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Kinder malen die Flucht: Die traurig-schönen Bilder der Flüchtlingskinder

Was macht die Flucht mit einem Kind? In einem Erstaufnahmelager in Hamburg haben Ehrenamtliche eine Kinderbetreuung organisiert - und den Flüchtlingskindern Stift und Papier gegeben. Die berührenden Bilder.

Boote

Täglich spielen bis zu 40 Kinder im improvisierten Kindergarten in den Hamburger Messehallen. Sie kicken mit Fußbällen, fahren Bobbycar, springen Seil  - und malen viel. Die Motive sind oft berührend wie dieses hier: ein Boot auf dem Wasser, die deutsche Fahne weht darauf, darunter schwimmen blutrote Fische im Meer. Viele Kinder sind mit Schlepper-Booten nach Europa gekommen und verarbeiten so das Erlebnis. "Ein Kind malt eher einen bedrohlichen Fisch, als das, was wirklich war. Die Motive lassen sich selten exakt übersetzen", sagt die Kunsttherapeutin Utta Hoffmann.

Zwei kleine Mädchen pusten kichernd Seifenblasen in die Luft, neben ihnen sausen drei weitere Kinder auf Rollern vorbei, ein kleiner Junge baut ein Haus aus Bauklötzen: Es könnte eine Szene aus einem ganz normalen Kindergarten sein. Doch die etwa 30 Kinder, die über einen eingezäunten Hof an den Hamburger Messehallen toben, leben in einem Erstaufnahmelage für Flüchtlinge. Über 1200 Menschen - viele aus Syrien und Afghanistan- sind hier in einer riesigen Halle untergebracht, schlafen Bett an Bett mit Fremden, warten auf Hilfe. Darunter geschätzt 100 Kinder.

Bei der ersten Nachbarschaftsversammlung vor sechs Wochen war deshalb klar: Für die Kleinen muss etwas getan werden. "Unser Ziel war es, die Eltern für einige Stunden am Tag zu entlasten und die Kinder etwas abzulenken", sagt Nelli Khorrami. Gemeinsam mit einer ehrenamtlichen Kerngruppe von vier weiteren Hamburgern hat sie das Projekt "Kinderprogramm Messehallen" aus dem Boden gestampft. Von den Hygieneregeln über Spielzeugspenden bis zum Abschlussritual mit gemeinsamem Singen wurde alles neben Job und Familie organisiert. In nur vier kurzen Wochen hat sich ein eingespielter Betreuungs-Dienst entwickelt - alles unterstützt von Freiwilligen. "Wir hoffen, dass die Kinder so später auch schöne Erinnerungen an die Zeit in den Messehallen haben", sagt Khorrami. Sechs Stunden täglich sind jeweils 14 ehrenamtliche Helfer im Einsatz. Spielen, lachen, trösten - auf deutsch, englisch, arabisch, mit Händen und Füßen. 

Immer wieder "I love Germany"

Und es wird gemalt. Mit Wasserfarbe oder Wachsmalstiften füllen die Kinder Papier um Papier. Die fertigen bunten Bilder verschönern die Wände des tristen Hofs, der als provisorischer Kindergarten dient. Wer genau hinsieht, der entdeckt in den Malereien mehr als nur kindliches Spiel. Auffallend häufig wird die deutsche Flagge gemalt, ein "I love Germany" dazu geschrieben. Die Kinder kommen offen und mit positiven Erwartungen in unser Land. 

Für die Hamburger Kunsttherapeutin und Psychologin Utta Hoffmann ist das keine Überraschung. "Gerade am Anfang zeigen Kinder meist ein hohes Anpassungslevel aus Angst, eine gute Situation wieder verabschieden zu müssen", sagt sie. "Kinder können manche Dinge häufig noch nicht sprachlich zum Ausdruck bringen. Die Bilder können deshalb unbewusste Erlebnisse beeinhalten. Wenn es aber als Bild da ist, kann man daran weiterarbeiten." Genau das hat Utta Hoffmann vor. Gemeinsam mit einer Gruppe Kollegen will sie eine psychologische Beratung für Flüchtlingskinder anbieten. Von offizieller Seite gibt es in Hamburg - zumindest in den Messehallen - bisher nichts dergleichen. Dabei kann erste Hilfe entscheidend sein. "Es ist wichtig, möglichst früh therapeutisch zu arbeiten, denn wenn sich etwas verfestigt, wirkt sich das irgendwann auf die Gesellschaft aus. Solche Kinder können später zum Beispiel Probleme in der Schule haben durch dissoziales Verhalten", sagt Hoffmann.

"Viele Flüchtlinge sind im Durchhalte-Modus"

Ein ehrenamtliches Beratungs-Angebot für Erwachsene haben die Psychologen Caroline Wüsten und Leon Sautier seit kurzem auf die Beine gestellt. "Viele Flüchtlinge sind noch im Durchhalte-Modus. Sie berichten von Schlafstörungen und Albträumen, leiden unter Ängsten und Verfolgungsideen", erzählt Wüsten. Sobald sie an einen sicheren Ort kämen, würden sie zusammenbrechen. Über Dolmetscher sprechen die ehrenamtlichen Therapeuten mit den Geflüchteten, die von Morden und Vergewaltigungen berichten, teilweise zusehen mussten, wie Familienangehörige starben. "Das erste Ziel von uns ist, diese Menschen zu stabilisieren und ihnen zu sagen, dass ihre Reaktionen auf die Erlebnisse normal sind", sagt Wüsten. Ein geschützter Raum sei für die Heilung wichtig - gerade auch für Kinder. Für das Kinderprogramm wurde deshalb ein großes Zelt organisiert, dorthin können sich die Kleinen während der Spielzeiten zurückziehen, sind geschützt vor fremden Blicken.

Doch bald ist damit Schluss. Diese Woche werden die Messehallen geräumt, die Flüchtlinge auf weitere Erstaufnahmelager verteilt. Für die Kinder heißt es dann Abschiednehmen vom Spielen im Hof. Sie lassen nur ihre Bilder zurück.

Wer in Hamburg helfen will, kann sich unter www.karohilft.de informieren.