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Die Zeit nach Gaddafi Der Kampf ums libysche Öl


Außer Öl ist Libyen nach dem Krieg so gut wie nichts geblieben. Petrodollars kann das Land mehr als gut gebrauchen. Doch so leicht lässt sich die Produktion nicht wieder anfahren.
Von Niels Kruse

Es gibt (noch) keine echte Führung, keine Parteien, kein zentrales Parlament. Eine funktionierende Justiz ist ebenso wenig vorhanden wie ein funktionierender Sicherheitsapparat. In der Hauptstadt Tripolis mangelt es zudem an Trinkwasser, Nahrung und Ärzten. Wie aus dem nachrevolutionären Libyen je ein echter, im besten Fall demokratischer und ziviler Staat werden soll, ist bislang vollkommen offen. Hoffnung auf ein Happy End im Ex-Gaddafi-Land macht bislang nur die Aussicht auf eine rosige finanzielle Lage. Denn das einzige, was das Land im Überfluss hat, ist etwas, wonach es der ganzen Welt dürstet: Erdöl.

Libyen sitzt auf den größten Vorkommen Afrikas: Zwar fördern Nigeria und Angola derzeit deutlich mehr des schwarzen Goldes, doch das auch nur, weil viele Felder Libyens noch nicht erschlossen sind. Insgesamt werden die Vorräte auf 47 Milliarden Fass geschätzt - das entspricht ungefähr der Hälfte der Reserven Russlands. Zwei Prozent der weltweiten Lieferungen stammen aus dem Norden des Kontinents, allein Frankreich, Spanien, Deutschland beziehen zwischen neun und 14 Prozent ihres Öls aus Libyen. Italien sogar 32 Prozent.

Je nach Ölpreis nimmt das Land bis zu 50 Milliarden Dollar pro Jahr ein. Freilich - alles Zahlen aus der Zeit vor dem Krieg, und niemand weiß angesichts der Lage, wie es weitergehen wird mit Lagerstätten, mit Förderung und Export. Wer Zugriff auf den begehrten Rohstoff erhält, wer das kostbare Gut verkaufen und verarbeiten darf und wer die Einnahmen bekommt. Schon jetzt ist sowohl die Förderung als auch die Produktion fast vollständig zusammengebrochen.

Sicher ist: Die zu erwartenenen Petrodollar reichen aus, um den nur 6,5 Millionen Einwohnern ein anständiges Leben zu ermöglichen. Wer also die Quellen kontrolliert, die Raffinerien betreibt und den Zugang zu den Häfen hat - dem gehört das ganze Land. Doch die Lage ist unübersichtlich:

Problem Nummer eins: Die Erdölfelder

Die zahllosen Vorkommen sind über das ganze Land verteilt, liegen vor allem im Osten und im Westen. Der Osten ist zwar unter Kontrolle der Rebellen, im Westen aber gibt es immer noch einige Orte, in denen die Truppen des Ex-Machthabers Gaddafi die Unterstützung der Bevölkerung genießen. Die dort gelegene Stadt Suara etwa wurde erst am 28. August von den Aufständischen eingenommen - fast eine Woche, nachdem rund 90 Prozent des Landes unter Kontrolle der Aufständischen war. Unweit von Suara liegt das einzige Öl-Terminal des Landesteils, vorgelagert im Mittelmeer, zahlreiche Ölfelder. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Gaddafis Truppen versuchen werden, Ölfelder oder strategische Punkte wie Raffinerien oder die Zugänge dazu, wieder unter ihre Kontrolle zu kriegen oder sie lahm zu legen.

Problem Nummer zwei: Die Stämme

Sie bilden den Grundpfeiler der libyschen Gesellschaft, ihre Struktur ist kompliziert. Je nach Zählung gibt es bis zu 140 Clans. Muammar al Gaddafi entstammt den Guededfa, die vor allem in der Landesmitte siedeln. Andere Stämme, wie die al Suwaya leben im ebenfalls ölreichen Süden - ob und wie sie Anspruch auf die Erträge der Petrodollars erheben, ist noch unklar. Dass sie es tun werden, ist aber wahrscheinlich. Die al Suwaya wissen um ihre Macht, die ihnen durch die Ölquellen zufällt: Schon früh hatten sie sich von Gaddafi losgesagt und damit gedroht, ihm den Ölhahn abzudrehen, falls sein Regime weiterhin Libyer ermorden würde. Untereinander sind viele Stämme verfeindet, ihre Animositäten gehen auf Zeiten zurück, die weit vor der Machtübernahme Gaddafis liegen. Wer ans libysche Öl will, kommt an den Stämmen nicht vorbei. Im besten Fall, lassen sie sich ihre Unterstützung teuer bezahlen - wie es auch schon unter Gaddafi üblich war.

