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"Inflationärer Gebrauch ohne Sinn" Weil ihr Baby immer aufwacht: Mutter startet Petition gegen Einsatz von Martinshorn

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Um möglichst schnell zum Einsatzort zu gelangen, sind Einsatzkräfte wie die von der Feuerwehr auch auf das Martinshorn angewiesen (Symbolbild)
© Marcel Kusch / Picture Alliance
In Notfällen zählt jede Sekunde - auch deshalb sind Rettungskräfte auf das Martinshorn angewiesen, um möglichst schnell zum Einsatzort zu kommen. Die Lautstärke des Signals stört eine Mutter aus München jedoch so sehr, dass sie eine Petition startete.

Sie retten Leben, helfen in dringenden Notfällen - und bringen sich auf ihren rasanten Fahrten zum Einsatzort häufig selbst in Gefahr: die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Dass die Helfer auf ihrem Weg durch dichten Verkehr auch Blaulicht und vor allem Martinshorn einschalten, stört eine Frau aus München so sehr, dass sie eine Petition gegen die ihrer Meinung nach "erhöhte Lärmbelästigung" gestartet hat - und dafür nun von mehreren Seiten scharfe Kritik einstecken muss. 

"Die Stadt München wird immer lauter!", schreibt die Frau zu Beginn ihres Ersuchens, das bereits seit Ende Juli online ist. Demnach würden die Bewohner der bayerischen Landeshauptstadt durch den "permanenten" und "unsachgemäßen Einsatz" des Martinshornes "vermehrt in ihrer Lebensqualität eingeschränkt", führt sie aus. Konkret stört die Initiatorin, dass ihr zehn Monate altes Baby täglich "durch den inflationären Gebrauch des Martinshornes (aufwacht) beziehungsweise gar nicht erst einschlafen (kann)". Und weiter: Das Warnsignal ertöne "unabhängig der Dringlichkeit des Einsatzes" zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit, echauffiert sich die Frau. Und dies, "obwohl es auf der Straße weit und breit keine Autos oder Menschen gibt, die (...) gewarnt werden müssten". Ihre Forderung: Mitarbeiter von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst sollen stärker für "einen sinnvollen, zielführenden und sachgemäßen Einsatz des Martinshornes" sensibilisiert werden. Woher die Frau jeweils wissen will, dass ein Einsatz wichtig oder unwichtig ist, schreibt sie nicht.

Einsatzkraft: "Sind Menschen, die helfen wollen"

Beim Bayerischen Roten Kreuz stößt die Petition auf großes Unverständnis. "Uns ärgert es einfach, weil es heißt: Ihr seid zu laut und ihr seid alles Cowboys", sagte Mitarbeiter Christian Strohschein gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR). "Wir sind aber Menschen, die helfen wollen. (...) Wir arbeiten für das Wohl des Bürgers und nicht, weil wir es toll finden, mit Martinshorn und Blaulicht nachts durch die Stadt zu fahren."

Thomas Stadler, Abteilungsleiter für Rettungseinsätze in der Landesgeschäftsstelle der Institution, betonte gegenüber dem Sender die wichtige Funktion des Signals, um andere Verkehrsteilnehmer vor den Einsatzfahrzeugen zu warnen. Es aus Lärmschutzgründen einfach auszulassen, halte er verkehrstechnisch und rechtlich für riskant. Tatsächlich sind Rettungskräfte hierzulande laut Straßenverkehrsordnung dazu verpflichtet, Blaulicht und Martinshorn zu nutzen, wenn sie zu einem Einsatz eilen. 

Auch Münchner zeigen kaum Verständnis für die Petition

Auch Münchens Anwohner scheinen sich durch die Einsatzgeräusche nicht sonderlich gestört zu fühlen. Zumindest erhält die namentlich nicht genannte Frau kaum Zuspruch für ihr Anliegen. Gerade einmal 36 Menschen (nur 17 davon aus München) haben die Petition bislang unterschrieben. Stattdessen hagelt es im Netz vor allem heftige Kritik. "Ob Sie noch die gleiche Meinung vertreten wenn ihr Kind blau im Bett liegt und erstickt, während der Rettungsdienst im Stau steht?", fragt ein Petitionsgegner. Ein anderer schreibt sarkastisch: "Ja dann sollten wir doch alle medizinischen Notfälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall während der Nacht- und Mittagsruhezeiten verbieten und die Arbeit den Bestattern überlassen, die machen wenigstens nicht so einen Krach während der Anfahrt."

Mehr Einsätze wegen Bagatellen

Indes stimmen die Rettungskräfte der Frau zumindest in einem Punkt zu: Dass es heute deutlich häufiger zu Einsätzen mit eingeschaltetem Martinshorn kommt als noch vor Jahren. Der Grund: Früher sei man zu Herzinfarkten und Schlaganfällen gerufen worden, wenn ein Bürger also wirklich Hilfe gebraucht habe. "Heute fahren wir Einsätze wegen eingerissener Fingernägel, Husten und Heiserkeit, weil die Bürger dann den Vorteil haben, dass sie nicht in der Klinik warten oder einen Termin beim Hausarzt machen müssen", wird Strohschein vom BR zitiert.

Vielleicht sollte die Frau besser eine Petition gegen eben solche unnötigen Einsätze starten. Dieses Anliegen hätte sicher mehr Aussicht auf Erfolg 

mod

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