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J. Engelmann: "Jede Woche Baby" Wir sollten öfter mal "Ja" sagen


Wer im Alltag häufiger "Ja" sagt, wagt sich in neue Abenteuer. Man muss nicht immer alles verneinen, sondern sollte ergebnisoffener, neugieriger sein. Viele von uns können viel mehr, als sie glauben.

Die amerikanische Autorin und Schauspielerin Tina Fey schreibt in ihrem Buch "Bossypants" von vier Regeln, die zu einer guten Theaterimprovisation führen. In einer Improvisationsszene werden Handlung und Rollen während einer laufenden Szene von den Schauspielern selbst entscheiden. Die Regeln setzen also zu dem Zeitpunkt an, an dem das Gegenüber durch eine Aussage eine Entscheidung trifft ("Du hast vergessen unseren Sohn von der Kita abzuholen", legt zum Beispiel fest, dass die beiden Darsteller einen gemeinsamen Sohn haben). Die erste Regel von Tina Fey besagt, dass man zustimmt und "Ja" sagt – zu jeder Situation, in die man in einer Improvisations-Szene geworfen wird. ("Wieso, wir haben doch keinen Sohn" wäre demnach ein nachvollziehbarer Impuls, aber kontraproduktiv). Tina Feys Improvisationsregeln zwei bis drei empfehlen dann, die Situation mit eigenen Ideen zu ergänzen und dabei nur Möglichkeiten anstelle von Fehlern zu sehen.

Das ist eine spannende Metapher, weil sie so wahr ist. Jegliche Theaterimprovisation würde gleich deprimierend verlaufen, wenn der eine Schauspieler dem anderen im ersten Satz klar macht, dass die Situation unlogisch oder falsch ist. Das lässt sich eins zu eins auf den Alltag übertragen. Der Alltag ist voll von unvorhergesehenen Ereignissen. Aber mit dem Finger darauf zu zeigen, ist kontraproduktiv. Darin eine sportliche Herausforderung zu sehen, um daraus mit eigener Kraft etwas Neues zu kreieren, halte ich für eine wünschenswerte Stärke und mindestens für eine gute Handlungsalternative.

Ich erschrecke vor überraschenden Ereignissen

Ich versuche immer zu antizipieren, was als nächstes in meinem Leben passiert. Und wenn ein Ereignis meiner Hochrechnung widerspricht, dann erschrecke ich mich davor und empfinde es als Hürde. In den seltensten Fällen sehe ich darin eine "Chance", etwas Neues zu erschaffen. Als ich Tina Feys Improvisationsregeln zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich: Stimmt! Warum bin ich nicht noch viel ergebnisoffener und neugieriger? Warum sage ich nicht viel öfter "Ja"?

Die amerikanische Serienproduzentin Shonda Rimes geht in ihrem Buch "Year of Yes" noch einen Schritt weiter und schreibt davon, wie sie angefangen hat, zu allem "Ja" zu sagen, wovor sie Angst hatte. Sie hat sich also aktiv und bewusst aus ihrer Komfortzone herausbegeben und Dinge getan, von denen sie weder wusste, wie sie sich selbst dabei verhalten würde, noch, was am Ende dabei rauskommen würde. So hat sie zum Beispiel eine öffentliche Rede gehalten, obwohl sie schreckliche Angst davor hatte und beschreibt, wie sie das "Ja" sagen zu einer Sache dazu bewegt hat, zu noch viel mehr Dingen "Ja" zu sagen. Und dadurch hat sie zunehmend erfahren, dass sie zu viel mehr in der Lage ist, als sie vorher dachte.

Passive Beliebigkeit ist nicht gemeint

"Ja"-sagen sollte natürlich weder zur passiver Beliebigkeit werden, noch aus Mangel an Grenzsetzungsfähigkeiten entstehen. "Nein"-sagen ist mindestens genauso wichtig und ein gutes Konzept, das möchte ich an dieser Stelle unbedingt anmerken. Das eine schließt das andere jedoch nicht aus – es bedingt einander. Dass kritische Reflektion und gesunde Vorsicht lebensnotwendig sind, halte ich für eine Alltagsprämisse.

Das hier ist im Grunde ein Aufruf zu mehr Ergebnisoffenheit, mehr Optimismus und mehr Mut. Das hier ist Werbung für ein Mindset, das auf unvorhergesehene Überraschungen und Veränderungen insgeheim vorbereitet ist und sie als Chancen und nicht als Grenzen ansieht. Das hier ist ein Apell, eine neue Situation erst mal pauschal anzunehmen anstatt zu negieren. Mir gefällt "Ja"-sagen als Haltung dem eigenen Leben gegenüber. Oh ja!

Mein Soundtrack zum Text: „Misery Business“ – Paramore


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