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Ermittlungsverfahren Der Fall Ruben Prochnow*: Wie leicht man wegen Kinderpornografie unter Verdacht geraten kann

Kinderporno-Verbreitung? Ruben Prochnow und der schlimme Verdacht
Ruben Prochnow über seine Geschichte: "Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich gemacht haben könnte, aber mir fiel nichts ein".
© Jonas Wresch
Das BKA hat in ganz Deutschland Wohnungen wegen des Verdachts der Verbreitung von Kinderpornografie durchsucht. Die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen Kinder und Jugendliche steigt sprunghaft an – weil sie mitunter leichtfertig eingeleitet werden. Wie der Fall von Ruben Prochnow* zeigt.

Es war an einem Freitagabend, als Sylvia Prochnow* das Schreiben an ihren Sohn Ruben aus dem Briefkasten zog. "Kommissariat 11" las die Mutter im Absender und wunderte sich. Ihr 19-jähriger Sohn hatte noch nie mit der Polizei zu tun gehabt.  Sylvia Prochnow riss den Umschlag auf. "Das ist eigentlich nicht meine Art, aber ich konnte nicht anders", sagt sie. Es war eine Vorladung der Polizei. "Gegen Sie wird ein Ermittlungsverfahren aus folgendem Grund geführt: Paragraf 184b StGB, Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischer Schriften", las die Mutter. "Ich fühlte mich, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen."

Als Ruben nach Hause kam, zeigte seine Mutter ihm den Brief. "Es dauerte einen Moment, bis ich begriffen hatte, dass gegen mich ermittelt wird. Wegen Kinderpornografie. Und was das bedeuten könnte", erinnert er sich. Ruben Prochnow will Polizist werden. Er jobbt in einer Grundschule, beaufsichtigt die Hausaufgaben der Kinder. "Ich dachte, mein Leben ist ruiniert."

Rund 8.000 Verdächtige gab es 2018, gegen die wegen Verbreitung, Besitzes und Erwerb von Kinder und Jugendpornografie ermittelt wurde. Viele sind selbst noch Kinder oder Jugendliche. Rund 2.100 Verdächtige waren unter 18 Jahre alt. Etwa 600 Beschuldigte sogar unter 14. Das ist mehr als jeder vierte Verdächtige. Oft fehlt den Jugendlichen das Problembewusstsein. Sie schickten Nacktfotos und Filme weiter, ohne zu wissen, dass sie eine Straftat begehen. Gerade hat das Bundeskriminalamt in elf Bundesländern die Wohnungen von 21 Tatverdächtigen durchsucht, einige waren minderjährig. "Die Bekämpfung des zu Grunde liegenden Delikts des sexuellen Missbrauchs von Kindern ist dem BKA ein besonderes Anliegen", sagte Sabine Vogt, Leiterin der Abteilung "Schwere und Organisierte Kriminalität" beim BKA. Der Fall von Ruben Prochnow zeigt allerdings, wie leichtfertig Staatsanwälte Ermittlungsverfahren einleiten und Jugendliche ohne Not kriminalisieren. Bei Ruben Prochnow reichte eine E-Mail-Adresse, die seinen Namen enthielt.

"Ich habe kaum eine Nacht geschlafen und mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich gemacht haben könnte, aber mir fiel nichts ein", erzählt Ruben. Silvia Prochnow glaubte ihrem Sohn und beauftragte einen Anwalt. Der Strafverteidiger sagte den Vernehmungstermin ab und forderte die Akte an. Nach zwei Wochen hatte er sie auf dem Schreibtisch. "Es ist skandalös, dass dieses Ermittlungsverfahren überhaupt eingeleitet wurde", sagt er.

Teenager-Sex in der Umkleidekabine

Die Akte umfasst 40 Seiten, dokumentiert die Ermittlungen, die sich über zweieinhalb Jahre hingezogen haben. Es geht um ein Video, 32 Sekunden lang. Zu sehen sind zwei Teenager in einer Umkleidekabine beim Sex. Der Junge war 17, das Mädchen 13 Jahre alt, der Sex offensichtlich einvernehmlich. Wer den Film aufgenommen hat, ist nicht bekannt. Fest steht nur, dass das Video kurz darauf über WhatsApp verbreitet wurde. Die Eltern des Mädchens erstatteten im Sommer 2016 Anzeige. Ihre Tochter war unter 14, damit gilt der Film als Kinderpornografie. Die Presse berichtete über das Video ("13-Jährige in Umkleidekabine gefilmt").

