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Krieg in Libyen: Bergdorf Al-Sintan bot Gaddafi die Stirn

An den Bewohnern der Stadt Al-Sintan hat sich Gaddafi die Zähne ausgebissen. Große Summen, Drohungen und Raketen konnten das zähe Bergvolk nicht umstimmen. Die Geschichte einer Stadt, an dem die Front des Krieges vorübergezogen ist.

Die Berge rund um die Stadt Al-Sintan sind schroff und schön. In den Schluchten wachsen Dattelpalmen. In den Abhängen sind die Eingänge der Wohnhöhlen zu erkennen, in denen die eigenwilligen Bewohner dieser Region in West-Libyen noch bis vor 40 Jahren lebten. Heute haben sie Häuser aus Stein mit Säulen und Innenhöfen. Doch in den vergangenen Monaten, als die Truppen von Muammar al Gaddafi die Wasserversorgung kappten, ihre Stadt belagerten und Raketen auf Wohnhäuser abfeuerten, waren sie froh, dass sie die von ihren Vorfahren in den Fels gehauenen Höhlen und Regenwasser-Sammelbecken noch hatten, um zu trinken und sich zu verstecken.

Noch immer liegen in den staubigen Straßen der Stadt Überreste von Raketen und anderer Kriegsschrott herum. Und die örtliche Jugend hat sich angewöhnt, nachts mit Feuerwaffen um die Häuser zu ziehen, um zum Spaß herumzuballern. Doch die Front verläuft hier schon seit einigen Wochen nicht mehr. Die Geschäfte in Al-Sintan haben wieder geöffnet. Auf dem Markt gibt es wieder frisches Obst und Gemüse. Die Kriegstoten sind begraben.

Al-Sintan gehörte neben Al-Beidha und Bengasi zu den ersten Städten, in denen sich die Menschen im Februar gegen Muammar al-Gaddafi erhoben. Und anders als im Falle der rebellischen Ost-Städte, deren Einwohnern Gaddafi ohnehin nie vertraut hatte, schockierte ihn der Aufstand der Menschen aus Al-Sintan.

"Hey, ihr Leute aus Al-Sintan, besinnt Euch auf Eure Tradition", rief er ihnen in einer seiner ersten Reden nach Beginn der Protestwelle erbost zu. Denn er wähnte die alten Stammesführer, die in der Region das Sagen haben, auf seiner Seite. Doch die Jugend, die seine kruden Theorien und seinen Unterdrückungsapparat gründlich satthatte, gab jetzt den Ton an.

Unterstützung erhielten sie von Scheich Al-Taher Al-Dschdea, der seit 32 Jahren die Freitagspredigt in der Großen Moschee von Al-Sintan spricht. Der drahtige kleine Mann ist stolz auf seine Tochter, die Mathematik studiert hat und im Ausland lebt. Er feuerte die Jugend bei ihren Demonstrationen an und ermunterte sie, für die langersehnte Freiheit zu kämpfen.

Heute erinnert er sich voller Stolz daran, wie die Familien damals im Februar beschlossen hatten, "Nein" zu Gaddafi zu sagen: "Als es im Osten zu brodeln begann, schickte er einige seiner Anhänger zu uns und bat uns, 1000 bewaffnete Aufrührer zu schicken, um bei der Niederschlagung der Proteste in Bengasi zu helfen. Doch die Bewohner unserer Stadt haben das abgelehnt." Stattdessen sei auch die Jugend des Ortes auf die Straße gegangen und habe nach dem Sturz des Regimes gerufen.

"Sie fackelten die Polizeistation ab und das Gebäude des Geheimdienstes", berichtet der Scheich. "Dann schickte er uns Leute aus Tripolis, die mit uns verhandeln sollten. Am ersten Tag boten sie 160 000 Dinar für jeden jungen Mann aus Al-Sintan an. Doch wir lehnten ab."

Neue Verhandlungsführer seien gekommen, die in direktem Kontakt mit den Gaddafi-Söhnen Hannibal und Seif al-Islam gestanden hätten. "Sie erhöhten auf 300 000 Dinar und für jeden eine Wohnung an der Flughafen-Straße in Tripolis. Doch die jungen Leute erklärten: 'Die Menschen von Al-Sintan sind nicht käuflich'."

Zuletzt sei schließlich ein Vertrauter Gaddafis erschienen, dessen Familie aus Al-Sintan stamme, berichtet der Scheich. Er habe ihnen mit Raketen- und Gas-Attacken gedroht. Doch wieder blieben die nur mit Jagdwaffen ausgerüsteten Bergbewohner stur.

Die Schlacht begann. Ins Stadtzentrum konnten die Gaddafi-Truppen zwar nie vorrücken. Doch mit ihren Raketen und Granaten terrorisierten sie die Einwohner von Al-Sintan.

Erst als die Nato-Luftangriffe begannen, wendete sich langsam das Blatt. Die Rebellen drängten die Gaddafi-Truppen immer weiter zurück. Zuletzt stieß die Rebellen-Einheit aus Al-Sintan bis nach Tripolis vor.

Von den Schrecken der vergangenen Monate zeugt in Al-Sintan bis heute eine Wand mit Bildern von Gefallenen und Verschwundenen. An einem Kreisverkehr in der Innenstadt hat jemand in englischer Sprache "Al-Zintan is not for sale" (Al-Sintan kann man nicht kaufen) an eine Fassade gesprüht.

Anne-Beatrice Clasmann, DPA / DPA