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Ehemaliger "Zeit"-Herausgeber Mit dem Tod von Theo Sommer schließt sich eine Ära des deutschen Journalismus

Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der "Zeit", Theo Sommer, wurde 92 Jahre alt
Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der "Zeit", Theo Sommer, wurde 92 Jahre alt
© PA / DPA
Theo Sommer ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Der ehemalige Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" war ein kluger Betrachter der Zeitläufe und scharfer Analytiker des politischen Geschehens. Unser Autor blickt zurück auf die gemeinsame Zeit.

Ein Chefredakteur, der mit fast Sechzig an einem Bungee-Seil von der neuseeländischen Karawaru-Bridge springt. Braucht es mehr, um Theo Sommer zu beschreiben? Den großen Leitartikler, klugen Betrachter der Zeitläufte, scharfen Analytiker des politischen Geschehens, Fürsprecher und Diplomaten, preisgekrönten Journalisten, Transatlantiker und Europäer. 

65 Jahre lang tongebender Autor der Wochenzeitung "Die Zeit". Mehr als 1200 Artikel, jeden mit der Hand geschrieben, Schwielen davon am rechten kleinen Finger. 20 Jahre Chefredakteur und auch da gelegentlich kurz ausgebüxt, als Reporter mit der Bundeswehr in Afghanistan oder mit den US-Marines in Somalia. Zu G-20 in Seoul, auf eine Stippvisite bei Muammar al-Gaddafi und Barack Obama. Ein Chef, dessen Weisung auch an uns immer war: "Fahr da hin! Mach die Augen auf!"

Am Montag ist Theo Sommer im Alter von 92 Jahren in Hamburg gestorben. Mit seinem Tod schließt sich eine Ära des deutschen Journalismus, endet ein großes Lebenswerk und ein Leben, von dem wir sicher sein können, dass es ihm viel Spaß gemacht hat. 

Theo Sommer zeigte stets Haltung

Was für eine Tatkraft! Was für starke Pranken! Was für ein Mensch! Vital, fröhlich, klug, streitbar bis zuletzt, als er in treuer Freundschaft für Henri Nannen seine letzte Lanze brach, dem Gründer des stern, dessen ganzes Wirken jetzt wegen antisemitischer Propaganda im Auftrag des Nationalsozialismus auf dem Prüfstand steht. 

Es war immer diese Haltung, die uns bei Theo Sommer imponierte, seine Unerschrockenheit. Vor allem: Seine authentisch souveräne Glaubhaftigkeit. Seine vielen, und manchmal verrückten Ideen, seine frei eingeräumten Irrtümer. Meinungswechsel, die er jedem und sich selbst erlaubte, wenn nur die Begründung folgte. 

Wir haben mit ihm gestritten, wir haben, mit allem Respekt, auch unsere Witze über ihn gemacht, selten über ihn geärgert, verehrt nicht auf Grund seines formellen Status, sondern ihn einfach bewundert, beneidet um seine Weltläufigkeit und auf unsere eigene Weise: geliebt. Weil er ein Frechdachs war. Aber mit Grandezza! Dem auch selbstbewusste Kolleginnen alles nachsahen, weil Ted, wie ihn alle nannten, diesen selbstironischen, jede und jeden entwaffnenden Charme besaß. Weil er laut lachte, sehr gern über sich selbst.  

Wir, um das an dieser Stelle offen zu legen, waren die Jungen in der Zeit-Redaktion, damals, Anfang der Neunziger, heute längst alte weiße Frauen und Männer. Wir fühlten uns bei ihm frei und würdigten doch zu wenig, dass wir geschützt waren, weil wir eingebunden blieben in eine Tradition der Freiheit, die Theo Sommer selbst von seiner Vorgängerin übernommen, bewahrt und noch vergrößert hatte. Weil er uns vertraute und erst dann unsere Artikel las, als sie bereits gedruckt waren. Der uns in der Hauspost ausgerissen Zeitungsartikel schickte, viel aus der englischsprachigen Presse, mit seinen Anmerkungen, immer in grüner Tinte, die Farbe der Macht. Interessante Themen, die zu verfolgen er damit anregte, ohne jemals irgendeinen Vollzug anzufordern. Und der selbst dann noch die Freiheit des geschriebenen Wortes gewährte, als die Ironie der Anonymi des Feuilletons hinterhältig wurde und ihn tief verletzte.

