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Kardinal Joachim Meisner: Der Herrscher vom Dom

"Schlimme Entgleisungen" nennen Kritiker die provokanten Aussprüche des Kölner Erzbischofs Joachim Meisner. Nicht wenige halten ihn als Kardinal für untragbar - und doch traut sich keiner, ihn öffentlich zu tadeln. stern.de listet seine schlimmsten Sprüche auf - von NS-Vergleichen bis zu Seitenhieben gegen Muslime.

Von Christian Parth

Der Satz klang wie ein Donnerhall. "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet." Diesen Satz sprach Joachim Kardinal Meisner während einer Predigt im Kölner Dom anlässlich der Eröffnung des neuen Diözesanmuseums "Kolumba" am vergangenen Freitag. Die Entrüstung folgte prompt.

Kardinal ficht Kritik nicht an

Der Zentralrat der Juden bezeichnete Meisner als "geistigen Brandstifter". Für Kulturstaatsminister Bernd Neumann sind die Worte des Kardinals "völlig inakzeptabel", und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken äußerte dem "Kölner Stadt-Anzeiger" gegenüber gar Mitleid mit einem Mann, der "in jedes Fettnäpfchen tritt". Doch wer Meisner kennt, weiß, dass ihn das kaum anficht. Eine Entschuldigung war daher ohnehin nicht zu erwarten und so bedauerte er tags darauf tatsächlich lediglich die "Missinterpretation eines einzelnen Wortes".

Auch Gerhard Richter sprach von einer "schlimmen Entgleisung". Der Kölner Künstler hatte ebenfalls kürzlich Bekanntschaft mit Meisners gespaltenem Verhältnis zur modernen Kunst gemacht. Als Richter Anfang September sein neues Fenster im Kölner Dom präsentierte, rümpfte der Kardinal die Nase. Keine Jungfrau Maria, die das Jesuskind hält, kein Urvater Abraham, wie ihn etwa Marc Chagall in der Mainzer St.-Stephan-Kirche in Szene setzte.

Spaß an Provokation?

Richters Fenster ist fast 19 Meter hoch, 113 Quadratmeter groß und besteht aus 11.500 Farbquadraten, ganz ohne jedes Motiv. Das passe vielleicht in eine "Moschee oder ein Gebetshaus", nicht aber in den Kölner Dom, echauffierte sich der Kardinal. Wieder hatte er alles Weltliche gegen sich aufgebracht und dabei auch noch den Muslimen einen Seitenhieb verpasst. Manchmal hat man fast den Eindruck, Meisner habe Spaß an seinen Provokationen.

Die Vergangenheit zeigt, dass zumindest Meisners Irrfahrten in die Wortwelt der Nazis kein Zufall sind. Vor allem, wenn es um seinen persönlichen Feldzug gegen Abtreibung und Verhütung geht, ließ er sich immer wieder zu skandalträchtigen Äußerungen hinreißen. Im Dezember 1998 etwa bezeichnete er die Abtreibungspille RU 486 als "ein Tötungsinstrument". Es sei "eine unsägliche Tragödie, wenn sich am Ende dieses Jahrhunderts die chemische Industrie ein zweites Mal anschicken würde, in Deutschland ein chemisches Tötungsmittel für eine bestimmte gesetzlich abgegrenzte Menschengruppe zur Verfügung stellen".

"Bedauern über Missverständnisse"

Zwei Jahre später geißelte er Europa gar als "gottlos". Im Januar 2005 legte er noch einmal nach. Wieder verglich er Abtreibungen mit den Verbrechen Hitlers und Stalins. Der Zentralrat der Juden war entsetzt, die Fraktion der Grünen polterte. Meisner ruderte zurück. Über die Internetseite des Bistums erklärte er hernach sein Bedauern über die Missverständnisse.

Der Kölner Oberhirte tut sich schwer mit Kritikern. Seit 1989 hat der im schlesischen Lissa geborene Meisner das Amt des Kölner Erzbischofs inne. Der Hüter der reinen Lehre gilt als schwieriger Interviewpartner. Und es kommt vor, dass in Ungnade gefallene Journalisten ihre Chance auf weitere Audienzen bei Meisner auf alle Zeiten verwirkt haben. Dennoch ist der Kardinal verzweifelt bemüht, Sympathien zu sammeln.

Spontanität ist seine Sache nicht

Beim Eröffnungsgottesdienst zum Weltjugendtag 2005 im Kölner Stadion etwa bemühte er sich um angemessene Lockerheit. Nach einer einschläfernden Predigt über den Katholizismus legte er der Jugend der Welt eine Narrenkappe auf den göttlichen Gabentisch, als Zeichen für den rheinischen Frohsinn. Als sich danach der planmäßige Einmarsch der kurzberockten Karnevalsgruppe "Rote Funken" verzögerte, stand Meisner nur noch peinlich berührt vor der Masse, stammelte unverständlich ins Mikro und lächelte gequält in die Kameras. Spontanität ist seine Sache nicht.

In den ehrwürdigen Gemäuern seines Bistums fühlt er sich deutlich wohler. Über die Jahre hinweg konnte der 73-Jährige hier seine Seilschaften installieren und regiert nun mit eiserner Hand. Ein entscheidender Schachzug zur Sicherung seines kleinen Reiches war die Berufung von Dominik Schwaderlapp zum Generalvikar. Endlich hatte Meisner seinen verlängerten Arm an entscheidender Position. Seither droht jedem, der das Wort erhebt, Versetzung oder Kündigung. Erstes Opfer wurde im Mai 2005 der weithin geachtete Bistumsjustiziar Wilhelm Meller. Weil er Zweifel an Schwaderlapps Reformplänen äußerte, wurde er nach 28 Jahren vor die Tür gesetzt.

Opus Dei im Bistum gestärkt

Zuletzt erwischte es Pressesprecher Manfred Becker-Huberti im vergangenen Jahr. Als er hörte, dass Stephan Georg Schmidt, leidenschaftliches Mitglied von Opus Dei, sein Nachfolger und zugleich Chefredakteur der Kirchenzeitung werden sollte, nahm er vorsorglich selbst seinen Hut. Das Generalvikariat, hieß es offiziell, erhoffe sich durch die Zusammenlegung von Redaktion und Pressestelle Synergieeffekte und Einsparungen. Inoffiziell brodelte es aber längst zwischen dem gemäßigten Becker-Huberti und seinem Chef. Meisner schlug zwei Fliegen mit einer Klappe. Er konnte Schmidt befördern und gleichzeitig die Position des strengen und hierarchietreuen Laienbewegung Opus Dei im Bistum stärken.

Meisners Politik der harten Hand zahlt sich aus. Kaum einer findet noch den Mut, die Entscheidungen des Kardinals öffentlich zu kritisieren. Hannelore Bartscherer, Vorsitzende des Kölner Katholikenausschusses, sagte nach Becker-Hubertis Demission: Die "blanke Angst" gehe um. Meisner, ganz Profi, verabschiedete Becker-Huberti übrigens mit den Worten: "Wir wünschen ihm weiterhin Gottes Segen und damit Schaffenskraft in Gesundheit und geistiger Frische." Doch auch Meisners Herrschaft währt nicht ewig. Im Dezember 2008 wird er 75 Jahre alt - und muss dann Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt anbieten. Einige Mitglieder des Erzbistums dürften sich daher schon jetzt auf Weihnachten im nächsten Jahr freuen.

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