bücher von Rudolf Steiner in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufzunehmen. Die Werke enthielten Rassen diskriminierende Aussagen, die geeignet seien, "Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren". Am 6. September will die Prüfstelle nun darüber entscheiden, ob Steiners "Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie" und die "Geisteswissenschaftliche Menschenkunde" auf den Index gehören oder darüber hinaus sogar strafrechtliche Relevanz besitzen. Einige Passagen aus Steiners Büchern sprechen eine eindeutige Sprache: "Die Menschen, welche ihr Ich-Gefühl zu gering ausgebildet hatten, wanderten nach dem Osten und die übrig gebliebenen Reste von diesen Menschen sind die nachherige Negerbevölkerung Afrikas geworden" heißt es in der "Geisteswissenschaftlichen Menschenkunde". Auch von der "passiven Negerseele", die "völlig ihrer Umgebung, der äußeren Physis hingegeben" sei, ist die Rede.

"Der heutige Neger ist kindlich"

Nicht zum ersten Mal werden die ideologischen Grundlagen der Waldorfpädagogik von den Jugendschützern untersucht. Bereits im Jahr 2000 sollte das 1936 erschienene Buch des Steiner-Schülers Ernst Uehli "Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst" auf den Index. Uehlis Buch wurde noch 1998 in den von der Pädagogischen Forschungsstelle der Waldorfschulen herausgegebenen "Literaturangaben für die Arbeit des Klassenlehrers" zum Geschichtsunterricht der 5. Klasse als "sehr anspruchsvoll" empfohlen. Bei Uehli heißt es unter anderem: "Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden." Und: "Der heutige Neger ist kindlich, ist ein nachahmendes Wesen geblieben." Der drohenden Indizierung entging das Werk damals nur, weil es gerade noch rechtzeitig vom Verlag zurückgezogen wurde.

Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Jana Husmann-Kastein, die für die BPjM das Gutachten "Rassenmodelle bei Rudolf Steiner - Ein Überblick und Zitatvergleich mit Ernst Uehli" erstellt hat, weist nach, dass Uehli seine rassentheoretischen Vorstellungen aus den von ihm selber als Quelle genannten Steiner-Werken übernommen hat - ja, fast wörtlich abgeschrieben hat. Nahe liegende Schlussfolgerung: Auch Steiner sei zu indizieren. Rassen diskriminierende Aussagen finden sich aber auch in anderen Werken der 370-bändigen Steiner Gesamtausgabe. Husmann-Kastein zitiert: "Diese Schwarzen in Afrika haben die Eigentümlichkeit, dass sie alles Licht und alle Wärme vom Weltraum aufsaugen. (...) Und dieses Licht und diese Wärme im Weltraum, die kann nicht durch den ganzen Körper durchgehen, weil ja der Mensch immer ein Mensch ist, selbst wenn er ein Schwarzer ist. (...) Da muss etwas sein, was ihm da hilft beim Verarbeiten, das ist namentlich sein Hinterhirn. Beim Neger ist das Hinterhirn besonders ausgebildet. Das kann alles, was da im Menschen drinnen ist an Licht und Wärme, verarbeiten. (...) Der Neger hat also ein starkes Triebleben. (...) Im Neger wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer schürt, das ist das Hinterhirn."

Experten sehen rassistische Tendenzen

Helmut Zander, Professor der Berliner Humboldt-Universität, hat jetzt eine 1884 Seiten starke Untersuchung vorgelegt, die zum ersten Mal die Geschichte der anthroposophischen Bewegung in Deutschland wissenschaftlich nachzeichnet und die Schriften Steiners historisch-kritisch beleuchtet. Er hält nichts davon, die beiden Bücher auf den Index zu setzen. Er meint: "Es gibt zweifellos rassistische Motive in Steiners Denken. Beispielsweise, wenn er von 'passiven Negerseelen' oder 'degenerierten Völkern' redet. Meines Erachtens müssen Anthroposophen sich mit diesem Gedankenkomplex auseinandersetzten und das historisch-kritisch aufarbeiten."

Diese Auseinandersetzung fordert auch Husmann-Kastein: "Es wäre an der Zeit, dass sich die Vertreter der Anthroposophie und Waldorfpädagogik endgültig und in konsequenter Weise von den vorzufindenden Rassismen distanzieren, anstatt eine Relativierung und Rechtfertigung von Steiners Rassismen fortzusetzen."