Wenn es knallte, dann nur kurz – aber heftig

Zugegeben, es konnte donnern. Ein Zeus, der Blitze schlug. Da stehe da vor diesem mächtigen Gott des Zorns, ein Artikel im Dossier, zugegeben misslungen. Ihm politisch verquer, dann aber sein Punkt: schlecht recherchiert und das Wichtigste am Thema noch vermasselt. Einschlag folgt auf Einschlag. Endlich Rückzug, ich bin schon im Türrahmen. Und doch noch einmal Stopp. "Ich fahre heute im fünf Uhr mit dem Wagen nach Hause", sagt er, "wenn Sie mögen, können Sie mitkommen." Wir waren Nachbarn und hatten denselben Weg. So waren sie, die Sommer-Gewitter: Heftig, kurz und reinigend. 

Sein menschliches Interesse während der leider nur gelegentlichen Autofahrten habe ich als Privileg erlebt. Eine halbe Stunde exklusiv, Zeit für Fragen des Savoir-Viveren oder der Geostrategie, die ich in unreifer Überheblichkeit für historisch überholt hielt, wofür ich jetzt Abbitte tue. China, Japan oder auch Geschichten aus dem Hamburger Pressehauses, dem Rütlischwur des Journalismus, damals 1962, als Polizisten eindrangen und Spiegel-Kollegen wegen Vaterlandsverrat mitnahmen. Spiegel, stern, Zeit, Jagd und Hund, alle hatten ihre Redaktionsräume noch im Pressehaus. Und standen zusammen, halfen dem Spiegel weiter zu erscheinen. 

Einer nach dem anderen zog später aus. Die Redaktion der Zeit blieb und breitete sich Etage für Etage aus. Theo Sommer amüsierte sich über Aufteilung des Pressemarktes. Der Spiegel recherchiere, der stern drucke die Bilder, die Zeit bilde sich eine Meinung dazu. 

Das geschah dann immer dienstags: Analysen und Kommentare, scharf strukturiert, schnell aber fest gestrickt. Teds wöchentliches Mit-der-Hand-Werk: Erklären, sortieren, vertiefen, beleben oder deuten, und Einfluss nehmen also auf das politische Geschehen, mal warnen, mal ermutigend. (All diese Worte sind von Ted.) Immer schreiben ohne Netz, oft bis spät in die Nacht, manchmal bis gegen Morgen. Die Druckmaschine läuft. Den nächsten "Blonden", so hieß sein Wasser mit dem Schuss Whisky, niemals vor Ende des Absatzes. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren ist die erste Seite der Zeitung weiß geblieben. Und übrigens auch keine der andere. Das war es, was er vormachte und alle im Haus miteinander verband und heute verbindet. Zeitung machen mit Verve, bis hinein in das Layout, mit großem Strich, wo in seinen starken Fingern die Bleistifte brachen.   

Schreiben verglich er mit dem Betreten eines Waldes. Man wüsste oft nicht, wo man herauskäme. Wie Mirabeau, der bei Heinrich von Kleist zu Beginn seiner Rede nicht weiß, dass am Ende die Revolution ausbricht. So sagte Ted es in einem Interview der SZ, geführt von Willi Winkler. Auch der so einer der Auffälligen von damals, der die Beantwortung von Leserbriefen, natürlich nur aus Respekt vor dem Abonnenten, gerne höher geweihten Kollegen überlassen wollt. Da grollte wieder der Zeus. 

Ted nannte uns später "Alt-Spontis", allmählich eingesickert in Feuilleton, Modernes Leben und auch Dossier. Das setzte er dann in die Büroräume gleich gegenüber vom Helmut Schmidt. Auf derselben Etage, aber weit weg von seinem eigenen Büro, am anderen Ende eines großen Hufeisens. Ich glaube, der Abstand galt nicht uns. Ganz am Ende unseres Flurs lag auch das Büro von Gerd Bucerius. 