Ein halbes Jahr später, am 16. Dezember 2016, wurde das Video um 21.47 Uhr von einem Rechner in Deutschland über ein Google-Konto ins Internet hochgeladen. Der amerikanische Provider meldete die IP-Adresse des Computers, von dem der Film ins Netz gestellt worden war, an das "National Center for Missing an Exploited Children". Die Organisation kämpft gegen Missbrauch und Kinderpornografie. Ein Bundesgesetz verpflichtet Provider in den USA, verdächtige Fotos und Videos der Organisation anzuzeigen. Eine solche Meldepflicht gibt es in Deutschland nicht. Aber seit März 2014 hat das  Bundeskriminalamt Zugriff auf die Datenbank der Amerikaner. Fast die Hälfte seiner Hinweise bekommt das BKA seither aus den USA. Außer der IP-Adresse meldete der Provider noch die E-Mail, die zu dem Google-Konto gehörte, von dem aus der Film hochgeladen worden war. Sie enthält Rubens Namen, den es in Deutschland laut Internet nur ein Mal gibt.

Die IP-Adresse ist so etwas wie der digitale Fingerabdruck im Internet. Sie führt zu dem Rechner, von dem das Video ins Netz geladen wurde. Es gibt in Deutschland allerdings kein zentrales Register für IP-Adressen. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs dürfen Provider IP-Adressen auch höchstens sieben Tage lang speichern.

Deshalb fragte das BKA sofort bei der Telekom nach, wer sich hinter der IP-Adresse verbarg. Vier Tage später, am 20. Dezember 2016, schickte das Unternehmen die Antwort. Die IP-Adresse des Rechners, von dem das Video hochgeladen worden war, gehörte zum Anschluss von Jan Reimers* aus Norddeutschland. IP-Adresse und E-Mail-Adresse stimmten also nicht überein.

BKA legt sich schnell auf einen Verdächtigen fest

Trotzdem ermittelte das BKA nicht etwa gegen Reimers, sondern nahm allein Ruben Prochnow ins Visier. Die Ermittler fragten seine Meldedaten ab. Doch auch seine Wohnadresse stimmte nicht mit der des IP-Inhabers überein. Dennoch war der Fall für das BKA klar: Ruben, damals 17, war so alt wie der Sohn Kai des IP-Inhabers. Beide Familien wohnen nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Es sei "zu vermuten, dass Ruben Prochnow* und Kai Reimers* aufgrund gleichen Jahrgangs befreundet und/oder Schulkameraden sind", schrieb die Kommissarin in ihrem Bericht. Für sie stand fest: Ruben musste den Film unter seiner E-Mail-Adresse auf dem Rechner seines Kumpels ins Netz geladen haben.

Aber kann es nicht auch ganz anders gewesen sein? Hätte nicht auch der Sohn die E-Mail-Adresse missbrauchen können? Vielleicht, weil Ruben beim Einloggen unvorsichtigerweise sein Passwort gespeichert hat? Oder ein Dritter? Der Vater, vielleicht? Oder andere Jugendliche, die in dem Haushalt ein- und ausgingen? Und ist die E-Mail-Adresse überhaupt echt? E-Mail-Adressen sind leicht zu faken. Viele Anbieter prüfen nicht, ob der Name in der E-Mail-Adresse wahr ist oder nicht.

