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Herdentrieb: Wenn Kühe mit Dialekt muhen

Kühe muhen mit Akzent: Diese Meldung der BBC ging im August um die Welt. Zoologen waren entzückt, Landwirte entsetzt: Sind da nicht tierische Missverständnisse programmiert? Hinter der Geschichte steckt Rinderwahn der besonderen Art, berichtet stern TV.

Von Sönke Wiese

Trotz des bekannten englischen Humors: In diesem Fall meinen es die Bauern ernst. Im britischen Sommerset wollen es die Viehhalter als Erste bemerkt haben: Ihre Kühe würden mit Lokalkolorit kommunizieren. Landwirt Lloyd Green von Glastonbury sagt: "Meine Kühe muhen eindeutig mit Sommerset-Slang." Auch königliche Kühe pflegen angeblich einen eigenen Umgangston: Holländische Import-Rinder verstünden sich nicht mit dem englischen Adelsvieh, beteuert ein Knecht am Hof der Queen. Andere Landwirte bestätigen die Erfahrungen. Schlichte Erklärung der Besitzer: "Unsere Kühe imitieren uns!" Je mehr Zeit man mit seinen Tieren verbringe, desto stärker würden sie mit Dialekt muhen.

Ein gefundenes Fressen für die Boulevard-Presse: "Sprach-Chaos auf der Weide" befürchtet die "Bild"-Zeitung online, "Kühe muhen mit Dialekt" berichtet die "taz", "Muh-Wirrwarr babylonischen Ausmaßes" schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Viele Tageszeitungen verbreiten die Geschichte, diverse Fachpublikationen widmen sich dem phonetischen Phänomen, sogar ein deutsches Fernsehmagazin berichtet über den "Kuh-Muh-Dialekt". Südafrika, Australien, Israel, China: Die angebliche Entdeckung gilt überall auf der Welt als wissenschaftliche Sensation.

Der "Experte" ist ahnungslos

Die Bauern hingegen sorgen sich ernsthaft um die Stimmung im Stall. Tom Hind von der National Farmers' Union sagt der "Daily Mail": "Kühe aus Wales beispielsweise könnten aufgrund ihres starken Akzents Probleme bekommen, wenn sie in andere Regionen kommen." Gibt es etwa ein Muh-Mobbing?

Richtig rund wird die Geschichte aber erst mit Hilfe eines Experten. Der Wissenschaftler, den zunächst die BBC und in Folge viele andere Medien zitieren, ist John Wells, Sprachforscher an der University of London. Noch nie hat der Professor mit seiner Forschung für so viel Furore gesorgt. Der Haken: Ausgerechnet mit den Tierlauten hat er sich leider, leider gar nicht beschäftigt - Wells hat keine Ahnung von Kühen. Wie kommt die seriöse BBC bloß auf ihn als Vieh-Experten? Rinderwahn in der Redaktion?

Hinter all dem Aufruhr steckt eine PR-Agentur. Im Auftrag eines britischen Käseherstellers wollten die Werber höchstwissenschaftlich bestätigt haben, dass die westenglischen Kühe etwas ganz Besonderes seien. Wenigstens einen kleinen Dialekt sollten sie haben, Herr Professor, können Sie das bestätigen, bitteschön? John Wells jedoch sagt: "Ich denke, das ist höchst unwahrscheinlich, aber es gibt seriöse wissenschaftliche Untersuchungen, dass Vögel regionale Gesangsunterschiede zeigen. Und wenn Vögel und Menschen lokale Akzente aufweisen, kann man Ähnliches für Kühe auch nicht vollständig ausschließen."

Die PR-Profis verkürzen die Aussage, garnieren sie mit den Zitaten der Bauern und lancieren die Geschichte in den Medien; die BBC beißt als Erste an. Etliche Journalisten formulieren Wells Worte ganz um zu einem "es ist so" - und Kollegen auf der ganzen Welt schreiben ab.

Wells gilt nun weltweit als der "Kuh-Prof"

Inzwischen beschäftigen sich allein im deutschsprachigen Internet mehrere Zehntausend Seiten mit der Sprachverwirrung im Stall, selbst die freie Enzyklopädie Wikipedia verweist (zumindest bis Mittwoch dieser Woche) unter dem Stichwort "Kuh" auf die vermeintliche britische Studie, als Quelle dient n-tv. Richtigstellungen in Zeitungen oder auf Webseiten findet man kaum.

Professor John Wells gilt nun überall als der Kuh-Sprech-Spezialist schlechthin. Obwohl er in Dutzenden Radio- und TV-Interviews Aufklärung betreibt, ist der mediale Rinderwahn nicht mehr auszumerzen. Zumindest unter Journalisten funktioniert der Herdentrieb grenzenlos - Akzente stören sie nicht.