Fair streiten

Freitagnachmittags die große Redaktionskonferenz. Alle eng aneinander, in zwei Reihen um den langen Tisch. Reservierte Plätze für die Silberrücken. Manchmal ein Schaulaufen der Eitelkeiten, oft eine heftige Debatte, die Ted gerne schürte, weil es ihm Freude machte, unabhängig vom Ergebnis, und weil er manchmal daraus schürfte für den Leitartikel der kommenden Woche. Fair streiten nach seinem Lebensmotto: government by discussion. Aber auch einfach zum klugen Vergnügen, deshalb gerne sehr heiter.  

"Regenwald?", fragt an der Stirnseite des Tisches residierend der Chefredakteur der Zeit, "haben wir nicht immer Urwald gesagt?" 

"Ted, das war noch, als Sie noch Tarzan gelesen haben."  

"Stimmt," sagt er. Dann bricht es aus ihm heraus, dieses uns vertraute sonore Lachen. 

Noch eine andere Anekdote? Vielleicht die der unbegrenzten Macht eines großen Chefredakteurs über die Sprache? Also, wieder zurück in eine dieser Konferenzen: 

"Dyarchie? Was soll das sein? Dieses Wort, Ted, in Ihrem letzten Leitartikel, das gibt es doch gar nicht." 

Der Chefredakteur beharrt: "Doch, gibt es." Ist dann aber nirgendwo zu finden. Also Nachfrage beim Duden-Verlag. Der Lektor kennt das Wort nicht. Sein Kollege am Schreibtisch gegenüber springt ihm bei: "Das gibt es. Ich habe es gerade bei Theo Sommer im Leitartikel der Zeit gelesen."  

Aber nun erst die Pointe. Tatsächlich hatte es dieses Wort einmal gegeben. Es bedeutet Doppelherrschaft, so etwas existierte schon im alten Sparta, gilt aber als veraltet und heißt heuteBiarchie. Beide Benennungen finden sich übrigens im aktuellen Duden. Also mal wieder so ein typisches Ted-Ding, immer eine fein gestreute Dosis Wissen aus seinem Reservoir politisch-historischer Bildung. 

Der früherer "Zeit"-Herausgeber Theo Sommer wurde 92 Jahre alt
Es konnte auch mal krachen mit Theo Sommer, beschreibt unser Autor, aber nie für lange
© Georg Wendt / DPA

Doppelherrschaft. Auch ein Stichwort zur damaligen Lage der Zeit. Hier der Verleger, Gerd Bucerius, dort die Chefredaktion. Zuerst Marion Gräfin Dönhoff, dann Theo Sommer. Vornehme und zugleich entschlossen Menschen, und ein Ringen über all die Jahrzehnte, immer von großer gegenseitiger Wertschätzung. "Ted," so schrieb Bucerius noch 1981 an die Gräfin, "kann einen so fröhlich anschwindeln. … von seinen Kollegen höchst respektiert; seiner journalistischen Leistungen wegen. Aber alleingelassen mit ihm, das möchte so recht niemand." Beim Verleger immer auf den Hinterbeinen und auch eine klare Grenzziehung gegenüber dem Hausgeber, für den er, damals noch jung, den Planungsstab im Verteidigungsministerium aufbaute: "Ein Chefredakteur ist kein Staatssekretär." 

