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Herausragendes Beispiel unterhaltsamer, humorvoller Berichterstattung: Kolumne: Zippert zappt

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Erschienen in DIE WELT 2005

Hans Zippert

Zippert zappt - Ausgewählte Texte


21.04.2005
Als der Name des neuen Führers der katholischen Kirche offiziell bekanntgegeben war, zeigten sich viele Menschen erleichtert: endlich ein Papst aus der Dritten Welt. Benedikt XVI. stammt aus einem hochverschuldeten Land, das wirtschaftlich am Boden liegt und in dem die Menschen den Glauben verloren haben. Um so wichtiger ist es, daß jetzt ein Deutscher Papst wurde. Lange Zeit glaubte man, daß es schon großartig genug ist, wenn ein 17jähriger, ungesetzter Leimener zum ersten Mal Wimbledon gewinnt, aber ein deutscher Papst ist einfach noch unglaublicher. Jetzt gehört eine der schönsten Ecken Roms praktisch zu Deutschland. Die Sixtinische Kapelle, der Petersdom und die Vatikanische Briefmarkensammlung sind deutsch. Hans Eichel kann sich die Hände reiben. Benedikt XVI. herrscht über 1,1 Milliarden Katholiken, wenn jetzt noch Franz Beckenbauer Fifa-Präsident wird, dann ist Deutschland auf friedlichem und legalem Wege zum Weltherrscher geworden. Da sollten sich die Chinesen schon mal warm anziehen, denn sie verstehen weder was von Fußball noch von Katholizismus. Die Deutschen aber sind nicht nur ein Volk, sie sind jetzt das Volk von Gottes Stellvertreter.

25.06.2005


Viele Raststätten in Europa weisen erhebliche Mängel auf. Das hat der ADAC nach umfangreichen Tests herausgefunden. Testverlierer war die Raststätte Bad Dollingen West an der A 5. Dort ist die Einfahrt nur mit gültiger Gelbfieberimpfung und Hepatitis-B-Prophylaxe erlaubt. Außerdem stand der Wickeltisch zu nahe an der Friteuse, das Bratfett hätte verunreinigt werden können. Der Seniorenteller in der Rastanlage Demmbacher Höhe (A 7) bestand zu 40 Prozent aus Gemüse, 35 Prozent Sägemehl, 23 Prozent Dachpappe und nur zu zwei Prozent aus Seniorenrückständen. Auf dem Gelände der Rastanlage Widdenbürgel (A 2) existiert keine Vorrichtung, an der man bei Urlaubsantritt Hunde und kleine Kinder anbinden kann. Bemängelt wurde auch die Raststätte Gräfflikon an der Schweizer A 1, wo es keine Möglichkeit gibt, ein Nummernkonto zu eröffnen. Nach Ansicht des ADAC erkennt man eine gute Raststätte unter anderem daran, daß die Kakerlaken weiße Schutzkleidung tragen und daß das Frittierfett aus diesem Jahrtausend stammt. Es ist auch nicht verkehrt, wenn, wie in der Rastanlage Hagen Südwest, an jedem Tisch ein Notarzt sowie ein Geistlicher und ein Notar sitzen.

18.07.2005


PDS heißt jetzt Linkspartei. Nach der Umbenennung von Raider in Twix handelt es sich um einen der spektakulärsten Namenswechsel, den es bei einem Markenprodukt gegeben hat. Für die PDS ist das sogar der vierte Name. Es begann mit SED, der Sozialistischen Einheitspartei. Die SED existierte 43 Jahre und gehörte zu den beliebtesten Parteien. Bei Wahlen erzielte sie Traumergebnisse von 99,8 Prozent und war nie auf Koalitionen angewiesen. 1989 erfolgte die Umbenennung in SED/PDS, aber der Name setzte sich nicht durch. Niemand konnte sich nämlich erklären, wofür der Schrägstrich stehen sollte: für die schräge Gesinnung, für das schiefe Geschichtsbild oder für die Talfahrt der Wirtschaft? Deshalb nannte sich die SED/PDS nur noch PDS. Eine Abkürzung, die für "Parteinachfolgeorganisation der SED" stand und 16 Jahre lang existierte. Nun also heißt die PDS plötzlich Linkspartei und will sich damit vor allem das große Wählerreservoir der Linkshänder erschließen. Diese Menschen haben eigene Scheren und Besteck, aber noch keine eigene Partei. Erste Forderung: Parkplätze für Linkshänder, die Einrichtung einer Fahrspur für Linksverkehr und eine Linkshänderquote im Staatsdienst.

01.11.2005


Das Benehmen junger Menschen läßt vielfach zu wünschen übrig. In Paris liefern sie sich Straßenschlachten mit der Polizei, in Deutschland liefern sie schlechte Ergebnisse im Pisa-Test, und zu Hause liefern sie uns täglich viele Vorwände zur Unzufriedenheit. Sie räumen nicht auf, sie waschen nicht ab, sie machen den Fahrradschuppen nicht zu und essen zuwenig Gemüse. Gestern sah einer dieser jungen Menschen, der zufällig in unserer Familie lebt, in den Nachrichten, wie 10.000 Amerikaner von der Bürgerrechtlerin Rose Parks Abschied nahmen. Mit Interesse vernahm er, daß diese Frau eine historische Tat vollbracht hatte. Sie war im Bus nicht für einen Weißen aufgestanden. Unser Sohn wirkte beeindruckt und fühlte sich bestätigt, denn auch er steht im Bus grundsätzlich nicht für Weiße auf, er steht für überhaupt niemanden auf. Dank ständigen Werteverfalls und fehlender Leitkultur ist zu befürchten, daß man ihn eines Tages tatsächlich im Reichstag aufbahren wird, wo 100.000 Mitbürger bewegt Abschied von ihm nehmen. Weil er mit seiner Tat "mutig gegen die Diskriminierung von Rüpeln und Taugenichtsen in unserer Gesellschaft gekämpft hat".

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