Problem Nummer drei: Die Rebellen

Dass sich die Aufständischen erfolgreich gegen Gaddafi durchsetzen konnten, liegt auch daran, dass sie ihre Kämpfer aus der gesamten Bevölkerung rekrutiert haben: Es waren moderate Bäcker, nationalistische Ärzte, islamistische Studenten und linke Juristen, die den Despoten aus seinem Palast vertrieben haben. So einig sie sich darin waren, Libyen zu befreien, so uneinig sind sie sich über die Zukunft des Landes. Vermutlich wissen viele selbst noch nicht, welche Ziele sie verfolgen werden. Einige ihrer Vertreter haben allerdings schon klar gemacht, mit wem sie künftig ins Geschäft kommen werden und mit wem nicht: So hatte der zu den Rebellen übergelaufene frühere libysche Energieminister Omar Fati bin Schatwan vor einigen Tagen gesagt, dass Russland und China nicht an der Ölförderung beteiligt würden, weil sie den Aufständischen die Unterstützung verweigert hatten. Ali Tarhouni dagegen, im Übergangsrat für Finanzen und Öl zuständig, sagte später, auch diejenigen Länder, die die Aufständischen im Kampf gegen das Regime nicht unterstützt hätten, dürften weiterhin den kostbaren Rohstoff beziehen.

Problem Nummer vier: Die Lieferverträge

Ob mit oder ohne Gaddafi - laut Übergangsrat sollen die bestehenden Verträge über die libyschen Öllieferungen mit den ausländischen Empfängern gültig bleiben. Darauf vertraut auch der Mineralkonzern OMV aus Österreich: "Wir gehen davon aus, dass unsere bis 2032 laufenden Verträge gültig blieben", sagte ein Unternehmenssprecher dem Wiener "Kurier" . Die italienische Ölfirma ENI, der führende ausländische Energiekonzern in Libyen, musste dagegen ihre geschäftlichen Beziehungen zu Libyen nun erneuern. Mit dem Rebellenrat vereinbarte das Unternehmen eine rasche Wiederaufnahme der Förderung und Verwertung von Öl und Gas. Vermutlich allerdings zu einem hohen Preis: In der Vergangenheit war es üblich, dass ausländische Konzerne Provisionen zahlen mussten, um überhaupt ins Ölgeschäft mit Libyen einsteigen zu dürfen. BP zum Beispiel soll 250 Millionen Euro staatliche Ölgesellschaft NOC gezahlt haben.

Problem Nummer fünf: Die Infrastruktur

Der ganze Ölreichtum nützt nichts, wenn der wertvolle Rohstoff nicht gefördert, verarbeitet und transportiert werden kann. Doch große Teile der Petroinfrastruktur sind veraltet oder wurden im Krieg zerstört. Vor allem die Öl-Städte wie Brega und Ras Lanuf haben unter dem Krieg gelitten. Bevor die Petrodollars wieder fließen, müssen große Teile der Ölindustrie erst wieder aufgebaut oder modernisiert werden. Dafür brauchen die Libyer finanzielle Mittel, doch die gesperrten Gelder aus der Gaddafi-Ära reichen zunächst wohl nur dafür aus, die ebenfalls dringend benötigte Grundinfrastruktur wie Krankenhäuser und Wasserversorgung instandzusetzen. Allerdings stehen jetzt schon ausländische Investoren bereit, den Libyern zu helfen. Die italienische Eni etwa hat bereits entsprechende Verträge abgeschlossen. Auch deutsche Maschinenbauer und Energiezulieferer, die zum Teil schon seit Jahren in dem Land aktiv sind, hoffen auf lukrative Aufträge.

Trotz all dieser Probleme ist der Übergangsrat optimistisch, die Erdölproduktion in wenigen Wochen von jetzt 60.000 Fass auf dann 600.000 Fass pro Tag zu erhöhen. Doch zuvor, nebenbei und danach steht er vor der gigantischen Aufgabe, ein ganzes Land von Grund auf neu erschaffen: Angefangen bei der Wasserversorgung, über den Bau unzähliger neuer Häuser und der Schaffung eines politischen Systems, bis hin zum Aufbau einer Polizei und eines zivilen Gemeinwesen. Dazu braucht das Land nicht nur viel Geld - sondern vor allem auch viel Glück.


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