Da war die Herrschaft des Verlegers. Voll Kummer über "diesen Friedensrausch, der in der Redaktion umgeht", dieser Drift nach zu weit nach links, bis dorthin, wo Bucerius fürchtete, die Konservativen zu verlieren. Dagegen stand die Macht des Chefredakteurs. Im Kopf selbst eher konservativ liberal, in der Seele aber offen, neugierig und unerschrockener. Einer der damals nicht gegen Atomkraftwerke aufstand, aber seine jungen Reporter nach Brokdorf schickte, wissend, wie aufgebracht sie zurückkommen würden. Ein Abräumer des Muffs, der mit Hand anlegte am Paragraphen 175. Ein Tapferer, der als 15-Jähriger Adolf-Hitler-Schüler seinen Werwolf-Einsatz verpatze und bald danach in der amerikanischen Zone die plakatierten Fotos aus Bergen-Belsen sah, der deshalb aufstand in diesem Nachkriegsdeutschland und in seiner Zeitung schrieb, dass die Verfassungsschützer, die das "Grundgesetz nicht immer dem Arm tragen" wollten, dort oft noch die Blutgruppentätowierung der SS trugen. 

"Der bedeutendste Chefredakteur, den wir hatten"

Wer Theo Sommer in den letzten Jahren in seinem Büro besuchte, sah in einem Fotorahmen ein Bild der Gräfin Dönhoff und als Bildschirmschoner auf seinem Computer einen jungen Mann mit Helm. Das war er selbst als Reporter in Vietnam. Davor ein begeisterter Unterstützer John F. Kennedys. Danach der Erste, der in Deutschland gegen diesen Krieg anschrieb. 

"Der bedeutendste Chefredakteur den wir hatten." Das sagte neulich Matthias Naß, der inzwischen dienstälteste Zeit-Redakteur. Wir beiden waren uns einig: "Und ein richtig guter Typ."  

Ein Ausnahmetyp. Schon damals, 1958, als die Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff ihn als Politikredakteur der Zeit einstellte. Zunächst einmal auf Probe. 27 Jahre alt, praktische Erfahrung bei der Schwäbisch-Gmünder Rems-Zeitung, empfohlen vom Tübinger Staatsrechtsprofessor Theodor Eschenburg, promoviert aber beim Historiker Hans Rothfels, der während des Nationalsozialismus in die USA emigrierte, vor allem aber: zwei Jahre in den USA studiert. Wer machte das schon, damals in den 50er Jahren? 

Marion Gräfin Dönhoff hatte den Machtkampf gegen die Reaktionäre in der ersten Riege der 1946 gegründeten Zeitung gerade für sich entschieden. Der revanchistische Spuk war bereits beendet, als Theo Sommer in das Büro am Hamburger Speersort einzog, in das Pressehaus. Arkaden, roter Klinker, 20 Jahre alt, ein Neubau aus der Nazizeit, aber jetzt voller Möglichkeiten, die sich Theo Sommer öffneten.  

"Die Zeit" wurde in seiner Zeit groß

Damals sei er der 14. Redakteur der Wochenzeitung gewesen, vielleicht aber auch der 13. Er war sich später nicht ganz sicher. Die Gräfin sei etwas abergläubisch gewesen. Die Zeit war ein dünnes, defizitäres Blatt, acht Seiten mit einer Auflage von 44.000 Exemplaren. Kollegen seiner ersten Jahre als verlässliche Gefährten über die Jahrzehnte, Haug von Kuenheim, auch Dieter Buhl. Und später viele Ziehsöhne und Ziehtöchter.  

Als Theo Sommer 1992 die Chefredaktion abgab und in die Herausgeberschaft wechselte, war die Zeit ein Schwergewicht, gesellschaftspolitisch und auch physisch, mit 120 Redakteuren und im Konferenzraum auch einer Runde Sekt für eine Auflage von einer halben Million Exemplaren. 

Auf Understatement bedacht, wie übrigens immer, gab Theo Sommer den Glückwunsch an die bundesrepublikanische Gesellschaft weiter, dankbar auch für die große Bildungsoffensive zu Beginn der 70er Jahre und den Arbeitsmarkt für Akademiker. Aber er sagte auch: "Ohne das Team um Gräfin Dönhoff wäre sie nicht geworden, was sie ist. Die Heutigen machen es in einer anderen Zeit richtigerweise anders, aber sie stehen ja auch auf unseren Schultern." Sie wissen es alle, vor allem auch auf seinen. Weil er ein Starker war, und ein Großer. 

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