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Weltjugendtag: Die Ketzer von Köln

Die "religionsfreie Zone" hat keinen geographischen Ort in Köln. Sie erstreckt sich vielmehr über die Köpfe einer bunten Gegenbewegung zum Weltjugendtag. Gestern spielten der "Gegenpapst und die Chromosomencombo" auf.

Von Lutz Kinkel

Wenn man den Gegenpapst J. Odenthal (so sein vollständiger Künstlername) bittet, die Botschaft seiner zweistündigen Performance in der Kölner Kneipe "Spielplatz" zusammenzufassen, überlegt er kurz und dichtet: "Der geisteskranke Schneckenzüchter aus Schweden / erst biss er in ein Knäckebrot / dann schiss er seine Schnecken tot."

Dann platzt auch schon der nächste Fan ins Interview und hält Odenthals Buch "Der fettige Fetisch" zum Signieren hin. Der Gegenpapst, noch berauscht vom eigenen Auftritt und ein paar Gläsern Kölsch, lässt sich nicht lange bitten, zieht seine Hose herunter, klemmt einen Kuli an sein Geschlechtsteil und kritzelt etwas auf die erste Seite. Heiliger Bimbam.

Dino im Papst-Look

Michael Schmidt-Salomon, promovierter Philosoph, Geschäftsführer der Giordano Bruno Stiftung und Vorsitzender im Heidenspaß-Komitee, das diese Veranstaltung organisiert hat, sitzt ein paar Tische weiter im "Spielplatz" und hat diese Szene nicht gesehen. Er wirkt leicht befremdet, als er davon hört. Schmidt-Salomon ist zwar ein begnadeter PR-Mann, der weiß, wie man Aufmerksamkeit erzeugt. Deswegen lässt er seit Tagen einen Karnevalswagen mit einem Dinosaurier im Papst-Look durch die Innenstadt ziehen und Poster mit der Aufschrift "Heidenspaß statt Höllenqual" plakatieren.

Aber für ihn sind das nur mediale Girlanden einer ernsten Mission. "Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, der braucht keine Religion", sagt Schmidt-Salomon. Die Menschen, die ohne Gott lebten, bräuchten endlich eine politische Stimme.

"Kein soziales Lametta"

Eine dieser Stimmen ist der emeritierte Freiburger Entwicklungspsychologe Franz Buggle, der am frühen Abend - noch vor der Gegenpapst-Party - in einem kleinen Stadttheater einen Vortrag unter dem Titel "Denn sie wissen nicht, was sie glauben - Alte Werte, neue Scheiterhaufen?" hält. Rund achtzig Interessierte sind gekommen, niemand trägt die sonst üblichen WJT-Schlüsselbänder, an denen die Pilgerausweise baumeln. Hier sind die "Ketzer" offenkundig unter sich.

Buggle, der seit zwei Jahrzehnten gegen die Religion anschreibt, wirkt etwas fahrig und unkonzentriert, vielleicht hat ihm der einsame Kampf doch mehr zugesetzt, als er zugeben will. "Die Intellektuellen sind furchtbar zurückhaltend", klagt er vom Rednerpodium herab. "Es gibt kein soziales Lametta, wenn man Religionskritik betreibt. Das gilt immer noch als unfein."

"Folter, die nie aufhört"

Unfein ist für Buggle indes nicht die Kritik, sondern das Kritisierte, vor allem die Bibel selbst. Immer wieder zitiert er Stellen, die Gewalt und Eroberungskriege rechtfertigen, in denen es Gott gutheißt, dass die Gläubigen ihr "Schwert in Blut tauchen" oder die Kinder ihrer Feinde "zerschmettern" – "vor den Augen der Eltern" natürlich. Diese Passagen, vornehmlich aus dem alten Testament, sind für Buggle keine Religionsprosa, sondern ideologische Munition für Glaubenskrieger. Besorgt erwähnt er die Allianz zwischen US-Präsident George W. Bush und christlichen Fundamentalisten. Viele Zuhörer nicken eifrig.

Das zweite große Thema, das Buggle ausbreitet, ist die Konstruktion der Hölle, die nach Auffassung der Katholischen Kirche alles andere als ein Schauermärchen ist. "Eine Folter, die nie aufhört - das ist das schlimmste und inhumanste, das man sich vorstellen kann." In Westeuropa beeindrucke diese Drohung nicht viele, aber auf dem amerikanischen Kontinent sei das anders. Dort greife das Versprechen, den Besuchern des Weltjugendtages einen vollständigen Ablass der Sünden zu gewähren, wenn sie sich nur "glühenden Herzens" der Beichte und der Pilgerschaft unterwürfen.

"Weichfilterchristen sind schlimm"

Schmidt-Salomon, der den Vortrag an- und abmoderiert, kennt das alles, auch er hat die Bibel, den Katechismus und die maßgeblichen theologischen Schriften studiert. Und er teilt mit Buggle noch etwas: die geradezu physische Abneigung gegen Gläubige, denen diese Bildung fehlt. "Am schlimmsten sind die Weichfilterchristen", sagt Schmidt-Salomon nach dem Vortrag in der Theaterkneipe. "Für die ist alles nur Metapher und ihr Glaube sagt ihnen, alle hätten sich lieb. Es gibt ein umgekehrt proportionales Verhältnis zwischen Wissen und der Begeisterung für den Papst."

Tatsächlich ist diese Spezies auf dem WJT weit verbreitet: Junge Menschen, die irgendwo zwischen Spaßgesellschaft und Religion light oszillieren, die Pope-Watching klasse finden, danach ein Kölsch trinken und die Sexualmoral der Katholischen Kirche im Zweifelsfall ignorieren. Solange man ihre Namen nicht nennt, sagen sie Journalisten freimütig, dass sich der Papst in diesen Fragen eben "irre".

"Dat is Kölle"

Eine offensive Auseinandersetzung zwischen Pilgern und Religionskritikern findet nicht statt. Sie ist von WJT-Organisatoren nicht gewünscht. Selbst kritischen Theologen wie Hans Küng und Eugen Drewermann, die auf Katholikentagen schon mal zu Podiumsdiskussionen eingeladen werden, wurde mit harschen Worten klar gemacht, dass sie auf dem WJT nichts verloren hätten. Und die Protagonisten der Aufklärung - so verstehen sich Schmidt-Salomon und Kollegen - bleiben weitgehend unter sich. Als das Dinomobil mal in die Nähe des Doms gefahren ist, drohten aufgebrachte Pilger, den Wagen zu demolieren. Ansonsten ignorieren sie Vorträge, Demos und Spaßaktionen der Anti-Christen, so gut es eben geht.

Dabei ist selbst die Welt der Kritiker voller bizarrer Wunder. J. Odenthal, der Gegenpapst, ist im richtigen Leben Sonderschullehrer und bezeichnet sich selbst als "gläubig". "Jeder sucht den Illuminatus, die große erhabene Gestalt", sagt er. "Aber Ratzinger doziert nur. Er ist ein alter Mann, der ein bisschen herzlicher werden müsste." Und sein Programm, in dem er in Papstkleidern mit Büstenhalter auftritt? "Wir beleidigen keinen, wir kitzeln die Seele. Dat is Kölle, dat is rheinischer Frohsinn."