HOME

Jade Goody: Die Lady Di des Trash-Fernsehens

Sie starb in der Nacht zum britischen Muttertag an den Folgen von Gebärmutterhalskrebs: Jade Goody, "Big Brother"-Kandidatin und Medienphänomen, wird heute in 16-seitigen Sonderbeilagen der britischen Boulevardpresse als Heilige und Prinzessin Diana der Arbeiterklasse gefeiert. Die Frage bleibt: Warum?

Von Cornelia Fuchs, London

Vor den Holztoren am Haus der Familie Goody in Upshire im Norden von London häufen sich die Blumensträuße. "Du hast einen besonderen Plaz (sic!) in unseren Herzen" steht auf den angehefteten Karten, und die Rechtschreibfehler wirken dabei wie ein ernsthafter Tribut an die Frau, die in den vergangenen sieben Jahren gerade wegen ihrer Fehler und ihrer unbekümmerten Art zum britischen Fernseh-Maskottchen geworden ist.

Jade Goody war der Traum von Fernsehproduzenten, die mit ihren Formaten das wahre Leben abbilden wollen - und ihre Krebserkrankung im vergangenen halben Jahr war das öffentlich durchlittene Finale eines Trauerspiels im heutigen Medienzeitalter.

Goody erschien den Briten das erste Mal im Sommer 2002 als Hausbewohnerin bei "Big Brother". Sie war laut, sie war blond und selbstgebräunt, und sie sorgte mit Sprüchen wie "Ist Rio de Janeiro nicht eine Person?", "Ich spiele nicht ticktaktisch" oder "Was ist Spargel? Muss man den anbauen?" für Heiterkeit bei Fernsehzuschauern. Viele verglichen sie damals mit überaus bösen Untertönen mit einem Schweinchen. Goody war zum Abschuss freigegeben worden.

Ausbildung trotz widriger Familienverhältnisse

Doch sie hat sich niemals unterkriegen lassen. Sie hatte schon Schlimmeres überstanden in den ersten 21 Jahren ihres Lebens. Beide Eltern waren während ihrer Kindheit heroinabhängig, unter ihrem Gitterbett hielt der Vater Waffen versteckt, die Mutter verlor bei einem Motorradunfall einen Arm und ließ sich von ihrer Tochter pflegen. Dafür gab sie Goody mit fünf Jahren ihren ersten Joint zu rauchen. Die schaffte es trotz der widrigen Familienverhältnisse, eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin abzuschließen. Sie wusste, was sie wollte - einen Platz im Rampenlicht. Und dafür war sie bereit, einiges zu geben.

Ihre Chuzpe wurde legendär: Die Frau, die bekannt war für ihre voluminösen Kurven und ihren schlechten Geschmack, produzierte Fitness-DVDs und Parfüms und eröffnete einen Beautysalon. Und die ganze Zeit, Jahr für Jahr, war sie auf den Klatschseiten der Medien präsent. Wie die unvermeidliche Abfolge der Jahreszeiten, folgten auf Schmähgeschichten die Erfolgsmeldungen im Medienleben der Jade Goody.

So brach sie während eines Wohltätigkeitsmarathons bei Kilometer 20 zusammen und wurde zusammengefaltet für ihre schlechte Vorbereitung, die vor allem in ausgedehnten Curry-Mahlzeiten bestanden hatte. Wenige Monate später wurde sie als Vorzeige-Mutter porträtiert, die ihren zwei Jungs auch nach der Trennung von Mit-Reality-Fernsehstar und Teilzeit-Moderator Jeff Brazier ein ordentliches Familienleben bieten konnte. Jade Goody war für die britischen Fernsehzuschauer und Zeitungsleser ein so fester Bestandteil der einschlägigen Talkshows und Zeitungsseiten wie Verona Feldbusch in Deutschland. Alles, was sie tat, wurde kritisiert, nichts war zu intim.