"Indianer sind eine absterbende Rasse"

Ein Appell, der nach Ansicht des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, nur allzu berechtigt erscheint. Denn noch gehöre Steiner in all seinen Facetten zur pädagogischen Grundlage in Waldorfschulen, auch wenn das oftmals heftigst geleugnet würde. So weise der "Studienbegleiter der Freien Hochschule Stuttgart - Seminar für Waldorfpädagogik" in seiner Fassung vom Juli 2005 für die Seminaristen neben einer Behandlung von Steiners "Geheimwissenschaften im Umriss" auch einen täglichen Hauptkurs in anthroposophischer Menschenkunde aus. Andreas Lichte, 46, freier Grafiker aus Berlin, kann das bestätigen. Von Mai 2001 bis Juli 2002 machte er eine Fortbildung zum Waldorflehrer am "Seminar für Waldorfpädagogik Berlin". Er lernte im Fach "Allgemeine Menschenkunde", dass "der in der Kultur etwas höher stehende Mensch sich von dem niedriger stehenden dadurch unterscheidet, dass der letztere immer mit sich zufrieden sein möchte (...)", in der "Geographie" hörte er, dass "die Indianer eine absterbende Rasse sind, weil ihnen die Voraussetzungen für eine kulturelle Höherentwicklung fehlen". In Steiners Buch "Aus der Akasha-Chronik" las er, dass "die zweite Gruppe der Astralmenschen ihre höhere Fähigkeit nur dadurch erworben hat, dass sie einen Teil der astralischen Wesenheit von sich ausgeschieden und zu niedriger Arbeit verurteilt hat. Hätte sie diese Kräfte in sich behalten (...) so hätte sie selbst nicht höher steigen können." Lichte ist entsetzt, fragt nach, erhält aber von den Dozenten keine Antworten.

Atlantis als historische Tatsache

Also macht er sich selber auf die Suche und findet schließlich eine Erklärung für die abenteuerlichen Aussagen der Waldorfdozenten: In Steiners Buch "Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis" findet er zwei Schaubilder Steiners, die die menschliche Evolution vom "Atlantier" zum "Europäer", bzw. vom "Mensch" zum "Arier" zeigen. Auf dem Wege der Höherentwicklung des Menschen gibt es zwei "dekadente Abzweigungen": "Affen" und "Indianer". Und im Text entsprechende rassistische Erläuterungen Steiners. Unglaublich. Gleichzeitig erhält Lichte "Geschichtsepochenhefte" von Waldorfschülern, aus denen eindeutig hervorgeht, dass "Atlantis" in den Waldorfschulen nach wie vor als historische Tatsache unterrichtet wird.

Lichte sagt: "Der Indizierungsantrag ist für mich die ultima ratio, doch noch eine wirkliche Diskussion zur Anthroposophie und damit zur Waldorfpädagogik in Gang zu setzen." Denn das Gespräch hatte er gesucht, auch bei Walter Hiller, seinerzeit Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen. Hiller antwortete auf Lichtes Bedenken. Er verteidigt Steiner und wirft Lichte mangelnde Einsicht in die Thematik vor: "Ich kann sehr gut verstehen, dass die spontane Begegnung mit Begriffen wie 'absterbende Rasse', 'dekadente Abzweigung' im Zusammenhang mit dem Schicksal der Indianer geradezu wie eine Rechtfertigung für den unmenschlichen Umgang mit den Einwohnern Amerikas wirken", meint Hiller. "Dies ist sicher nicht der einzige 'Kurz-Schluss', der sich beim Kennenlernen des Werkes Steiners zunächst ergeben kann, sicher aber der folgenreichste, weil die assoziierte Thematik mit ihrem Gewicht schon sehr viel gelassenes Erkenntnisstreben braucht, um den Gedanken von der 'Entwicklung der Menschheit' nach-zu-denken, um seine aktuelle Relevanz zu prüfen."

NPD-Mann wollte Waldorf-Heim gründen

Ein Ansatz, den auch der niedersächsische NPD-Spitzenfunktionär Andreas Molau auf seine Weise verfolgt. Der 39-Jährige, der bis 2004 an einer Waldorfschule in Braunschweig Politik, Geschichte und Musik unterrichtete, sagt, Steiner habe stets "völkisch argumentiert und nicht umsonst die Differenzen von Rassen und Völkern betont". Demnächst wolle er öffentlich deutlich machen, welche Gemeinsamkeiten die Steinersche Waldorfpädagogik mit modernem Nationalismus habe. Molau hatte Anfang August erklärt, er wolle im brandenburgischen Örtchen Rauen ein Waldorf-Landschulheim eröffnen. 20 Hektar Land inklusive mehrerer Gebäude hatte der 39-Jährige für sein ehrgeiziges Projekt bereits erworben. Laufe das gut, plane er gleiches für Niedersachsen. Doch eine Waldorfschule unter Leitung eines NPD-Mannes wird es nicht geben. Nicht in Brandenburg und auch nicht in Niedersachsen. Das machte der Bund der Freien Waldorfschulen klar. Geschäftsführer Christian Boettger meint: "Wir werden mit Sicherheit keiner Schule das Namensrecht erteilen, die in irgendeiner Form mit rechtsradikalem Gedankengut assoziiert ist, weil das der Waldorfpädagogik im Innersten widerspricht." An der Prüfstelle liegt es nun, zu bewerten, was in Steiners Werken wirklich steckt.

