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Sexueller Missbrauch Italien: Katholische Kirche identifiziert 68 mutmaßliche Sexualstraftäter in zwei Jahren

Vatikan: Die katholische Kirche in Italien hat erstmals ein Missbrauchsgutachten veröffentlicht
Die Kuppel des Petersdoms: Die katholische Kirche in Italien hat erstmals ein Missbrauchsgutachten veröffentlicht
© Gregorio Borgia / DPA
Die katholische Kirche in Italien hat das erste Missbrauchsgutachten vorgelegt. Innerhalb von zwei Jahren habe man 68 mutmaßliche Sexualstraftäter identifiziert. Opferanwälte kritisieren den Bericht scharf.

Die katholische Kirche in Italien hat den ersten Bericht zur Untersuchung sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbedürftigen vorgestellt. Demnach seien alleine im Zeitraum von zwei Jahren 68 mutmaßliche Sexualstraftäter identifiziert worden, hieß es auf einer Pressekonferenz. Die Anwälte der Opfer kritisierten den kurzen Untersuchungszeitraum als "Witz". 

Italien: Katholische Kirche identifiziert 68 mutmaßliche Missbrauchstäter

Die Zahl ist erstaunlich hoch, wenn man bedenkt, dass sich die Untersuchung nur auf den Zeitraum von 2020 bis 2021 bezog und nur Daten von "Zuhörzentren" herangezogen wurden, die 2019 von Diözesen in ganz Italien speziell für die Entgegennahme von Missbrauchsbeschwerden eingerichtet worden waren.

Der Bericht, der Teil der ersten Untersuchung der katholischen Kirche über Missbrauch in ihren Reihen ist, wurde am Donnerstag von der italienischen Bischofskonferenz veröffentlicht. Demnach haben 89 Personen Anschuldigungen gegen 68 mutmaßliche Missbrauchstäter erhoben, darunter Priester und Laien, Kirchenmitarbeiter und Religionslehrer. 

Von den 89 Beschwerden betrafen zwölf Kinder unter zehn Jahren, 61 Kindern im Alter zwischen zehn und 18 Jahren, 16 der mutmaßlichen Opfer waren über 18 Jahre alt, eine Gruppe, die die Kirche als "vulnerabel" definiert.

Opfergruppen fordern unabhängige Untersuchung

Eine separate Untersuchung, die sich auf Anschuldigungen aus dem Jahr 2000 konzentriert, wird derzeit durchgeführt. Wann die Ergebnisse veröffentlicht werden, ist derzeit unklar.

Ein Netzwerk von Opfergruppen, Ordensleuten und Laienverbänden hatte darauf gedrängt, dass der italienische Staat eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gibt, ähnlich den Untersuchungen in den USA, Irland, Chile, Frankreich und Deutschland, die das erschütternde Ausmaß des sexuellen Missbrauchs und die Versuche der katholischen Kirche in diesen Ländern, ihn zu vertuschen, aufgedeckt hatten.

Auf der Grundlage der in dem Bericht vom Donnerstag bekannt gegebenen Zahlen schätzte Francesco Zanardi, der die italienische Opfervereinigung "Rete L'Abuso" gegründet hat, dass die Zahl der Opfer sexuellen Missbrauchs in den letzten 22 Jahren bei fast 2.000 liegen könnte, das berichtet der "Guardian".

"Es war schon enttäuschend, dass der Bericht Anschuldigungen aus der Zeit vor dem Jahr 2000 nicht berücksichtigte", sagte Zanardi der britischen Zeitung. "68 Missbrauchstäter in nur zwei Jahren zeigen, dass es ein Problem gibt." Der Zeitrahmen des Berichts sei dagegen ein Witz und schließe eine Reihe von Zahlen aus. Es werde lediglich auf die "Zuhörzentren" verwiesen, so Zanardi. "Dieser Bericht ist beschämend unzureichend."

Vatikan sammelte Akten zu 613 Missbrauchsfällen, die bis ins Jahr 2000 zurückreichen

Erzbischof Lorenzo Ghizzoni sagte während einer Pressekonferenz, dass der Bericht "nur ein Anfang" sei und fügte hinzu, dass das Bewusstsein für die Schwere des sexuellen Missbrauchs von Kindern innerhalb der katholischen Kirche gewachsen sei und dass eine wirkliche Veränderung begonnen habe, "als wir anfingen, uns in die Lage der Opfer zu versetzen".

"Wir teilten ihren Schmerz und ihre Wunden, und als wir anfingen, diesen Faktor zu berücksichtigen, begannen wir, unseren Stil ernsthaft zu ändern", so Ghizzoni. 

Er erinnerte jedoch daran, dass "93 % der Missbrauchsfälle in der Familie oder innerhalb des 'Vertrauenskreises' stattfinden". Das Bewusstsein für sexuellen Missbrauch müsse in allen Bereichen der Zivilgesellschaft wachsen.

Schuldige Priester werden häufig nicht entlassen, sondern nur versetzt

Die meisten Untersuchungen zu Kindesmissbrauch in der Kirche werden in Italien vom Vatikan durchgeführt und unter Verschluss gehalten. Wenn sie von einem vatikanischen Gericht für schuldig befunden werden, werden die meisten Priester in eine neue Diözese versetzt, anstatt dass sie des Amtes enthoben werden. Von denjenigen, die von einem italienischen Gericht für schuldig befunden werden, werden nur wenige inhaftiert.

Laut des "Guardian" hätten Ergebnisse einer Untersuchung in Frankreich, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, ergeben, dass 216.000 Kinder in sieben Jahrzehnten von Geistlichen missbraucht wurden. Ein Bericht in Deutschland kritisierte den ehemaligen Papst Benedikt XVI. dafür, dass er es versäumt hatte, gegen vier Priester vorzugehen, die des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigt wurden, als er zwischen 1977 und 1982 Erzbischof von München war.

"Es ist eine Schande, dass der italienische Staat in dieser Sache nichts unternimmt", so Zanardi. "In normalen Ländern hat es eine unabhängige Untersuchung gegeben, aber nicht in Italien. Irgendetwas passt da nicht zusammen."

Quellen: "The Guardian", "Katholisch.de", "euronews", "nau.ch"

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