Rubens Strafverteidiger: "Skandalös, dass dieses Ermittlungsverfahren überhaupt eingeleitet wurde".
Rubens Strafverteidiger: "Skandalös, dass dieses Ermittlungsverfahren überhaupt eingeleitet wurde".
© Jonas Wresch

Doch das BKA stellte sich all diese Fragen nicht. Die zuständige Kommissarin schickte ihren Bericht, in dem Ruben Prochnow als einziger Tatverdächtiger genannt wurde, nach Gießen zur "Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität" der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Dort dauerte es fast ein Jahr, bis sich eine Staatsanwältin die Akte im Mai 2018 ansah. "Aus bisherigen Ermittlungsverfahren ist bekannt, dass dieses Video oft durch Kinder und Jugendliche ,aus Spaß’ und damit ohne sexuellen Hintergrund versandt bzw. öffentlich zugänglich gemacht wurde", schrieb sie in ihrem Vermerk.  

Nun leitete sie ein Ermittlungsverfahren gegen Ruben Prochnow ein. Staatsanwälte haben einen Ermessensspielraum, wenn sie entscheiden sollen, ob ein Anfangsverdacht besteht oder nicht. Allerdings setzt die "Annahme eines Anfangsverdachts" eine "sorgfältige Prüfung voraus", wie der verstorbene Jurist Erardo Rautenberg, einst Deutschlands dienstältester Generalstaatsanwalt, schrieb. "Jeder Staatsanwalt muss sich bewusst sein, dass bereits die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens für den Betroffenen eine erhebliche Belastung darstellen kann", heißt es in die "Richtlinien für die Prüfung eines Anfangsverdachts wegen einer Straftat" der Generalstaatsanwaltschaft Brandenburg. Die leichtfertige Einleitung eines Ermittlungsverfahrens könne unter Umständen sogar eine "Amtspflichtverletzung" sein, mahnte Rautenberg.

Kein Vorsatz

Ruben Prochnow ahnte nicht, dass er ins Visier der Ermittler geraten war. Im Sommer 2018 bestand er das Abitur und bewarb sich bei der Polizei. Prompt bekam er eine Absage. Angeblich hatte er einen Teil des Tests nicht bestanden. Aber stimmte das wirklich? Oder durfte er nicht Polizist werden, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Kinderpornografie ermittelte?  

Die Polizei checkt ihre Bewerber gründlich durch. Wer Polizist werden will,  muss nicht nur die Frage beantworten, ob die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, sondern auch, ob jemals gegen ihn ermittelt wurde. Und warum. Die Angaben werden überprüft. Sobald ein Ermittlungsverfahren gespeichert ist, kann die Polizei es recherchieren. Die Polizei muss also gewusst haben, dass gegen Ruben ein Ermittlungsverfahren lief. Und das wäre ein Grund gewesen ihn abzulehnen.  

Unterdessen gab die "Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität" das Verfahren an die zuständige Staatsanwaltschaft ab. Diesmal dauerte es neun Monate, bis sich ein Kripobeamter das Video im Februar 2019 ansah. "Durch den unwissenden Betrachter dürfte das beteiligte Mädchen auf über 14 Jahre geschätzt werden", schrieb er im Februar 2019 in einen Vermerk. Eine wichtige Einschätzung: Den Betrachtern war also gar nicht bewusst, dass auf dem Video ein Kind beim Sex zu sehen war. Ihnen fehlte also der Vorsatz, sich Kinderpornografie anzusehen. Ohne Vorsatz gibt es bei diesem Delikt gar keine Straftat. Die Täter müssen wissen, dass sie sich Kinderpornos ansehen und es auch wollen. Eigentlich ein Grund, das Verfahren einzustellen. Doch die Staatsanwaltschaft ermittelte jetzt wegen Jugendpornografie. Sie wies die Kripo an, Ruben Prochnow vorzuladen, um "ihm im Rahmen eines erzieherischen Gesprächs für die Thematik zu sensibilisieren". 

Einstellung mangels Tatverdachts

Nachdem er die Vorladung von der Polizei erhalten hatte, konnte Ruben, so erzählt er,  "kaum noch an was anderes denken. Egal, was ich gemacht habe, ob ich gearbeitet habe oder beim Sport war, ich konnte mich auf nichts konzentrieren. Im Hinterkopf hatte ich immer das Ermittlungsverfahren." Als er erfuhr, dass ihm eine E-Mail-Adresse zum Verhängnis geworden war, war er "geschockt". Tatsächlich kursierte das Video auch an seiner Schule. Er kennt auch den Sohn des IP-Inhabers. Ruben war auch bei ihm zu Hause am Computer. Konfrontiert habe er ihn nie, der Kontakt sei abgebrochen. "Ich möchte nicht darüber nachdenken, wie das Ganze zustande gekommen ist", sagt Ruben. "Ich weiß nur eins: Ich habe nie irgendwelche Nacktfotos oder Filme hochgeladen. Wenn ich sowas zugeschickt bekommen habe, habe ich es sofort gelöscht." 

