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Loveparade mit mangelndem Sicherheitskonzept: Zu schmale Fluchtwege, keine Feuerwehrpläne

Nach der Tragödie auf der Duisburger Loveparade mit 19 Toten geraten die Veranstalter unter dem Vorwurf massiver Sicherheitslücken zunehmend in Bedrängnis.

Bei der Loveparade in Duisburg hat es offenbar deutliche Sicherheitslücken gegeben. Wie "Spiegel Online" unter Berufung auf ein internes Dokument der Duisburger Stadtverwaltung berichtet, wurden die Veranstalter von der Einhaltung der vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege befreit. Zudem war das Gelände nur für 250.000 Menschen zugelassen.

Das Schriftstück vom 21. Juli 2010 trage den Titel "Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung" und richte sich an die Berliner Lopavent GmbH, die Veranstalter der Loveparade, berichtete "Spiegel Online". Daraus gehe hervor, dass ein Sachbearbeiter des Bauamts die Organisatoren von der Vorschrift befreite, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Gleichzeitig hätten die Beamten auf Feuerwehrpläne verzichtet.

Dem Bericht zufolge begrenzte die Stadtverwaltung die Zahl der Menschen, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf, auf maximal 250.000. Die Veranstalter hatten am Samstag von 1,4 Millionen Menschen gesprochen, die über den Tag verteilt an der Loveparade teilgenommen haben sollen. Polizei und Stadt wollten diese Zahl aber nicht bestätigen. Im Rahmen ihres Ermittlungsverfahrens beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft bereits Unterlagen bei der Stadt.

Deutschlands führender Konzertveranstalter, Marek Lieberberg, erhob schwere Vorwürfe gegen die Veranstalter. "Befruchtet haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der Veranstalter, auf beiden Seiten gut gedüngt durch totalen Amateurismus. Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen", sagte Lieberberg der "Süddeutschen Zeitung" vom Montag. Nach einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeiger" vom Montag hatten Polizei und Feuerwehr schon vor Monaten Vorbehalte gegen das Sicherheitskonzept geäußert.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, kritisierte die Veranstalter erneut scharf. "Ich habe schon vor einem Jahr gesagt, dass die Stadt zu eng ist für eine derartige Großveranstaltung", sagte der gebürtige Duisburger der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" vom Montag. Er glaube, dass Duisburg sich übernommen habe, sagte Wendt: "Das war einfach eine Nummer zu groß." Einiges deute darauf hin, dass die Veranstalter sich über Sicherheitsbedenken hinweggesetzt hätten.

Am Rande der Loveparade waren 19 Menschen ums Leben gekommen. Das Unglück ereignete sich am Samstag kurz nach 17.00 Uhr an einem überfüllten Tunnel, dem zentralen Zugang zu dem Partygelände am alten Duisburger Güterbahnhof. Der genaue Ablauf des Unglücks ist bislang unklar.

Wolfgang Bosbach (CDU), Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages, forderte eine vollständige Aufklärung des Unglücks. Zugleich stellte er im Interview mit den "Ruhr Nachrichten" die Zukunft weiterer Großveranstaltungen dieser Art in Frage. Es müsse geklärt werden, "ob solche Großveranstaltungen überhaupt noch verantwortbar" seien. "Das Leid ist so groß, dass sich jeder Veranstalter in Zukunft gut überlegen wird, ob Veranstaltungen in dieser Dimension in Zukunft überhaupt noch in Angriff genommen werden können", sagte er.

Die Polizei richtete ein Betreuungsangebot für Teilnehmer ein, die Schwierigkeiten haben, die Ereignisse zu verarbeiten. Wie die Polizei Essen am Sonntag mitteilte, können sich Menschen, die aufgrund ihrer Erlebnisse auf der Loveparade ein persönliches Betreuungsangebot in Anspruch nehmen möchten, rund um die Uhr telefonisch unter 0201/82 98 091 melden oder eine Mail an die Adresse Betreuungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de schicken.

AFP/DPA / DPA