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Kreml-Kritik aus dem Knast: Russischer Ölmagnat Chodorkowski schreibt Kolumne

Es geht an die Eingeweide des russischen Rechtsstaats: In "Menschen des Gefängnisses" erzählt der inhaftierte frühere Öl-Magnat Michail Chodorkowski für eine Oppositionszeitung aus dem Gefangenenlager.

Der inhaftierte frühere russische Ölunternehmer und Kremlkritiker Michail Chodorkowski hat seit Montag eine eigene Kolumne in der Oppositionszeitung "The New Times". In seiner ersten Kolumne mit dem Titel "Menschen des Gefängnisses" erzählt Chodorkowski die Geschichte des Häftlings Kolja, der sich aus Protest gegen ihn gemachte Vorwürfe den Bauch aufschlitzte und seine Eingeweide einem Wärter entgegenschleuderte. "Es graut mir zu sehen, wie die Leben von Menschen verschwendet, wie Schicksale gebrochen werden von den Menschen selbst oder einem gnadenlosen System", schreibt Chodorkowski.

Der frühere Ölmagnat, der in einem Gefangenenlager in Karelien im Nordwesten des Landes inhaftiert ist, werde je nach seinen Möglichkeiten alle "zwei oder drei Wochen" für die Zeitung schreiben, sagte die Chefredakteurin Jewgenia Albats der Nachrichtenagentur AFP. Sie habe Chodorkowski in einem Brief vorgeschlagen, ihr Kolumnist zu werden. Daraufhin habe er angeboten, über die Menschen zu schreiben, die er im Gefängnis getroffen hat. Chodorkowski steht damit in der Tradition von Autoren wie Alexander Solschenizyn oder Warlam Schalamow, die die Lebensbedingungen in sibirischen Arbeitslagern schilderten.

Der frühere Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos war 2003 verhaftet und in zwei Prozessen wegen Betrugs, Steuerhinterziehung und Geldwäsche verurteilt worden. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe könnte Chodorkowski 2016 frei kommen. Das Verfahren gegen Chodorkowski, der vor seiner Verhaftung einer der prominentesten Kritiker des Kreml war, wird von unabhängigen Beobachtern als politisch motiviert betrachtet.

tmm/AFP / AFP