Sein Rechtsanwalt beantragte, das Verfahren wegen mangelnden Tatverdachts "umgehend" einzustellen. "Obwohl bisher keinerlei kriminalpolizeiliche Erkenntnisse gegen meinen Mandanten vorliegen, hat man lediglich aufgrund der Namensgleichheit mit der E-Mail-Adresse ein Ermittlungsverfahren eingeleitet." Er schickte der Staatsanwaltschaft einen Screenshot, der zeigt, wie einfach es ist, eine E-Mail-Adresse unter falschem Namen anzulegen. 

Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren tatsächlich umgehend "gemäß 170 Abs. 2 StPO" ein. Das ist eine Einstellung erster Klasse, weil es keinen Tatverdacht gibt. Aber warum wurde dann überhaupt ein Ermittlungsverfahren eingeleitet? Auf Grundlage einer E-Mail-Adresse, die leicht zu faken ist? Das Bundeskriminalamt, das den Tatverdacht allein gegen Ruben konstruiert hat, äußert sich "grundsätzlich nicht zu Details aus Ermittlungsverfahren". Die Staatsanwaltschaft räumt ein, dass gegen Ruben Prochnow nur ein "niedrigschwelliger Anfangsverdacht" bestand. Doch es sei "kriminalistische Erfahrung", dass „der Name, auf den eine E-Mail-Adresse angelegt wird, mit dem Namen des tatsächlichen Nutzers übereinstimmt". So sieht es auch der Sprecher der Zentralstelle der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt.  

Teenager bleibt auf Anwaltskosten sitzen

Für die Justiz ist der Fall damit erledigt. Ruben Prochnow wird der Verdacht dagegen unter Umständen noch lange verfolgen. Er muss die Anwaltskosten von rund 500 Euro bezahlen, für den Abiturienten, der zwei Jobs hat, fast ein Monatslohn. Nur wenn ein Beschuldigter angeklagt, vor Gericht gestellt und freigesprochen wird, übernimmt die Staatskasse die Anwaltsrechnung. Schlimmer wiegt, dass das Ermittlungsverfahren womöglich über Jahre im Polizeicomputer gespeichert bleibt. "Auch wenn ein Verfahren eingestellt wird, muss die Polizei die Daten der Betroffenen in vielen Fällen nicht löschen. Zur Gefahrenabwehr und Strafverfolgungsvorsorge können sie weiter in den polizeilichen Datenbanken vorgehalten werden", sagt Dirk Hensel, Sprecher des Bundesdatenschutzbeauftragten. "So können auch potentiell Unschuldige über lange Jahre in den Informationssystemen der Polizei gespeichert bleiben."

Gegen den IP-Inhaber ist übrigens nie ermittelt worden. Er wurde nicht mal als Zeuge vernommen. Die Begründung der Staatsanwaltschaft: "Es wäre nicht der Tatnachweis zu führen, dass derjenige, der das Video über die E-Mail-Adresse  hochgeladen hat, mit dem Vorsatz gehandelt hat, Bilder von sexuellen Handlungen einer unter 18 Jahre alten Person zu verbreiten. Entsprechend waren weitere Ermittlungen nicht erforderlich", schreibt die Pressesprecherin. Mit dieser Begründung hätte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Ruben Prochnow allerdings auch einstellen können.

Kerstin Herrnkind ist mit der Familie von Ruben Prochnow befreundet. Nur deshalb kam sie an die Ermittlungsakte. Nach Lektüre der Akte legte sie sich eine gefakte E-Mail-Adresse zu. Es dauerte zwei Minuten und 37 Sekunden.  

*Alle Namen und E-Mail-Adressen geändert. 


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