Rassismus-Vorwürfe

Sie wurde zum Star, weil sie ständig im Fernsehen war, und sie war ständig im Fernsehen, weil sie ein Star war. Höhepunkt dieser sich selbst verstärkenden Spirale sollte ihr Auftritt bei der Prominenten-Spezialausgabe der "Big Brother"-Serie im Januar 2007 werden - doch Goody verrannte sich mit Schimpftiraden gegen die indische Schauspielerin Shilpa Shetty. Ihr von Wut verzerrtes Gesicht ging um die Welt, sie nannte Shetty "Shilpa Poppadum" und "Fuckawalla", zehntausende Zuschauer beschuldigten sie des Rassismus, die TV-Beschwerdestelle wurde eingeschaltet, und Gordon Brown musste sich auf Staatsbesuch in Indien für seine unflätige Mitbürgerin entschuldigen.

Goodys Parfum wurde aus den Läden genommen, ihre Verträge wurden frühzeitig beendet. Der fünfjährige Medienflirt zwischen Goody und Großbritannien schien beendet, das Interesse an ihrem Auftritt in der indischen Version von "Big Brother" im August 2008, inszeniert als große Entschuldigungsgeste, stieß auf ziemlich wenig Interesse. Und dann wurde ihr am zweiten Tag vor laufender Live-Kamera, wie die Eingabe eines übereifrigen Drehbuch-Autors, die Krebsdiagnose mitgeteilt. Der Gebärhalsmutterkrebs war zu spät erkannt worden, der Tumor schon groß gewachsen.

Die letzte "Goody-Inszenierung"

Nach Erfolg und dem Niedergang durch die selbstverschuldeten Ausfälle im "Big Brother"-Haus, begann nun das kathartische letzte Kapitel im Trauerspiel der Jade Goody. Sie engagierte den bekanntesten PR-Agenten in Großbritannien, Max Clifford. Der garantierte, dass die Hochzeit mit Freund Jack Tweed, die Taufe ihrer Kinder, ja, sogar ihre Beerdigung zum besten Preis an die Öffentlichkeit verkauft wurde. Ein Kamerateam filmte sie bei Chemotherapie und vor dem Spiegel, als ihr die Haare ausfielen. Das Magazin "OK!", das ihre Hochzeitsbilder exklusiv abdruckte, war innerhalb von wenigen Tagen ausverkauft und der Erfolg so groß, dass das Magazin schon die Spezialausgabe mit den "letzten Worten" der Jade Goody an die Kioske brachte, als diese in der vergangenen Woche noch im Schmerzmittel-Dämmerschlaf lag und sich weiter an ihr Leben klammerte.

Als Jade Goody in der Nacht auf Sonntag starb, war sie schon weit mehr als ein Fernsehstar. Sie war eines der seltsamsten Medienphänomene, die das an Medienphänomenen nicht gerade arme britische Königsreich je gekannt hatte. Goody überbrückte die Klassenunterschiede problemlos: Stephen Fry, Buchautor und Englands beliebtester Intellektueller, nannte Goody "die Prinzessin Diana von der falschen Seite des Lebens", ein britischer Bischof hieß sie gar eine "moderne Heilige". Tausende Frauen gingen nach dem öffentlichen Leiden der Jade Goody zur Krebsvorsorge. Eine Initiative will das Alter für die Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge auf 25 Jahre senken, die Zahl der Impfungen bei Mädchen gegen den Krebs hat stark zugenommen.

Goodys Beerdigung wird im Fernsehen übertragen werden, ihr PR-Agent nennt es die "letzte Jade-Goody-Inszenierung". Die Millionen, die sie in den letzten Monaten ihres Lebens zusammengetragen hat, sollen in die Schulbildung ihrer Söhne Freddie und Bobby fließen, fünf und vier Jahre alt. Die Tragödie der Jade Goody wird Großbritannien auch ohne die Protagonistin weiter beschäftigen.