Rudolf Steiner

Rudolf Steiner war Philosoph, Naturwissenschaftler, Goethe-Forscher und Begründer der Waldorfschulen. Er wurde 1861 im kroatischen Ort Kraljevec, der damals zu Ungarn gehörte, geboren. Als Sohn von Bahnangestellten besuchte er ab 1872 die Realschule und begann 1879 ein Studium an der Technischen Hochschule in Wien. Er studierte Naturwissenschaften und Mathematik und widmete sich der Philosophie und Literatur. Mit 29 Jahren wurde Rudolf Steiner Mitarbeiter des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar. Neben Goethes naturwissenschaftlichen Schriften veröffentlichte er Werke des Philosophen Schopenhauer und des Dichters Jean Paul. Er selbst schrieb vier Bücher, gab ein Literatur-Magazin heraus und war Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule.

Auf Initiative des Direktors der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, Emil Molt, war Rudolf Steiner zudem ab 1919 als Reformpädagoge tätig. In Stuttgart gründete er am 7. September 1919 die erste freie Waldorfschule unter der Schirmherrschaft Emil Molts. Sie war aus allgemeinbildenden Kursen für die Arbeiter der Zigarettenfabrik entstanden, die Steiner initiiert hatte. Außerdem war Rudolf Steiner als Künstler und Architekt aktiv: Er schrieb Dramen, entwickelte die Bewegungskunst "Eurythmie" und wirkte am Bau des "Goetheanums" in Dornach bei Basel mit. Das "Goetheanum" diente als Zentrum der "Anthroposophischen Gesellschaft", die Steiner 1923 gründete. Als "Anthroposophie" bezeichnete er die "wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt", die als Erkenntnisphilosophie ausgelegt war. Zuvor war er Mitglied und Vorsitzender der "Theosophischen Gesellschaft", einer esoterische Vereinigung, die auf den Lehren eines selbsterklärten Mediums basierte. Er starb 1925 in Dornach.

Waldorfschulen

Waldorfschulen sind staatlich anerkannte, private Ersatzschulen, die dem jeweiligen Landesschulrecht unterstehen. Die Schulen in freier Trägerschaft, meist als Verein, finanzieren sich über staatliche Zuschüsse und Schulgeld. Im Gegensatz zu staatlichen Schulen haben sie Finanz- und Personalhoheit. Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart von Rudolf Steiner gegründet. In Deutschland gibt es 208 Waldorfschulen, in ganz Europa 665 und weltweit 958.

Waldorfschulen sind auf zwölf Jahre Regelschulzeit angelegt, die die Schüler durchlaufen, ohne sitzen bleiben zu können. Es gibt keine Differenzierung. Am Ende der Schullaufbahn steht der "Waldorfschulabschluss", der in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nicht als einem staatlichen Schulabschluss gleichwertig anerkannt ist. Meist bieten Waldorfschulen daher eine zusätzliche 13. Jahrgangsstufe an, nach der das Abitur oder die Fachhochschulreife abgelegt werden kann.

Fremdsprachen ab dem ersten Schuljahr

In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Niedersachsen und ab 2008 auch in Nordrhein-Westfalen kann an Waldorfschulen das Zentralabitur geschrieben werden. Allerdings zählen an Waldorfschulen für die Abiturnote ausschließlich die Prüfungsergebnisse, zuvor erbrachte Leistungen werden nicht berücksichtigt. Hessen hat als einziges deutsches Bundesland die Klassen 11 bis 13 der Waldorfschulen als gymnasiale Oberstufe anerkannt.

An Waldorfschulen werden ab dem ersten Schuljahr Fremdsprachen unterrichtet, es gibt ein großes Angebot an künstlerischem Unterricht. Das Bewertungssystem mit Zensuren gibt es in den meisten Waldorfschulen nicht. Stattdessen werden die Bewertungen der Lernerfolge ausformuliert. An Waldorfschulen, an denen man das Abitur machen kann, wird das Zensurensystem meist erst in der Oberstufe eingeführt. An anderen Schulen existieren beide Bewertungssysteme parallel.

Lehrer an Waldorfschulen brauchen im Gegensatz zu staatlichen Schulen keine universitär-wissenschaftliche Ausbildung. Eine Ausbildung auf einem "Institut für Waldorfpädagogik" kann ein Lehramtsstudium ersetzen. Jedoch brauchen diese Lehrkräfte die Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde.

  • Manuela Pfohl